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Diese Erzählung ist Fiktion. Alle Figuren, Gespräche und Ereignisse sind frei erfunden. Sie handelt von einer Mutter, die sich zu ihrem sechzigsten Geburtstag gemeinsame Zeit wünscht, und erst vor einem leeren Tisch merkt, wie selten sie diesen Wunsch ohne Einschränkung ausgesprochen hat.
1. Die siebte Tasse
Um zehn nach drei stellte ich die siebte Tasse zwei Fingerbreit nach links. Jetzt standen alle Henkel in dieselbe Richtung. Auf der Tischdecke lag ein dünner Streifen Sonne, und im blauen Glas zwischen den Tellern öffnete sich die letzte gelbe Blüte. Ich hörte einen Wagen vor dem Haus bremsen und strich mir über das Kleid. Der Wagen gehörte dem Paketdienst. Er fuhr weiter.
Sechzig, dachte ich. Man müsste diesem Alter doch ansehen können, dass es etwas Besonderes war. Im Spiegel neben der Küchentür hatte ich morgens jedoch dieselbe Frau gesehen wie am Freitag: kurze graue Wellen, die links nie richtig lagen, eine kleine Falte zwischen den Augenbrauen. Ich hatte Lippenstift aufgetragen und ihn wieder abgewischt, weil er am Rand der Kaffeetasse klebte. Das petrolblaue Kleid hatte ich behalten.
Auf dem Handy stand meine Einladung noch immer in unserer Familiengruppe: Samstag, mein Geburtstag, ab fünfzehn Uhr. Nur ihr sechs und ich. Ich würde mich freuen, wenn wir einmal wieder alle zusammen am Tisch sitzen.
Eva hatte ein Herz geschickt. Jonas hatte gefragt, ob er etwas mitbringen solle. Klara schrieb, sie würde ihre Schicht tauschen. Martin antwortete mit einem Daumen, Nora mit einem Foto ihres Kalenderblatts. Ben, mein Jüngster, hatte versprochen, diesmal pünktlich zu sein. Das war drei Wochen her. Ich hatte die Antworten so oft gelesen, dass ich ihre Reihenfolge kannte.
Um halb vier goss ich das Wasser aus der vorgewärmten Kanne. Um vier stellte ich sie zurück in den Schrank. Den Zitronenkuchen ließ ich unter seiner gläsernen Haube. Ich hatte die Glasur am Vorabend zu früh aufgetragen; an einer Seite war sie durchsichtig geworden. Ben würde dort zuerst schneiden, weil er die feuchten Stellen mochte.
Das Telefon hatte seit dem Vormittag nicht geklingelt. Es gab Geburtstagsnachrichten von allen sechs, zwischen anderen Dingen geschrieben. Eva hatte einen Blumenstrauß als Bild geschickt. Jonas ein Foto vom Himmel über seinem Balkon. Nora hatte geschrieben: Heute wird nicht gearbeitet, verstanden? Ich hatte über den Satz gelächelt, während ich die Sahne in den Kühlschrank stellte.
Um fünf rief ich Ben an. Die Verbindung sprang auf seine Ansage. Ich hinterließ keine Nachricht. Dann schrieb ich in die Gruppe: Kaffee ist fertig. Ein kleines gelbes Gesicht setzte ich dahinter, damit es nicht vorwurfsvoll klang.
Während ich auf eine Antwort wartete, holte ich die Küchentücher aus der Waschmaschine. Ich faltete jedes zweimal. Bei dem gestreiften blieb ich stehen, weil ich nicht mehr wusste, warum ich überhaupt im Bad war. Aus dem Wohnzimmer hörte ich die Uhr. Normalerweise bemerkte ich sie nur, wenn die Batterie schwächer wurde.
Ich ging zurück und hob die Kuchenhaube an. Der Geruch nach Zitrone war noch da, aber die Luft im Zimmer hatte sich verändert. Sie fühlte sich an wie nach einem Besuch, wenn alle fort sind und man zu müde ist aufzuräumen.
Dabei war noch niemand gekommen.
