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Diese Geschichte ist frei erfunden. Alle Figuren, Gespräche und Ereignisse sind fiktional. Im Mittelpunkt steht ein junges Paar, das draußen ein gemeinsames Selfie aufnimmt, und erst danach bemerkt, wie viel auf einem lächelnden Bild unsichtbar bleiben kann.
1. Noch ein Stück nach links
Als Jonas den Arm ausstreckte, rutschte ihm der Wohnungsschlüssel aus den Fingern. Er fiel in Maras Jackentasche, als hätte er genau dorthin gehört. Sie lachte so überrascht, dass ihre Stirn gegen seine Wange stieß. Auf dem Bildschirm war von der frisch gestrichenen blauen Haustür nur ein schmaler Streifen zu sehen. Dafür passten die Linde, ein Stück Augusthimmel und Jonas’ abstehende Haare ins Bild. „Noch ein Stück nach links“, sagte Mara. „Sonst wächst dir der Ast aus dem Ohr.“ Er zog sie näher. Ihr Lachen hielt gerade lange genug an, bis sein Daumen den Auslöser traf.
Für diesen winzigen Moment war alles leicht. Die Treppen hinter ihnen waren geschafft, die letzte Kiste stand oben, und niemand verlangte von ihnen, noch einmal das Sofa durch das enge Treppenhaus zu tragen.
Mara blieb an ihn gelehnt, während er das Foto prüfte. Sie mochte, wie er darauf aussah: erschöpft, zufrieden, ein wenig ungläubig. Jonas war vierundzwanzig und hatte zum ersten Mal eine Wohnung ohne Mitbewohner. Zwei Zimmer über einer stillgelegten Werkstatt, schiefe Dielen und ein Küchenfenster, das sich nur öffnen ließ, wenn man vorher den Wasserkocher wegräumte. Seit drei Wochen sprach er von kaum etwas anderem. Mara hatte Gardinenstangen gehalten, Farbkarten verglichen und heute eine Kiste mit Geschirr gebracht, das ihre Wohngemeinschaft übrig hatte. Zwei dunkelgrüne Becher lagen darin, sorgfältig in ein gelbes Geschirrtuch gewickelt. Einen davon hatte sie beim Einpacken fast behalten.
„Das nehmen wir“, sagte Jonas. Mara nickte. Sie meinte das Foto. Er küsste sie auf die Schläfe und begann zu tippen. Hinter ihnen sprang die Haustür ins Schloss. Aus dem oberen Fenster hing eine Ecke des Bettlakens, das sie beim Tragen über die Matratze gezogen hatten. Es bewegte sich langsam im warmen Wind. Mara griff in ihre Tasche und fühlte den Schlüssel mit dem blauen Stoffband. Gestern hatte Jonas ihn ihr gegeben: „Damit du nicht immer klingeln musst.“ Sie hatte sich darüber gefreut. Sehr sogar. Jetzt betrachtete sie seinen gesenkten Kopf und dachte an die E-Mail, die seit Donnerstag unbeantwortet auf ihrem Telefon lag.
Sie hatte sich vorgenommen, ihm heute davon zu erzählen. Nach der letzten Kiste. Nach dem Foto. Nach einem Augenblick, den sie ihm nicht verderben würde. „Was schreibst du?“, fragte sie. Jonas hielt ihr das Display hin. Unter ihren lachenden Gesichtern stand: Ab heute unser Zuhause. Mara las den Satz zweimal. Ein Fahrrad rumpelte über die Pflastersteine am Hoftor. Irgendwo klirrte ein Löffel gegen Glas. Jonas wartete mit diesem offenen, erwartungsvollen Gesicht, das sie so gern mochte. „Du hast es schon geteilt?“, fragte sie. Er nickte. Ihr Arm lag noch immer um seine Taille, aber ihre Hand hatte aufgehört, seinen Rücken zu berühren.
