Ein Fremder half mir, meinen Hochzeitstraum zu leben

Schlagwörter: #story #fiktion #familie #hochzeit #selbstbestimmung #freundschaft

Lena Müller, Köchin und Rezeptentwicklerin bei Epische Rezepte
Vom Epische Rezepte Team Lena Müller
Zuletzt aktualisiert am 17.10.2026
Nora im Brautkleid mit Nasenkanüle und Rollator neben Erik im dunkelblauen Anzug unter einem Gartenbogen. Merken
Nora im Brautkleid mit Nasenkanüle und Rollator neben Erik im dunkelblauen Anzug unter einem Gartenbogen.

Diese Geschichte ist Fiktion. Alle Figuren, Gespräche und Ereignisse sind erfunden. Erzählt wird aus der Perspektive einer schwer kranken Frau, die für einen lange gehegten Wunsch eine eigene, ehrliche Form sucht.

1. Der Faden an der Schwelle

Mein Kleid blieb an einer Schraube hängen, bevor ich überhaupt den Garten erreichte. Ich hörte das leise Reißen und hielt sofort still. Hinter mir stand meine Mutter mit dem Schleier, vor mir lag der schmale Weg zwischen den Beeten. An seinem Ende bewegten sich weiße Stoffbahnen im Wind. Mein Vater hatte sie seit sechs Uhr morgens aufgehängt. Ich sah hinunter auf den Faden, der sich aus meinem Saum gezogen hatte, und musste gegen einen völlig unpassenden Lachreiz kämpfen. So viel hatten wir für diesen Tag besprochen. Niemand hatte an die Schraube gedacht.

„Nicht bewegen“, sagte meine Mutter. Sie kniete sich schon hin, obwohl ihr die Knie wehtaten. Ich hielt die Griffe meines Rollators fester. Die Nasenkanüle strich über meine Wange, als ich den Kopf drehte. „Mama, ich bewege mich seit einer Minute nicht.“ Sie antwortete nicht. Ihre Finger zupften an der Spitze, immer vorsichtiger, bis sie schließlich gar nichts mehr taten. Ich sah ihren Scheitel und die silberne Haarklammer, die sie sonst für Geburtstage aufbewahrte. Dann fiel ein Tropfen auf den Stein. Es regnete nicht mehr.

„Wir können das immer noch lassen“, sagte sie. Aus dem Garten kam das Klappern gestapelter Teller. Jemand prüfte Musik auf einem kleinen Lautsprecher. Das Haus roch nach Kaffee und dem feuchten Holz der geöffneten Terrassentür. Seit Wochen hatte ich mir vorgestellt, endlich hier zu stehen. Nun sollte ein loser Faden ausreichen, um alles zurückzunehmen. „Hol bitte eine Schere“, sagte ich. Meine Mutter hob den Kopf. „Für das Kleid?“ „Für den Faden.“ Sie nickte, als hätte ich ihr eine schwierige Aufgabe gegeben, deren Lösung sie wenigstens kannte.

Da trat Erik durch das Gartentor. Dunkelblauer Anzug, braune Schuhe, eine flache Werkzeugtasche in der Hand. Fünf Tage zuvor hatte ich diesen Mann zum ersten Mal gesehen. Nun blieb er beim Anblick meiner Mutter auf den Knien stehen und fragte lediglich: „Störe ich?“ Ich zeigte auf die Schwelle. „Die hat angefangen.“ Er stellte seine Tasche ab, wartete auf mein Nicken und betrachtete die Schraube. „Die kenne ich“, sagte er. „Solche wollen immer im Mittelpunkt stehen.“ Meine Mutter lachte einmal kurz durch die Nase. Es war das erste unverstellte Geräusch dieses Morgens.

2. Vierzehn Stühle

Erik war über unsere Nachbarin zu uns gekommen. Sie leitete die kleine Theatergruppe des Ortes; er baute deren Bühnen. Als sie hörte, dass mein Vater für das Gartenfest einen breiten, ebenen Zugang zur Terrasse brauchte, hatte sie ihn gefragt. Am Dienstag war Erik mit einem Zollstock erschienen. Ich hatte am Küchentisch gesessen, in einer grauen Strickjacke, zwischen Stoffproben und ungeöffneten Briefen. „Wo möchten Sie hin?“, hatte er gefragt. Alle anderen wollten damals wissen, wie lange ich durchhalten würde. Ich hatte zum Fenster gezeigt. „Zu dem alten Birnbaum.“ Er hatte einen Bleistift hinter seinem Ohr hervorgeholt.