Ich nahm einen Teller aus dem Stapel, legte ihn vor mich und schnitt ein Stück ab. Das Messer blieb halb im Kuchen stecken. Ich ließ es dort liegen und setzte mich auf den Stuhl, von dem aus ich die Haustür sehen konnte.
2. Bei Mama geht es immer
Am Donnerstag hatte Eva angerufen, während ich im Schulsekretariat die Post sortierte. Hinter mir wartete ein Junge auf einen Ersatzschlüssel für seinen Spind. Eva sprach schnell. Bei Jonas sei etwas dazwischengekommen, Klara könne am Sonntag entspannter, ob wir vielleicht einen Tag verschieben wollten.
„Am Geburtstag selbst wäre es mir lieber“, hatte ich gesagt.
„Ich frage die anderen noch mal.“
Dann musste ich auflegen. Der Junge hatte inzwischen versucht, seinen Spindschlüssel mit einer Büroklammer nachzubauen, und ich wollte verhindern, dass er sie im Schloss abbrach. Später schickte ich Eva eine Nachricht: Sag mir bitte Bescheid, wie ihr es macht. Sie antwortete: Kümmere mich.
Ich hatte daraus gelesen, dass sie die anderen an meine Einladung erinnern würde. Jetzt, vor dem unangeschnittenen Rest des Kuchens, las ich den kurzen Austausch anders. Zwei Frauen hatten über dieselben Wörter gesprochen und dabei zwei verschiedene Nachmittage vor sich gesehen.
Es wäre bequem gewesen, alles auf diese Nachrichten zu schieben. Aber beim Warten fielen mir andere Tage ein. Ein ausgefallener Ausflug, weil Martin noch sein Auto reparieren musste. Ein gemeinsames Essen, zu dem Nora erst nach dem Nachtisch kam. Mein freier Freitag, den ich gegen einen Mittwoch getauscht hatte, damit Jonas jemanden für eine Lieferung in seiner Wohnung hatte.
Nichts davon war für sich genommen schlimm gewesen. Ich hatte auch Hilfe bekommen: Klara war mit mir zu einem schwierigen Gespräch mit dem Vermieter gegangen. Ben hatte meinen Computer eingerichtet. Eva wusste, welchen Tee ich mochte, und brachte ihn manchmal einfach mit.
Trotzdem hatte sich ein Satz eingeschlichen, den niemand mehr überprüfte: Bei Mama geht es immer.
Ich hatte ihn selbst oft genug gesagt. Wenn ein Termin verschoben wurde, wenn ein Anruf ausfiel, wenn jemand erst abends wusste, ob er zum Essen kam. Passt schon. Macht euch keinen Stress. Wir finden etwas.
Manchmal meinte ich es. Manchmal wollte ich nur nicht hören, wie erleichtert jemand wäre, wenn ich auf etwas verzichtete.
Mit sechs Kindern war früher vieles nur gegangen, weil ich nicht bei jeder Änderung stehen geblieben war. Irgendwer brauchte Turnschuhe, irgendwer hatte Streit, irgendwer hielt mir einen Zettel hin, der schon gestern hätte unterschrieben werden sollen. Ich konnte Brotdosen schließen und gleichzeitig erklären, warum ein verschwundener Füller kein Grund war, die Schule aufzugeben.
Als die Kinder auszogen, blieb diese Bereitschaft in mir stehen wie ein eingeschaltetes Licht. Ich bot Essen an, bevor jemand Hunger erwähnte. Ich verschob meine Pläne, bevor ich nach ihren fragte. Manchmal erzählte ich am Telefon so lange von den Geschwistern, dass für mich selbst kaum Zeit blieb.
Das alles wusste ich an diesem Nachmittag nicht plötzlich vollständig. Ich saß bloß da und erinnerte mich an kleine Szenen, die unangenehm zusammenpassten.
Um sechs kam eine Nachricht von Jonas: Lass dich heute ordentlich feiern!
Ich betrachtete den Satz. Dann tippte ich: Von wem?