2. Der Satz unter dem Bild
„Was ist?“, fragte Jonas. Mara nahm den Arm herunter. Sie wollte eine freundliche Formulierung finden, etwas Kleines, das den Nachmittag nicht sofort zerlegte. Doch jedes Wort, das ihr einfiel, schob die Wahrheit weiter weg. „Ich ziehe heute nicht hier ein.“ Jonas schaute auf die Tür, als könne dort jemand erklären, was sie meinte. „Heute nicht“, wiederholte er. „Das weiß ich. Deine Sachen holen wir doch erst Ende September.“ Mara spürte, wie sich der Schlüssel gegen ihren Handballen drückte. Sie hatte ihn unbemerkt aus der Tasche genommen. „Das haben wir nicht verabredet.“ Er hob den Blick. „Wir haben seit Wochen darüber geredet.“
Das stimmte auf eine Weise, die alles schwieriger machte. Jonas hatte gesagt, ihr Schreibtisch würde gut ans Fenster passen. Mara hatte das Fenster schön gefunden. Er hatte vorgeschlagen, die freien Regalbretter für ihre Bücher zu lassen. Sie hatte gefragt, ob die Wand Dübel halten würde. Als ihre Mitbewohnerin angekündigt hatte, im Herbst auszuziehen, hatte Jonas gesagt: „Dann wäre das doch der passende Zeitpunkt.“ Mara erinnerte sich an ihre Antwort. „Vielleicht.“ Danach hatten sie einen Film ausgesucht. Damals war es ihr wie ein offenes Gespräch vorgekommen. Jetzt hörte sie, wie bequem sie dieses eine Wort zwischen ihnen hatte liegen lassen.
„Ich habe den Vertrag allein unterschrieben“, sagte Jonas. „Schon klar. Aber ich dachte, wir wissen beide, worauf das hinausläuft.“ Sein Telefon vibrierte. Er drehte es um, ohne nachzusehen. Mara bat ihn, das Bild mit dem Satz wieder herauszunehmen. Er tat es sofort. Dann stand er mit dem Telefon in der Hand da, und die schnelle Bewegung machte ihr deutlich, dass das Entfernen viel leichter war als das, was nun kommen musste. „Das Foto mag ich“, sagte sie. „Ich wollte nur nicht, dass du das so verkündest.“ Jonas steckte das Gerät weg. „Und wann hättest du mir gesagt, dass es für dich nichts zu verkünden gibt?“
Sie hätte antworten können, dass er hätte fragen sollen. Es wäre richtig gewesen und unvollständig. Stattdessen sah sie zu der Bank unter der Linde. „Können wir uns setzen?“ Jonas ging zuerst. Auf dem Pflaster lag ein eingerissenes Blatt, obwohl der Baum noch fast vollständig grün war. Mara hob es nicht auf. Sie setzte sich neben ihn, mit einer Handbreit Abstand zwischen ihren Jacken. Durch das Küchenfenster über ihnen sah sie die Unterseite seines neuen Lampenschirms. Sie hatte ihn ausgesucht. Ihr wurde plötzlich klar, wie viele Dinge sie gemeinsam entscheiden konnten, ohne die wichtigste Entscheidung auch nur ordentlich auszusprechen.
3. Die Nachricht vom Donnerstag
„Ich habe ein Angebot bekommen“, sagte Mara. Jonas wartete. „Von der Werkstatt, bei der ich mich beworben hatte. Für die Gestaltung dieser Schaufenster und der bemalten Schilder. Zwölf Wochen. In der anderen Stadt.“ Sie hörte sich an, als lese sie eine Stellenanzeige vor. Dabei hatte sie am Donnerstag mitten im Supermarkt stehen bleiben müssen, weil ihre Hände beim Öffnen der Nachricht gezittert hatten. Mit dreiundzwanzig war sie es leid, ihre Entwürfe immer nur zwischen zwei Schichten an der Kasse fertigzustellen. Die Werkstatt hatte ihre Mappe gesehen. Jemand wollte sie für genau das bezahlen, worin sie gut werden wollte.