Jetzt war die Schraube versenkt, der Faden abgeschnitten und meine Mutter im Haus verschwunden. Erik ging neben mir, während ich den Weg ausprobierte. Er griff weder nach meinem Arm noch nach dem Rollator. An der Terrasse blieb ich stehen. Unter dem Birnbaum standen vierzehn Stühle in zwei ordentlichen Reihen. Vorn wartete ein weiß umwickelter Bogen. Dahinter gab es nichts außer der Hecke und einem umgedrehten Blumentopf. Sie hatten tatsächlich einen Platz für mich geschaffen, auf den alle anderen schauen sollten. Ich betrachtete die Stuhlreihen länger, als nötig gewesen wäre.

„Ist etwas falsch?“, fragte Erik. „Es sieht aus, als müsste ich da vorn eine Prüfung ablegen.“ Er sah zu den Stühlen. „Wie hätten Sie es lieber?“ Ich antwortete nicht gleich. Seit meine Verlobung sieben Wochen zuvor geendet hatte, war jeder Wunsch mit einer Erklärung verbunden gewesen. Warum ich das Kleid behalten wollte. Warum ich die Blumen nicht abbestellte. Warum mir dieses Fest wichtig blieb, obwohl der Mann fehlte, mit dem ich es geplant hatte. Ich war müde davon, eine Verteidigungsrede für einen Nachmittag zu halten. „Im Halbkreis“, sagte ich schließlich. „Und meinen Stuhl zwischen den anderen.“

Erik zog den ersten Stuhl zur Seite. Dabei bat er mich, ihm zu zeigen, wo der nächste stehen sollte. Bald war der Mittelgang verschwunden. Aus der Zuschauerordnung wurde eine kleine Gesellschaft. Ich stellte mir vor, wie meine Freundin Tessa dort sitzen und mit dem Fuß gegen mein Stuhlbein stoßen würde, wenn jemand etwas Lächerliches sagte. Das konnte ich aushalten. Vielleicht konnte ich mich sogar darauf freuen. „Sie müssen übrigens nicht Sie zu mir sagen“, sagte ich. Erik hielt einen Stuhl an der Lehne. „Gut. Dann musst du mir sagen, wenn ich ihn schief hinstelle.“

Nora bestimmt vom Terrassenrand aus die Sitzordnung, während Erik einen Holzstuhl in den Halbkreis stellt.
Nora bestimmt vom Terrassenrand aus die Sitzordnung, während Erik einen Holzstuhl in den Halbkreis stellt.

3. Die falsche Zeitform

Drinnen fand ich meine Mutter am Esstisch. Vor ihr lagen cremefarbene Karten, beschriftet mit ihrer sorgfältigen Handschrift. Auf jeder stand der Name eines Gastes. Sie schob die Karten zusammen, als ich kam, und gerade deshalb fragte ich danach. „Nur ein paar Erinnerungen“, sagte sie. „Damit nachher niemand nach Worten suchen muss.“ Ich streckte die Hand aus. Sie zögerte, gab mir dann aber die oberste Karte. Darauf stand Tessas Name. Darunter hatte meine Mutter geschrieben: Was ich an Nora immer bewundert habe. Ich las den Satz zweimal und legte die Karte zurück.

„Ich möchte keine Erinnerungsrunde“, sagte ich. Meine Mutter zog die Schultern hoch. „Man darf doch sagen, was einem ein Mensch bedeutet.“ „Ja. Aber ich möchte dabei sein, ohne mich verabschieden zu müssen.“ Sie begann, die Ecken der Karten aufeinanderzuschieben. „Du hast selbst gesagt, dass es vielleicht dein letztes großes Fest wird.“ Der Satz war richtig. Das machte ihn schwerer zu beantworten. Seit wir wussten, dass meine Zeit begrenzt war, wurden meine eigenen Worte manchmal zu kleinen Verträgen, die andere mir vorhielten. Ich hatte Angst ausgesprochen. Daraus war ein Ablaufpunkt geworden.