Mein Daumen schwebte über dem Pfeil. Schließlich löschte ich die beiden Wörter. Ich wollte nicht in einem Bildschirm anfangen zu streiten. Aber ich schickte auch kein lachendes Gesicht zurück.
3. Der Sonntag, von dem ich nichts wusste
Kurz nach sieben rief Eva an.
„Na, Geburtstagskind?“
Im Hintergrund klapperte Geschirr. Ich hörte jemanden nach einem Topflappen fragen.
„Wo seid ihr?“, fragte ich.
„Zu Hause. Wieso?“
Ich sah auf die sieben Tassen. In der ersten lag ein winziges graues Flusenstück, das sich vermutlich von meiner Strickjacke gelöst hatte.
„Weil ich seit drei auf euch warte.“
Es wurde still. Nicht vollkommen still; das Geschirr klapperte weiter, aber Eva sagte nichts mehr. Dann hörte ich eine Tür zugehen.
„Mama. Wir machen das doch morgen.“
Ich zog das Telefon vom Ohr und sah es an, als könnte auf dem schwarzen Gehäuse eine Erklärung stehen.
„Wer ist wir?“
„Wir sechs. Ich habe doch am Donnerstag gefragt.“
„Und ich habe gesagt, dass ich heute feiern möchte.“
Eva atmete hörbar ein. „Ja. Aber ich dachte, du meinst lieber, wenn es sich einrichten lässt.“
Sie erzählte von einer zweiten Gruppe. Ohne mich, ursprünglich für ein Geschenk angelegt. Dort hatte sie Sonntag vorgeschlagen. Jonas musste am Samstag eine Wohnungsübergabe begleiten, Klara hatte ihre Schicht doch nicht tauschen können. Martin, Nora und Ben waren mit dem neuen Termin einverstanden gewesen. Eva hatte geschrieben, sie kümmere sich um Mama. Die anderen hatten das als Bestätigung verstanden.
„Ich war sicher, ich hätte es dir noch gesagt“, sagte sie.
„Hast du nicht.“
„Ich sehe gerade nach.“
Ich wartete, während ihr Finger vermutlich durch dieselben Zeilen fuhr wie meiner vorhin.
„Nein“, sagte sie schließlich. „Habe ich nicht.“
Ich war froh, dass sie diesen Satz aussprach. Gleichzeitig machte er nichts leichter. Es gab keinen verlorenen Brief, keinen fremden Fehler. Nur eine Mitteilung, die niemand für nötig gehalten hatte zu überprüfen.
„Aber morgen kommen wir“, sagte Eva. „Alle. Um elf. Wir bringen Brötchen mit.“
„Hierher?“
„Ja, wir dachten, das ist für dich am gemütlichsten.“
Ich schloss die Augen. Schon sah ich mich aufstehen, den Tisch neu decken, Eier zählen und überlegen, ob noch genug Butter da war.
„Ich möchte morgen keinen Brunch ausrichten.“
Der Satz kam leiser heraus, als ich beabsichtigt hatte.
„Du musst doch gar nichts machen.“
„Dann sag mir bitte, wer die Sachen einkauft, wer vorher kommt und wer hinterher die Küche macht.“
Eva antwortete nicht sofort. Ich hörte, wie sie sich irgendwo hinsetzte.
„Das haben wir noch nicht besprochen.“
„Eben.“
Meine Stimme brach an diesem kleinen Wort. Ich legte die freie Hand flach auf den Tisch, um sie ruhig zu halten.
„Es tut mir leid“, sagte Eva. Diesmal ohne ein Aber. „Ich habe es verbummelt.“
Ich wollte ihr sagen, dass es schon gut sei. Der Satz war so vertraut, dass mein Mund bereits die erste Bewegung machte.
Stattdessen sagte ich: „Heute ist es nicht gut.“
Wir verabredeten, später noch einmal zu sprechen. Als ich aufgelegt hatte, schrieb ich selbst in die Familiengruppe: Ich habe heute auf euch gewartet. Morgen früh findet bei mir kein Frühstück statt. Ich möchte euch um sechzehn Uhr sehen und mit euch reden. Bitte bringt Kuchen und Getränke selbst mit.