„Du hast dich da beworben?“ Jonas rieb mit dem Daumen über eine Kerbe im Bankholz. „Im Juni“, sagte sie. „Als du den Besichtigungstermin hattest.“ Er nickte langsam. Sie erkannte den Tag an seinem Gesicht: den Regen, seine durchweichten Schuhe, das verschwommene Video der Wohnung. Mara hatte ihm damals ein Herz geschickt und ihre Bewerbungsunterlagen noch einmal überarbeitet. „Warum weiß ich davon nichts?“ Sie zog das gelbe Geschirrtuch aus ihrer Jackentasche. Es war nach dem Auspacken dort gelandet. Jetzt faltete sie eine Ecke zur anderen. „Weil ich dachte, dass es sowieso nichts wird. Und später, weil ich es dir persönlich sagen wollte.“
„Später war Donnerstag.“ Seine Stimme war ruhig, aber sie zog die Hände vom Tuch zurück. „Ja.“ „Und Freitag haben wir den Küchentisch gekauft.“ „Du hast ihn gekauft.“ Jonas sah sie an. Mara schloss kurz die Augen. „Das war kleinlich. Entschuldige.“ Eine Weile hörten sie nur das Schleifen eines Besens aus dem Nachbarhof. Dann sagte Jonas: „Ich habe den Tisch genommen, weil du gesagt hast, an dem könnten wir beide arbeiten.“ Sie erinnerte sich. Sie hatte sich diesen Abend wirklich vorstellen können: ihre Zeichnungen auf der einen Seite, seine Unterlagen auf der anderen. Sie hatte nur nicht gewusst, wie schnell aus einem vorgestellten Abend ein ganzer Lebensplan geworden war.
„Ich wollte dir den Umzug nicht kaputtmachen“, sagte sie. Jonas schnaubte leise. „Deshalb erfahre ich es zwischen Haustür und Mülltonnen.“ Das tat weh, weil sie den Vorwurf verstand. Sie legte das Geschirrtuch neben sich. „Ich hatte Angst, dass du dich dann gar nicht mehr freuen kannst.“ „Ich hätte mich gern mit dir gefreut.“ Er schaute in den Hof. „Vielleicht hätte ich dafür einen Moment gebraucht. Aber ich hätte die Gelegenheit gern gehabt.“ Mara ließ den Satz stehen. Sie erklärte ihm nicht noch einmal ihre Absicht. Schließlich zog sie das Telefon hervor und öffnete die Nachricht. „Willst du sie lesen?“ Jonas nahm es nach kurzem Zögern entgegen.
4. Ein freies Regal
Oben roch die Wohnung nach Pappe und dem Holzöl, mit dem Jonas die Tischplatte eingerieben hatte. Er stellte Maras Telefon auf die Fensterbank. Die Zusage war freundlich, knapp und eindeutig. Ein möbliertes Zimmer gehörte zum Angebot; sie musste bis Montag antworten. In zehn Tagen sollte sie anfangen. Jonas zog die beiden grünen Becher aus der Geschirrkiste und stellte sie auf den Tisch. An einem Henkel fehlte ein kleines Stück Glasur. Mara wollte sagen, dass man den nicht unbedingt behalten müsse, doch sie biss sich auf die Lippe. Es gab für diesen Nachmittag schon genug Entscheidungen, die sie unnötig aufgeschoben hatte.