„Ich habe gesagt, ich möchte feiern, solange es für mich möglich ist.“ Meine Stimme klang schärfer, als ich wollte. Meine Mutter sah auf. Für einen Augenblick war sie nicht die Frau, die alles zusammenhielt, sondern jemand, dem ich gerade die einzige Beschäftigung weggenommen hatte. „Ich weiß nicht, wie das geht“, sagte sie. „Ich auch nicht.“ Der Kühlschrank sprang an. Im Flur tickte die Uhr, die mein Vater nie richtig stellte. Ich schob meinen Stuhl näher an den Tisch. „Frag die Leute, was sie heute mit mir machen möchten. Kuchen essen. Ein Lied hören. Einen schlechten Witz erzählen. Irgendetwas, bei dem ich antworten kann.“

Sie nahm eine leere Karte. „Und was ist mit den Dingen, die wir dir noch sagen wollen?“ „Die darfst du mir sagen. Auch morgen beim Frühstück.“ Das Wort morgen blieb zwischen uns liegen. Ich wusste nicht, welche Gestalt die kommenden Tage haben würden. Trotzdem wollte ich sie nicht vorsorglich streichen. Meine Mutter drehte die Karte um und schrieb auf die Rückseite: Was möchtest du heute mit Nora teilen? Dann hielt sie mir den Stift hin. „Schreib du es schöner.“ Ihre Schrift war schöner als meine. Wir wussten beide, dass es darum nicht ging.

4. Der Bogen meines Vaters

Als ich zurückkam, stand mein Vater unter dem weißen Bogen und zog an einem Band. Paul hatte sein graues Jackett ausgezogen; auf seinem Hemdrücken zeichnete sich ein dunkler Fleck ab. Er bemerkte die umgestellten Stühle sofort. „Wer hat denn den Gang weggenommen?“ „Ich.“ Er ließ das Band los. „Aber wie soll ich dich dann nach vorn bringen?“ Hinter mir blieb Erik an der Terrassentür stehen. Ich hätte die Frage gern mit einem Scherz beantwortet. Doch mein Vater sah mich so erwartungsvoll an, dass ich wusste, wie lange er diesen Weg schon in seinem Kopf gegangen war.

„Du kannst neben mir hergehen“, sagte ich. „Nur gibt es kein Vorne mehr.“ Er betrachtete den Halbkreis. Ich sah, wie er nach einer praktischen Schwierigkeit suchte. Eine schiefe Lehne. Zu wenig Platz. Irgendetwas, das sich leichter beheben ließ als seine Enttäuschung. „Wir hatten das doch anders besprochen.“ „Wir haben seitdem einiges anders besprochen.“ Das traf ihn. Er nahm sein Jackett von einem Stuhl und legte es wieder hin. Mein Vater hatte die Trennung damals schweigend angehört. Anschließend war er in den Garten gegangen und hatte bis zur Dunkelheit Unkraut gejätet.

„Ich wollte, dass wenigstens das hier klappt“, sagte er. Seine Hand lag auf dem weißen Stoff, den er so ordentlich um das Holz gewickelt hatte. Plötzlich verstand ich, warum er den Bogen schon vor Sonnenaufgang aufgebaut hatte. Er brauchte etwas, das unter seinen Händen eine richtige Form annahm. Ich bat ihn, sich zu mir zu setzen. Zuerst tat er so, als müsste er noch eine Befestigung prüfen. Dann kam er doch. „Du hast mich heute Morgen schon hergebracht“, sagte ich. „Du hast das Bett ans Fenster gerückt, damit ich beim Anziehen Licht hatte. Du musst mich nicht auch noch irgendwo abliefern.“

Er rieb mit dem Daumen über eine raue Stelle seiner Hand. Eine Weile hörten wir nur Erik, der auf der Terrasse seine Werkzeuge einpackte. „Wohin soll das Ding dann?“, fragte mein Vater schließlich. Wir sahen gemeinsam zum Bogen. Ich zeigte auf die offene Gartenseite. Dort fiel das Licht zwischen die Blätter, und dahinter lag ein Stück Wiese. „Dorthin. Für die Fotos. Wenn ich welche machen möchte.“ Mein Vater rief Erik zu sich. Die beiden lösten die Befestigungen und versetzten den Bogen. Ich blieb sitzen und bestimmte, wann er richtig stand. Beim dritten Versuch verdrehte mein Vater die Augen. Da wusste ich, dass er wieder bei mir war.

Nora zeigt ihrem Vater und Erik, wo der weiße Gartenbogen stehen soll; ihr Vater reagiert mit einem vertrauten Blick.
Nora zeigt ihrem Vater und Erik, wo der weiße Gartenbogen stehen soll; ihr Vater reagiert mit einem vertrauten Blick.