Dann stellte ich das Telefon auf lautlos. Nicht, um sie zu bestrafen. Ich musste erst einmal den Tisch abräumen können.
4. Ein Stück ohne Rand
Ich war mit den Tassen bis in die Küche gekommen, als es klingelte. Für einen Augenblick wurde mir heiß. Vielleicht standen sie doch vor der Tür. Vielleicht war alles noch zu retten, ohne dass ich weiterreden musste.
Es war Sabine aus der Wohnung gegenüber. Unter ihrem Arm steckte meine grüne Mappe.
„Die lag noch bei mir“, sagte sie. „Mit dem Programm von der Druckwerkstatt.“
Sie sah mein Kleid, dann den Tisch hinter mir.
„Störe ich?“
„Nein.“
Ich nahm die Mappe entgegen und musste sie mit beiden Händen festhalten. Sabine wartete. Sie war Buchbinderin gewesen und hatte die angenehme Eigenschaft, Stille nicht sofort mit Ratschlägen zu füllen.
„Sie kommen nicht“, sagte ich.
Mehr schaffte ich zunächst nicht. Sabine stellte ihre Tasche ab.
„Soll ich bleiben?“
Ich nickte und trat zur Seite. Als sie die Tür hinter sich schloss, fing ich an zu weinen. Es war mir peinlich, wie laut der erste Atemzug ausfiel.
Sabine drückte mich kurz an sich. Dann fragte sie, ob sie Wasser aufsetzen dürfe. Ich zeigte auf den Schrank mit dem Tee. Keine von uns sagte, dass Kinder eben viel zu tun hätten. Dafür war ich ihr dankbar.
Wir aßen Kuchen. Sabine bat um ein Stück ohne Rand und schob mir dafür den Teller hin. Diese kleine, genaue Bitte beruhigte mich. Ich musste nicht erraten, was sie wollte.
„Vielleicht habe ich zu viel daraus gemacht“, sagte ich nach einer Weile.
„Aus deinem Geburtstag?“
„Aus dem Zusammensein. Ich habe sogar die guten Servietten gebügelt.“
Sabine strich mit dem Daumen über eine Falte im bordeauxroten Stoff.
„Hattest du dich darauf gefreut?“
„Ja.“
„Dann ist es enttäuschend.“
So schlicht hatte ich es noch nicht gehört. Kein Urteil über meine Kinder, keine Erklärung über mich. Ich trank einen Schluck Tee und merkte, wie trocken mein Mund gewesen war.
Später öffneten wir die grüne Mappe. Zwischen einer alten Rechnung und einem Foto steckte das Programm für einen offenen Druckabend. Sabine hatte mich vor Wochen gefragt, ob ich mitkäme. Ich hatte gesagt, ich müsse erst sehen, ob jemand aus der Familie mich brauche.
„Dienstag“, sagte sie und tippte auf den Termin.
Ich betrachtete das abgebildete Blatt: rote und schwarze Flächen, ein bisschen unordentlich, aber so gesetzt, dass ich immer wieder hinsah. Als junge Frau hatte ich gern gezeichnet. Später waren meine Stifte in die Schulmäppchen der Kinder gewandert. Ich hatte mir neue kaufen können. Dass ich es nicht getan hatte, konnte ich ihnen kaum vorwerfen.
„Ich komme mit“, sagte ich.
Sabine zog ihr Telefon heraus. „Soll ich dir eine Erinnerung schicken?“
„Ja, bitte.“
Sie blieb bis kurz vor zehn. Wir stellten die übrigen Tassen in den Schrank und ließen zwei auf dem Tisch. Als sie ging, war der Abend immer noch nicht der, den ich mir gewünscht hatte. Aber ich hatte etwas gegessen, gesprochen und einmal über Sabines missglückten Versuch gelacht, einen Regenschirm zu reparieren.
Danach hörte ich die Nachrichten meiner Kinder ab. Ich beantwortete nur die Fragen zum nächsten Tag. Für alles andere wollte ich ihre Gesichter sehen.