Jonas kniete vor dem Regal. Das untere Fach war leer, während sich seine Bücher in den oberen Fächern drängten. Er nahm drei heraus und legte sie in die freie Reihe. Mara blieb im Türrahmen stehen. „Du musst das nicht sofort ändern.“ „Doch. Meine Bücher liegen seit gestern auf dem Boden.“ Er klang müde. Sie hob den restlichen Stapel auf und reichte ihn ihm. Eine alte Fahrkarte fiel zwischen den Seiten hervor. Sie erkannte den Ausflug, zu dem sie gehört hatte, und steckte sie zurück. Jonas richtete einen schmalen Bildband auf. „Ich habe mich auf deine Sachen gefreut“, sagte er. „Sogar auf die Stifte, die überall herumliegen.“
Mara setzte sich auf die Dielen. „Ich weiß noch gar nicht, ob ich mit jemandem zusammenwohnen kann, ohne sofort wieder einen Ort für mich zu brauchen.“ Jonas lehnte sich gegen das Regal. Sie erzählte ihm von den frühen Stunden, in denen sie zeichnete, bevor jemand etwas von ihr wollte. Von ihrer Angewohnheit, halbfertige Arbeiten tagelang auszubreiten. Er erzählte, wie sehr er nach der Arbeit manchmal Ruhe brauchte und dass er gehofft hatte, sie würde einfach neben ihm sitzen können. Es waren Dinge, die sie voneinander kannten. Doch an diesem Nachmittag mussten sie erstmals überlegen, wie sie sich in denselben zwei Zimmern anfühlen würden.
„Ich wollte nicht nur die Miete teilen“, sagte Jonas. „Das weiß ich.“ „Ich sage es trotzdem.“ Mara nickte. Er blickte zu ihr hinunter, dann setzte er sich ebenfalls auf den Boden. „Du hast vorhin gelacht“, sagte er. „War das wenigstens echt?“ Sie drehte den Kopf zu ihm. „Ja. Ich war glücklich mit dir. Da unten.“ Jonas zog einen losen Faden aus dem Saum seiner Jacke. „Dann habe ich das also nicht alles erfunden.“ „Nein.“ Sie berührte seine Hand, vorsichtig genug, dass er sie wegziehen konnte. Er tat es nicht. Eine Kiste stand zwischen ihren Füßen. Auf ihrer Seite war ein Pfeil nach oben gemalt, der jetzt zur Wand zeigte.
5. Was in welche Kiste gehört
Sie machten erst einmal weiter. Jonas montierte die letzten Griffe an der Kommode; Mara räumte Teller ein. Die Arbeit half, weil sie jeweils einen Anfang und ein Ende hatte. Eine Schraube passte, oder sie passte nicht. Ein Teller brauchte Platz. In der Geschirrkiste lagen Dinge von mehreren Menschen: ein Untersetzer ihrer Mitbewohnerin, drei Teelöffel von Jonas und eine kleine blaue Schale, die Mara nur zum sicheren Transport dazugestellt hatte. Sie nahm die Schale heraus. „Die wollte ich wieder mitnehmen.“ Jonas nickte. Als sie den Pappkarton zusammenfaltete, bemerkte sie, dass sie seit einer Stunde zum ersten Mal etwas gesagt hatte, ohne es vorher auf mögliche Verletzungen zu prüfen.
Unter dem Packpapier fand sie eine zweite Schale. „Die kann bleiben“, sagte sie. „Wenn du sie brauchst.“ Jonas betrachtete das winzige Gefäß. „Für eine besonders kleine Portion Suppe?“ Sie musste lachen. Er lächelte erst eine Sekunde später. „Für Schlüssel“, sagte sie. „Oder deine ganzen Schrauben.“ Er stellte sie auf die Kommode und legte tatsächlich die übrig gebliebenen Schrauben hinein. Dann zog er die Schublade auf, die er für Mara freigeräumt hatte. „Soll ich die auch füllen?“ Sie sah die glatte Holzfläche an. „Ja.“ Er holte seine Mützen aus einem Beutel. Mara half ihm, sie so zu falten, dass die Schublade zuging.