5. Eine Einladung ohne Rolle

Gegen Mittag war das Haus für wenige Minuten still. Meine Mutter holte Blumen aus der kühlen Speisekammer, mein Vater suchte seine Manschettenknöpfe. Erik stand am Gartentor mit der geschlossenen Werkzeugtasche. Er hatte einen dunklen Fleck am Hosenbein und versuchte, ihn mit einem Taschentuch zu entfernen. Erst da fiel mir auf, dass er sich für uns umgezogen hatte. Bei seinen anderen Besuchen hatte er eine Arbeitshose getragen. „Du gehst?“, fragte ich. „Die Nachbarin hat noch meine Bohrmaschine. Ich wollte sie holen und euch dann in Ruhe lassen.“ Ich sah auf die freien Stühle. „Es gibt genug Kuchen.“

Er lächelte. „Das ist ein ernstes Argument.“ Ich hätte ihn einfach als Gast bitten können zu bleiben. Stattdessen hörte ich mich fragen: „Würdest du nachher neben mir stehen?“ Sein Lächeln wurde kleiner, aber es verschwand nicht. Er stellte die Tasche ab. „Bei welchem Teil?“ Ich merkte, wie dankbar ich für diese genaue Frage war. Nicht für den ganzen Nachmittag. Nicht für eine Zukunft, die niemand versprechen konnte. Für welchen Teil. „Für ein Foto unter dem Bogen. Und vielleicht, wenn ich etwas sage.“ Er wartete. „In diesem Anzug siehst du ein bisschen aus wie ein Bräutigam“, fügte ich hinzu.

Ausgesprochen klang es fremder als in meinem Kopf. Ich zog mit dem Fingernagel an einer Naht des Kleides. „Ich will niemandem etwas vormachen. Alle wissen, dass die Hochzeit abgesagt wurde. Aber ich wollte dieses eine Bild. Mich im Kleid. Jemanden neben mir, der dort sein möchte.“ Erik sah zur Hecke und dann wieder zu mir. „Ich kann als Erik neben dir stehen“, sagte er. „Mehr weiß ich gerade nicht.“ Ich spürte die Enttäuschung, bevor ich begriff, dass sie nicht ihm galt. Ein Teil von mir hatte noch immer gehofft, jemand könnte den fehlenden Menschen so genau ersetzen, dass die Lücke aufhörte zu existieren.

„Das reicht“, sagte ich, diesmal langsamer. „Ich glaube, genau das meine ich.“ Er fragte, ob ich seinen Arm wollte oder lieber Platz für den Rollator. Ob er bei den Fotos bleiben sollte, wenn ich mich setzte. Ob ich ein Zeichen hätte, falls mir alles zu viel wurde. Wir vereinbarten, dass ich einfach Pause sagen würde. Keine heimliche Geste, die jemand übersehen konnte. Dann erzählte er, dass er für gewöhnlich hinter der Bühne blieb und vor Publikum rote Ohren bekam. Ich sah zu ihm auf. „Dann haben wir beide heute etwas zu verlieren.“ Er steckte das Taschentuch ein und blieb.

6. Die kleine Glocke

Die Gäste kamen mit nassen Schuhsohlen und zu vorsichtigen Stimmen. Tessa brachte eine Schachtel mit schiefem Deckel, meine Tante einen Strauß, der in der Küche sofort ein Glas brauchte. Niemand wusste zunächst, ob man mich umarmen durfte. Also streckte ich die Arme aus, bis Tessa endlich ihre Tasche fallen ließ und mich so vorsichtig drückte, dass ich sagte: „Ein bisschen mehr bin ich schon noch.“ Sie lachte an meinem Ohr. Danach wurden die anderen leichter. Jacken landeten über Lehnen. Jemand fragte nach einer Toilette. Mein Cousin beschwerte sich, dass er seit dem Frühstück nichts gegessen hatte.

Diese gewöhnlichen Sätze halfen mir. Ich konnte darauf antworten, ohne tapfer sein zu müssen. Meine Mutter verteilte die umgeschriebenen Karten. Eine blieb zunächst zwischen ihren Fingern hängen, dann legte sie auch diese auf den Tisch. Mein Vater kam mit etwas in der geschlossenen Hand zu mir. Es war die kleine Messingglocke meiner Großmutter. Früher hatte sie damit in den Garten gerufen, wenn das Essen fertig war. Als Kind hatte ich fest geglaubt, ihr Klang reiche bis zur Bushaltestelle. Die Glocke war angelaufen, der Griff an einer Seite glatt von jahrzehntelanger Benutzung.