5. Alle sind da
Am Sonntag um fünf vor vier stand Ben vor meiner Tür. Er hielt zwei Flaschen Saft und einen Strauß, dessen Papier bereits eingerissen war.
„Ich wusste nicht, ob Blumen jetzt blöd sind.“
„Die Blumen können nichts dafür“, sagte ich und nahm sie ihm ab.
Er lachte kurz, unsicher. Dann stellte er die Flaschen in die Küche und blieb dort stehen.
Eva kam mit einem Blechkuchen, Jonas mit Milch und Kaffee. Klara hatte eine Jacke über ihrer Arbeitskleidung, Martin trug eine Einkaufstasche, Nora eine große Dose Kekse. Niemand rief Überraschung. Niemand machte ein Foto.
Ich hatte weder neu gedeckt noch die Krümel unter meinem Stuhl weggefegt. Als Nora nach Tellern fragte, zeigte ich auf den Schrank. Sie holte sie heraus, zählte nach und fragte Martin, ob er die Gabeln nehmen könne. Ich setzte mich schon hin, während die anderen noch hantierten. Das fühlte sich zunächst an, als hätte ich etwas vergessen.
Als alle saßen, schob Eva ihre Tasse ein Stück von sich weg.
„Ich fange an“, sagte sie. „Ich habe den Termin mit euch geändert und Mama nicht gesagt, dass wir uns entschieden haben. Ich habe behauptet, ich kümmere mich. Das habe ich nicht getan.“
Jonas zog die Schultern hoch. „Ich hätte nachfragen können. Spätestens nach deiner Nachricht mit dem Kaffee.“
Ich sah ihn an.
„Du hast sie gelesen?“
„Ja. Gegen halb sechs. Ich dachte, du meinst, du wärst für morgen schon vorbereitet. Das klingt jetzt bescheuert.“
„Warum hast du nicht angerufen?“
Er fuhr mit dem Fingernagel über eine Kerbe im Tisch. „Weil ich gerade keine Zeit für ein längeres Gespräch haben wollte.“
Es tat weh, das zu hören. Doch ich konnte mit diesem Satz mehr anfangen als mit einer Geschichte über ein übersehenes Handy.
Klara sagte, sie habe Evas Nachricht als feste Absprache verstanden. Martin und Nora nickten. Ben hatte nachmittags geschlafen, weil er am Abend zuvor lange ausgegangen war.
„Ich habe die Einladung sogar in meinem Kalender geändert“, sagte Nora. „Ohne dich noch mal zu fragen. Als wärst du nur der Ort, an dem wir uns treffen.“
Ich hatte mir für das Gespräch Sätze aufgeschrieben. Sie lagen gefaltet in der Tasche meiner Strickjacke. Jetzt brauchte ich sie nicht.
„Ich habe mich auf euch gefreut“, sagte ich. „Nicht auf Geschenke. Ich wollte wissen, wie es euch geht, wenn keiner gleich wieder losmuss. Ich wollte einmal nicht zwischen Tür und Angel zuhören.“
Ben sah mich an, und ich erkannte in seinem Gesicht den Jungen, der früher eine schlechte Schulnote erst nach dem Abendessen gezeigt hatte.
„Vier Stunden lang dachte ich bei jedem Auto, dass ihr das seid. Danach habe ich mich geschämt, weil ich immer noch gehofft habe.“
Eva begann zu weinen. Ich griff beinahe nach ihrer Hand, hielt aber inne, um meinen Satz zu Ende zu sagen.
„Ich erzähle euch das nicht, damit ihr jetzt etwas Großes organisiert. Ich möchte, dass ihr versteht, warum ich gestern nicht einfach bis morgen warten konnte.“
Erst dann legte ich meine Hand neben Evas. Sie nahm sie nicht sofort. Nach einem Moment schob sie ihren kleinen Finger unter meinen.