Als Jonas’ Telefon erneut vibrierte, las er die Nachricht. Seine Schwester hatte das Selfie noch gesehen und fragte nach dem Einzug. Er zeigte Mara den Bildschirm. „Ich antworte ihr, dass ich vorschnell war.“ Mara zog an einer gelösten Kante des Klebebands. „Du kannst auch sagen, dass wir das nicht richtig besprochen hatten.“ „Das haben wir nicht. Geschrieben habe ich den Satz trotzdem allein.“ Er tippte eine kurze Antwort und legte das Telefon weg. Mara fühlte Erleichterung, aber sie machte daraus kein Lob. Er musste jetzt nicht auch noch hören, wie gut er seine Enttäuschung bewältigte. Stattdessen fragte sie, ob er seit dem Frühstück etwas gegessen habe.
Er hatte nicht. Sie trugen den leeren Karton hinunter und klemmten ihn in den Papierbehälter. Vor der blauen Tür blieb Jonas stehen. „Ich bin immer noch sauer“, sagte er. Mara hielt das gelbe Geschirrtuch zwischen beiden Händen. „Auf die Bewerbung?“ „Darauf, dass du vier Tage lang neben mir gesessen hast und ich nichts wusste.“ Sie nickte. „Verstehe ich.“ „Und ein bisschen darauf, dass ich schon überlegt hatte, auf welcher Seite du schlafen willst.“ Sie schaute zu dem Fenster hinauf. Diesmal versuchte sie nicht, seine Enttäuschung kleiner zu reden. „Ich hätte es am Donnerstag sagen sollen.“ Jonas zog die Tür zu. Gemeinsam gingen sie zum Hoftor.
6. Der Weg zum Abendessen
Sie kauften Brot, Tomaten und ein Stück Käse. Vor dem Laden hielt Mara die Papiertüte auf, während Jonas die Einkäufe verstaute. Er ließ die schwereren Tomaten nach unten rutschen, wie er es immer tat, und sie zog sie wortlos wieder nach oben. Diese vertraute kleine Bewegung traf sie unerwartet. Sie wollte ihm sagen, dass sie ihn lieben würde, auch wenn sie zwölf Wochen fort war. Doch sie wusste, wie leicht ein großer Satz die konkreten Fragen überdecken konnte. Also fragte sie auf dem Rückweg: „Würdest du mich besuchen wollen?“ Jonas ging ein paar Schritte weiter, bevor er antwortete. „Ja. Ich weiß nur noch nicht, wie oft ich es schaffe.“
Auf einer niedrigen Mauer teilten sie das erste Stück Brot. Mara erzählte genauer von der Werkstatt: den frühen Arbeitszeiten, den Entwürfen, die sie hatte schicken müssen, und dem kleinen Zimmer über dem Arbeitsraum. Jonas fragte, ob es dort einen Tisch gebe. Sie zeigte ihm das Foto aus der E-Mail. Er vergrößerte es mit zwei Fingern. „Wacklig“, sagte er. „Woher willst du das wissen?“ „Das linke Bein steht schief.“ Sie betrachteten den Tisch, bis Mara lachen musste. „Vielleicht ist nur das Foto schief.“ Jonas gab ihr das Telefon zurück. „Dann nehme ich beim Besuch trotzdem Werkzeug mit.“ Es war das erste Mal, dass er von einem Besuch sprach, als könnte er wirklich stattfinden.
Sie schauten in ihre Kalender. Ein Wochenende im ersten Monat passte bei beiden. Ein zweites war unsicher, weil Jonas an einem Samstag arbeiten sollte. Die Fahrten würden Geld kosten, und Mara wusste noch nicht, wann ihre erste Bezahlung eingehen würde. Sie beschlossen, die erste Verbindung gemeinsam herauszusuchen und danach weiterzusehen. Als sie tägliche Anrufe vorschlug, verzog Jonas den Mund. „Auch wenn du bis spät an einem Entwurf sitzt und ich schon halb schlafe?“ Sie dachte an die Abende, an denen sie selbst jede Unterbrechung ärgerte. „Dann lieber sagen, wann es wirklich passt.“ Er nickte. Die Vereinbarung war weniger eindrucksvoll als das, was sie ihm hatte anbieten wollen, aber sie traute ihr mehr.