„Du wolltest doch damals, dass Oma damit deine Hochzeitsgäste ruft“, sagte mein Vater. Ich hatte diesen Wunsch vergessen. Mit elf hatte ich eine Hochzeit aus Zeitschriften ausgeschnitten und in einen Schulhefter geklebt. Zwischen riesigen Torten und weißen Kutschen hatte ich eine krakelige Zeichnung dieser Glocke versteckt. Mein Vater setzte sich neben mich. „Ich wusste nicht, ob ich sie dir geben soll.“ „Warum nicht?“ Er drehte den kleinen Klöppel zwischen zwei Fingern. „Weil ich nicht wollte, dass noch etwas fehlt.“ Meine Großmutter war seit sechs Jahren tot. Ich nahm ihm die Glocke ab. Sie war schwerer, als ich sie in Erinnerung hatte.

„Dann fehlt sie eben mit“, sagte ich. Mein Vater legte die Hand auf meinen Unterarm. Wir saßen eine Weile so, ohne den Satz zu verbessern. Als Erik aus der Küche kam, stand ich mit dem Rollator auf. Das kleine tragbare Sauerstoffgerät war in seiner dafür vorgesehenen Tasche befestigt; ich hatte den Weg vor mir frei. Mein Vater ging an meiner einen Seite, Erik an der anderen. Niemand setzte Musik in Gang. Ich hob die Glocke und läutete einmal. Tessa erschien sofort mit einer Kuchengabel in der Hand. „Jetzt schon?“ Ich musste lachen, und mein Vater trat einen Schritt zurück, damit ich die anderen selbst in den Garten bitten konnte.

Nora betrachtet die Messingglocke ihrer Großmutter, während ihr Vater neben ihr sitzt und ihren Unterarm berührt.
Nora betrachtet die Messingglocke ihrer Großmutter, während ihr Vater neben ihr sitzt und ihren Unterarm berührt.

7. Unter dem Birnbaum

Für das Foto stellte ich mich unter den Bogen, beide Hände zunächst an den Griffen. Erik wartete neben mir, bis ich ihn ansah. Hinter Tessa, die meine Kamera hielt, drängten sich meine Eltern so eng zusammen, als müssten sie ebenfalls aufs Bild. „Ihr dürft auch atmen“, sagte Tessa zu ihnen. Ich sah kurz zu Erik. Seine Ohren waren tatsächlich rot. Er hob eine Augenbraue, und ich begann zu lächeln, bevor Tessa zählte. So entstand das Bild, das ich hatte haben wollen: eine Braut mit Nasenkanüle und Rollator, neben ihr ein Mann im dunkelblauen Anzug, beide ein wenig verlegen und ganz anwesend.

Danach setzte ich mich in den Halbkreis. Erik zog seinen Stuhl neben meinen. Ich hatte eine Rede geschrieben, drei Seiten lang, ordentlich ausgedruckt. Schon beim ersten Satz wusste ich, dass ich sie nicht vorlesen würde. Er begann mit Liebe Gäste. So hatte ich noch nie mit Tessa gesprochen. Ich faltete die Blätter zusammen. „Ich weiß, ihr seid heute zu etwas gekommen, das schwer zu erklären ist“, sagte ich. Mein Cousin nickte ernsthaft, bis meine Tante ihn mit dem Ellbogen anstieß. Ich war ihm dankbar. „Es gibt keine Trauung. Es gibt mich in diesem Kleid. Und es gibt euch.“

Ich erzählte nicht noch einmal von der Trennung. Jeder hier kannte genug davon. Stattdessen erzählte ich von dem Schulhefter, den ich unter meinem Bett aufbewahrt hatte, und von meiner Großmutter, die grundsätzlich fand, eine Feier brauche mehr Kartoffelsalat als Blumenschmuck. Meine Mutter wischte sich über die Wange und lächelte dabei. Dann sagte ich, dass ich diesen Tag beinahe abgesagt hätte, weil ich nicht gewusst hatte, ob ich mich ohne Bräutigam Braut nennen durfte. Meine Stimme brach mitten im Wort. Erik rührte sich nicht. Er ließ mir Zeit, den Satz selbst zu Ende zu bringen.