6. Was wir einander nicht gesagt hatten
Es hätte ein leichteres Gespräch werden können, wenn danach nur Entschuldigungen gekommen wären. Aber Martin lehnte sich zurück und sagte: „Ich weiß manchmal wirklich nicht, ob du etwas willst oder ob du nur höflich bist.“
Eva hob den Kopf. „Martin.“
„Nein“, sagte ich. „Lass ihn.“
Er sah nicht erleichtert aus. „Wenn ich frage, ob es dir zu viel ist, sagst du immer nein. Wenn ich spät komme, sagst du, ich soll vorsichtig fahren. Und irgendwann erzählst du Nora, dass du meinetwegen den ganzen Abend gewartet hast. Dann höre ich es von ihr.“
Nora senkte den Blick. Ich erinnerte mich an den Abend, den er meinte. Ich hatte damals tatsächlich gesagt, es mache nichts. Am nächsten Tag hatte ich meiner Tochter die Enttäuschung erzählt, die ihr Bruder nicht hatte hören sollen.
„Das war unfair“, sagte ich.
Martin nickte vorsichtig.
„Gestern habe ich euch allerdings zu einer bestimmten Uhrzeit eingeladen. Da gab es nichts zu erraten.“
„Ja“, sagte er. „Das stimmt.“
Eine Weile sprachen wir durcheinander. Über Anrufe, bei denen ich sofort fragte, ob etwas passiert sei. Über Besuche, die ich als zu kurz empfand, ohne es zu sagen. Über Evas Gewohnheit, Aufgaben an sich zu ziehen und dann wütend zu werden, wenn niemand half.
„Weil sonst keiner anfängt“, sagte sie.
„Du lässt uns manchmal gar nicht anfangen“, erwiderte Klara. „Ich hatte wegen Sonntag noch gefragt, ob Mama einverstanden ist. Da kam nur: Ist geklärt.“
Eva presste die Lippen zusammen. Dann nickte sie.
Ich sah meine erwachsenen Kinder um den Tisch sitzen und musste mich anstrengen, nicht wie früher die nächsten Schritte zu verteilen. Jonas Kaffee holen lassen, Ben zum Abwasch schicken, Eva beruhigen. Stattdessen hörte ich zu. Das war schwerer, als ich erwartet hatte.
Irgendwann stand Nora auf und schenkte Wasser nach. Die Bewegung unterbrach den Streit gerade lange genug, dass niemand den nächsten scharfen Satz sagte.
Wir beschlossen nichts Feierliches. Es gab kein Versprechen, dass wir künftig immer alle Zeit hätten. Klara konnte ihre Dienste nicht nach unseren Wünschen legen, Jonas wohnte fast zwei Stunden entfernt, und Ben wusste oft erst spät, wann er arbeiten musste.
Aber wir machten eine neue Geburtstagsabsprache: Wer zusagte, sagte mir selbst ab, falls es nötig wurde. Eine Änderung galt erst, wenn auch die Person zugestimmt hatte, deren Einladung geändert wurde. Eva löschte den vorgeschlagenen Brunch aus dem gemeinsamen Kalender, während wir dabei saßen.
Ich versprach, nicht mehr „passt schon“ zu schreiben, wenn es nicht passte. Das war mein Teil. Ich sagte es ohne den Zusatz, dass ich mich vermutlich erst daran gewöhnen müsse. Den dachten sich ohnehin alle.
Nach zwei Stunden räumten sie die Küche auf. Ben fragte, wo die Vorratsdosen seien, und ich musste lachen.
„Seit achtzehn Jahren im selben Schrank.“
„Dann wird es Zeit, dass ich es mir merke.“
Beim Abschied umarmte ich jedes meiner Kinder. Bei manchen ging es leicht, bei anderen unbeholfen. Als die Tür geschlossen war, war ich erschöpft. Ich freute mich, dass sie gekommen waren. Und ich war noch immer traurig über den Samstag. Beides ließ sich an diesem Abend nebeneinander aushalten.
7. Eine andere Verabredung
Am Dienstag um halb sechs rief Ben an. Ich suchte gerade die dunkelblaue Jeans, die keine ausgebeulten Knie hatte.