Auf dem Rückweg fragte Jonas: „Wenn du dortbleiben kannst, nach den zwölf Wochen, würdest du?“ Mara hätte gern eine Antwort gehabt, die ihn sofort beruhigte. „Vielleicht“, sagte sie. Dann blieb sie stehen. „Das heißt diesmal wirklich, dass ich es nicht weiß. Ich kenne die Arbeit noch nicht. Aber ich würde darüber nachdenken.“ Jonas hielt die Brottüte unter den Arm geklemmt. „Und ich mag meine Arbeit hier.“ „Ich weiß.“ An der nächsten Kreuzung warteten sie auf Grün. Er nahm ihre Hand. Keiner von beiden sagte, dass sie schon eine Lösung finden würden. Als die Ampel umsprang, gingen sie trotzdem gemeinsam weiter.
7. Die Antwort
In der Wohnung schnitt Jonas die Tomaten auf einem umgedrehten Kistendeckel, weil das Schneidebrett noch verschwunden war. Mara stand am Küchenfenster und verfasste ihre Antwort. Sie las sie zweimal, änderte eine steife Formulierung und schickte sie ab. Als sie sich umdrehte, sah Jonas kurz auf. „Zugesagt?“ „Ja.“ Er legte das Messer hin. Mara hielt das Telefon noch in der Hand, obwohl es nichts mehr zu tun gab. „Ich freue mich“, sagte sie leise. Jonas strich sich mit dem Handrücken eine Haarsträhne aus der Stirn. „Das habe ich gesehen, als du mir die Nachricht gezeigt hast.“ Dann machte er Platz auf der Arbeitsfläche, damit sie die Teller abstellen konnte.
Sie aßen am neuen Tisch. Zwei Stühle fehlten noch; auf der einen Seite stand eine niedrige Werkzeugkiste, auf der anderen der einzige Küchenstuhl. Jonas bestand darauf, selbst die Kiste zu nehmen. Nach fünf Minuten tauschten sie, weil ihm die Beine einschliefen. Mara lachte über sein umständliches Aufstehen, und diesmal schien er ihr das Lachen nicht mehr erklären zu müssen. Durch das offene Fenster drangen Stimmen aus dem Hof. Sie sprachen über Kleinigkeiten: den fehlenden Duschvorhang, einen besonders schief gedruckten Buchstaben in Maras Mappe, den Nachbarn, der beim Umzug wortlos eine Sackkarre gebracht hatte. Das wichtige Gespräch war noch da. Es brauchte nur nicht jeden Satz zu besetzen.
Beim Abräumen legte Mara den Schlüssel mit dem blauen Stoffband neben Jonas’ Teller. „Wir sollten auch das klären.“ Er betrachtete ihn. „Ich möchte, dass du ihn behältst.“ Mara schob den Becher beiseite, bevor sie sich wieder setzte. „Für Besuche?“ „Für Besuche. Auch wenn du früher kommst als ich.“ Sie nahm den Schlüssel auf. Er wog genauso wenig wie am Morgen. „Dann behalte ich ihn gern.“ Jonas stand auf und ging zum Regal. Er holte ihre blaue Schale, die sie zwischen zwei Kartons abgestellt hatte. „Und die kommt wieder mit dir.“ Mara legte den Schlüssel hinein und trug beides zu ihrer Tasche.
Später saßen sie auf dem Sofa, das noch mitten im Zimmer stand. Mara öffnete das Selfie. Jonas beugte sich zu ihr. Auf dem kleinen Bildschirm lachten sie ahnungslos vor der blauen Tür. Sie konnte inzwischen wieder hinsehen, ohne sofort an den Satz darunter zu denken. „Willst du es löschen?“, fragte er. „Nein.“ Sie schickte es ihm und legte ihr Telefon auf die Fensterbank. Jonas’ Gerät leuchtete kurz auf. „Ich auch nicht“, sagte er. Sie lehnten eine Weile schweigend aneinander. Als draußen der erste Fahrradfahrer mit Licht durch das Hoftor fuhr, bat Mara ihn, ein Stück zur Haltestelle mitzukommen. Jonas suchte seine Schuhe zwischen den Kisten.