„Ich möchte heute nichts beweisen“, sagte ich. „Ich möchte mit euch feiern. Und wenn ich früher müde werde, möchte ich gehen dürfen, ohne dass jemand enttäuscht schaut.“ Mein Vater nickte sofort. Ich wartete, bis auch meine Mutter mich ansah. Dann nickte sie ebenfalls. Tessa hob ihre Karte. Sie wollte mir ein Lied vorspielen, das wir früher auf Klassenfahrten gehört hatten. Mein Cousin wollte endlich Kuchen. Meine Tante hatte drei Fotografien aus meiner Kindheit mitgebracht, von denen sie eine nur nach ausdrücklicher Erlaubnis zeigen würde. Die Stimmen überlagerten sich. Zum ersten Mal an diesem Tag musste niemand überlegen, wie man mit mir sprach.

Nora spricht im Stuhlhalbkreis unter dem Birnbaum zu ihren Gästen; Erik und ihre Eltern hören aufmerksam zu.
Nora spricht im Stuhlhalbkreis unter dem Birnbaum zu ihren Gästen; Erik und ihre Eltern hören aufmerksam zu.

8. Was noch auf die Karte passte

Der Regen kam beim zweiten Stück Kuchen. Erst fiel ein Tropfen auf Tessas Hand, dann raschelte es im Birnbaum. Mein Vater sah sofort zu mir. Ich sagte Pause, und alle bewegten sich, ohne Aufregung daraus zu machen. Erik öffnete die Terrassentür, meine Mutter trug die Teller hinein. Ich brauchte länger als die anderen. Niemand stand hinter mir und wartete hörbar. Im Wohnzimmer setzte ich mich in den Sessel am Fenster und zog die Schuhe aus. Auf einem war ein grüner Fleck. Ich betrachtete ihn beinahe stolz. Draußen löste der Regen die scharfen Kanten des Gartens auf.

Die Musik spielte leiser weiter. Tessa saß auf dem Teppich und zeigte meiner Tante, wie man auf der Kamera zwischen den Bildern wechselte. Mein Vater brachte mir ein Glas Wasser und fragte, ob ich etwas brauchte. Ich sagte Nein, und er glaubte mir. Erik hatte sich auf einen Küchenstuhl gesetzt, weit genug entfernt, dass ich die Beine ausstrecken konnte. „War es das Foto?“, fragte er nach einer Weile. Ich wusste, was er meinte. Ob er seine Aufgabe erfüllt hatte. Ob der Wunsch nun abgehakt werden konnte. „Auch“, sagte ich. „Aber du hast vorher die Stühle umgestellt.“

Er sah zum Fenster, als könnte man dort noch erkennen, was daran besonders gewesen war. Ich erklärte es ihm nicht weiter. Meine Mutter kam mit einer leeren Karte und legte sie auf meinen Schoß. „Du hast selbst noch keine ausgefüllt.“ Ich nahm den Stift. Eine Zeit lang fiel mir nichts ein. Das große Fest, von dem ich so lange gesprochen hatte, fand gerade statt. Ich hörte Teller klappern und meinen Vater über einen Witz lachen, den er falsch verstanden hatte. Dann schrieb ich: Mit Erik Kaffee trinken und erfahren, was er macht, wenn er keine Stühle trägt. Ich zeigte ihm die Karte. Er las sie zweimal. „Mittwoch?“, fragte er. „Ruf vorher an“, sagte ich. „Dann sehen wir.“

Gegen Abend bat ich die Gäste zu gehen. Es kostete mich Überwindung, obwohl wir es vereinbart hatten. Meine Tante packte den restlichen Kuchen ein, Tessa küsste mich auf die Stirn, mein Cousin suchte unter drei Jacken nach seiner. Erik nahm seine Werkzeugtasche und fragte, ob er die geliehene Kamera beim nächsten Mal mitbringen sollte. Ich nickte. Als die Tür geschlossen war, blieb die kleine Messingglocke auf meinem Nachttisch zurück. Neben ihr lag die Karte für Mittwoch. Ich hatte meinen Hochzeitstraum nicht genauso gelebt, wie ich ihn als Kind ausgeschnitten und eingeklebt hatte. Doch ich konnte mich an jede Stunde dieses Tages erinnern, ohne aus meiner eigenen Geschichte zu verschwinden. Und auf der Karte war noch Platz.

Quellenangaben

Dieser Artikel basiert auf vertrauenswürdigen und geprüften Informationen.

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