„Bist du zu Hause? Ich könnte auf einen Kaffee vorbeikommen.“
Mein erster Gedanke war, Sabine abzusagen. Ben fragte selten von sich aus. Vielleicht brauchte er ein Gespräch. Vielleicht würde er erst in drei Wochen wieder Zeit haben.
„Ich gehe gleich weg“, sagte ich und setzte mich auf die Bettkante.
„Ach so. Wohin?“
„In eine Druckwerkstatt. Mit Sabine.“
„Cool.“
Ich wartete auf die Enttäuschung, gegen die ich mich schon innerlich wappnete. Sie kam nicht.
„Dann Donnerstag?“, fragte er.
„Ab sieben.“
„Soll ich etwas mitbringen?“
„Etwas zu essen. Ich komme direkt von der Arbeit.“
„Mache ich.“
Nach dem Auflegen saß ich noch einen Moment da. Auf der Stuhllehne lag meine cremefarbene Strickjacke. Ich zog sie an und suchte den Wohnungsschlüssel.
In der Werkstatt roch es nach Farbe, Papier und nassen Jacken. Ein Mann mit Sommersprossen zeigte mir einen freien Platz. Sabine hängte unsere Sachen an zwei Haken und stellte sich neben mich, aber sie erklärte mir nicht jeden Handgriff. Dafür war die Kursleiterin da.
Vor mir lagen ein glatter Druckstock, eine Walze und mehrere Bögen Papier. Ich hatte Angst, schon beim ersten Versuch etwas zu verschwenden. Die Kursleiterin schob mir einen weiteren Bogen hin.
„Dafür ist das Papier hier.“
Ich verteilte zu viel blaue Farbe. Als ich das Blatt abzog, sah es aus wie ein Fenster, hinter dem jemand sämtliche Möbel zusammengeschoben hatte. Sabine betrachtete es mit schiefem Kopf.
„Ein sehr unruhiges Meer“, sagte sie.
„Es sollte eine Häuserzeile werden.“
Wir lachten. Ich lachte so laut, dass der Mann neben mir herübersah und dann selbst grinste.
Beim nächsten Versuch ließ ich mehr freie Fläche. Es gefiel mir noch nicht, aber ich wollte wissen, wie der dritte aussehen würde.
Zwischendurch dachte ich an den Geburtstag. Natürlich tat ich das. Wenn neben mir ein Handy vibrierte, sah ich auf meines. Einmal fragte ich mich, ob die Kinder mein Weggehen als Botschaft verstehen würden, obwohl ich einfach nur hier sein wollte.
Dann zog ich einen neuen Bogen von der Platte. An einer Stelle hatte sich ein schmaler gelber Streifen zwischen zwei blaue Flächen geschoben. Ich wusste nicht genau, wie er entstanden war. Ich hob das Blatt an und drehte es zum Licht.
„Das behalte ich“, sagte ich.
Sabine beugte sich näher. An ihrem Ärmel klebte ein kleiner roter Farbfleck.
„Musst du auch. Ich habe keinen Platz mehr an meinen Wänden.“
Auf dem Heimweg kaufte ich am Kiosk eine Tüte Salzbrezeln. Sabine und ich teilten sie auf einer Bank, weil wir beide das Abendessen vergessen hatten. Ich erzählte ihr vom Telefonat mit Ben. Sie fragte, was er am Donnerstag mitbringen wolle.
„Keine Ahnung“, sagte ich.
Es störte mich nicht. Er würde etwas aussuchen. Ich musste noch nicht einmal Brot aus dem Gefrierfach holen, nur für alle Fälle.
8. Was auf dem Tisch blieb
In den Wochen danach änderte sich weniger auf einmal, als ich es mir nach unserem Gespräch manchmal gewünscht hätte. Jonas vergaß einen vereinbarten Anruf. Ich wartete zwanzig Minuten, dann schrieb ich: Wir waren für acht verabredet. Ich gehe jetzt lesen. Melde dich morgen wegen eines neuen Termins.
Er rief am nächsten Mittag an. Er hatte beim Nachbarn geholfen und die Zeit vergessen. Ich hörte mir die Erklärung an, ohne sie für ihn kleiner zu machen. Wir verabredeten uns für Freitag, und diesmal klingelte das Telefon um acht.