8. Sechs Wochen später
Sechs Wochen später klemmte ein Rad von Maras Reisetasche in derselben Pflasterfuge, in der Jonas am Umzugstag mit dem Sofa hängen geblieben war. Er kam aus der blauen Tür, zog am Griff und machte es zunächst schlimmer. „Du musst anheben“, sagte sie. „Das habe ich gerade getan.“ „Du hast gezogen.“ Er sah sie an. Dann hoben sie die Tasche gemeinsam hoch. Es war kühl geworden. Mara trug ihre petrolfarbene Jacke geschlossen, Jonas hatte die Hände nach dem Loslassen sofort wieder in die Taschen seiner ockerfarbenen gesteckt. Sie hatten sich seit achtzehn Tagen nicht gesehen. Für einen Augenblick wussten beide nicht recht, ob sie zuerst reden oder sich umarmen sollten.
Die vergangenen Wochen waren mühsamer gewesen als ihr Kalender. Jonas hatte einen Besuch abgesagt, weil eine Arbeit nicht fertig geworden war. Mara hatte verständnisvoll geantwortet und später am Telefon doch geweint, vor Enttäuschung und Ärger über ihre schnelle, großzügige Antwort. Ein anderes Mal hatte sie einen vereinbarten Anruf vergessen. Sie hatten gestritten, sich am nächsten Abend wieder angerufen und nach einer Weile herausgefunden, welche Uhrzeit ihnen tatsächlich gehörte. Dazwischen hatte Jonas ihr ein Paket mit einem kleinen Holzkeil geschickt. Der Tisch im Werkstattzimmer hatte gewackelt. Mara hatte ihm ein Foto davon geschickt, wie der Keil unter dem linken Bein steckte. Er hatte nur geantwortet: Wusste ich es doch.
Jetzt ließ sie den Griff der Reisetasche los und legte beide Arme um ihn. Jonas drückte sein Gesicht kurz in ihren Kragen. Erst als er zurückwich, sah sie den hellen Farbstreifen auf seinem Ärmel. Er hatte die Küche fertig gestrichen. Sie wollte wissen, ob er den Wasserkocher inzwischen woanders untergebracht hatte. Er wollte wissen, wie ihr erstes eigenes Schaufenster geworden war. Beide redeten gleichzeitig, hörten auf und lachten. Dann zog Mara ihr Telefon hervor. „Ein Foto?“ Jonas sah zur blauen Tür und rückte neben sie. Er legte den Arm um ihre Schultern. Sie hob das Telefon, fand ihre Gesichter im Display und korrigierte den Winkel, bis der Ast hinter seinem Kopf verschwunden war.
„Diesmal bin ich dran“, sagte sie. Jonas grinste. Sie berührte den Auslöser, während er ihr einen Kuss auf die Wange gab. Das Bild war ein wenig unscharf. Mara behielt es trotzdem. Als sie ihn fragte, ob sie es ihrer Mitbewohnerin schicken dürfe, nickte er. Danach steckte sie das Telefon weg und zog ihren Schlüssel hervor. Oben warteten sein eingeräumtes Regal, ihr alter grüner Becher und ein ganzes Wochenende. Über die Zeit nach den zwölf Wochen hatten sie noch keine Entscheidung getroffen. Mara schloss die Tür auf. Jonas hob die Reisetasche über die Schwelle. Diesmal wussten beide, was sie hereintrugen.
Abschließend
Auf dem ersten Foto war ihr Lachen echt gewesen, auch wenn sie danach vieles richtigstellen mussten. Später würde Mara sich daran erinnern, wie Jonas an jenem Abend ihre kleine blaue Schale aus dem Regal geholt hatte. Er hatte ihr zugehört. Sie hatte sie mitgenommen und war wiedergekommen.