Eva fragte mich weiterhin oft, ob wirklich alles gut sei. Einmal sagte ich: „Für heute ja. Du musst den Samstag nicht bei jedem Gespräch noch einmal in Ordnung bringen.“ Sie schwieg kurz und erzählte dann von einem Streit im Büro. Ich war froh, dass ich wieder ihre Mutter sein durfte, ohne dafür so tun zu müssen, als sei nichts gewesen.
Klara besuchte mich allein nach einem Frühdienst. Sie schlief eine halbe Stunde auf meinem Sofa, während ich mein Buch las. Als sie wach wurde, gingen wir spazieren. Es war ein schöner Nachmittag, obwohl niemand viel organisiert hatte.
Ben kam am Donnerstag mit Nudeln in einer großen Dose. Er hatte die Soße getrennt eingepackt, weil er auf dem Weg nicht hatte kleckern wollen. Wir aßen in der Küche. Danach zeigte ich ihm meinen Druck.
„Den hast du gemacht?“
Ich nickte.
Er hielt das Blatt an der unbedruckten Kante und betrachtete es lange genug, dass ich ungeduldig wurde.
„Du darfst ruhig sagen, wenn du nichts damit anfangen kannst.“
„Ich überlege, wo der bei dir hinpasst.“
Wir stellten ihn schließlich auf das schmale Regal neben der Tür. Ben rückte eine Schale beiseite, die seit Jahren nur alte Knöpfe enthielt. Als er ging, nahm er seine Dose selbst mit.
Von Martin bekam ich eine Nachricht mit zwei konkreten Terminen für einen Ausflug. Nora brachte ein Buch vorbei, über das sie mit mir sprechen wollte. Nichts davon bewies, dass es nie wieder Enttäuschungen geben würde. Aber ich konnte auf Dinge antworten, die tatsächlich angeboten wurden, statt auf Versprechen, die so groß waren, dass niemand wusste, wo man mit ihnen anfangen sollte.
Sechs Wochen nach meinem Geburtstag zog ich zum ersten Mal wieder die bordeauxroten Servietten aus der Schublade. Sabine und Nora kamen zum Abendessen. Ich legte drei auf den Tisch, zögerte und ließ die übrigen im Schrank.
Nora kam zehn Minuten später als verabredet. Sie hatte vorher angerufen, weil ihr Bus an einer Baustelle festhing. Als es klingelte, stand Sabine am Herd und rührte in der Pfanne. Ich machte die Tür auf.
„Entschuldige“, sagte Nora und zog die Schuhe aus.
„Ich weiß. Komm rein.“
Sie hatte eine einzelne gelbe Blume mitgebracht. Ich holte das blaue Glas, in dem am Geburtstag der große Strauß gestanden hatte, und füllte frisches Wasser hinein.
Beim Essen erzählte Sabine von der Werkstatt. Nora fragte, ob sie irgendwann mitkommen dürfe. Ich sagte, ich würde nach einem freien Platz fragen. Dann wollten beide meinen neuesten Druck sehen, und ich stand auf, um ihn zu holen.
Als ich zurückkam, schob Nora mir meinen Stuhl zurecht. Auf meinem Teller lag schon etwas von dem knusprigen Rand, den ich gern mochte.
An meinem sechzigsten Geburtstag hatte ich vergeblich auf meine sechs Kinder gewartet. Der Nachmittag blieb schmerzlich, auch später noch. Aber wenn ich nun den Tisch deckte, zählte ich nicht mehr zuerst, wer fehlte. Ich sah nach, wer zugesagt hatte, und stellte auch für mich einen Teller hin.
Abschließend
Marianne bekommt ihren ausgefallenen Geburtstag nicht zurück. Doch sie und ihre Kinder beginnen, genauer zuzuhören, Verabredungen selbst zu bestätigen und Enttäuschung auszusprechen. Daneben nimmt sie einen eigenen Wunsch wieder auf: einen Abend in der Druckwerkstatt.