Meine fünf Geschwister brauchten mich. Aber ich brauchte auch ein Leben.

Schlagwörter: #story #fiktion #familie #geschwister #verantwortung #neuanfang

Lena Müller, Köchin und Rezeptentwicklerin bei Epische Rezepte
Vom Epische Rezepte Team Lena Müller
Zuletzt aktualisiert am 17.10.2026
Juna hält ihren zweijährigen Bruder und tupft eine nasse Zeichnung ab, während ihre vier weiteren Geschwister im Wohnzimmer sind. Merken
Juna hält ihren zweijährigen Bruder und tupft eine nasse Zeichnung ab, während ihre vier weiteren Geschwister im Wohnzimmer sind.

Diese Geschichte ist Fiktion. Alle Figuren, Gespräche und Ereignisse sind frei erfunden. Sie erzählt von einer großen Schwester, die nach dem Tod ihrer Eltern immer mehr vom Familienalltag übernimmt, und davon, wie schwer es werden kann, einen eigenen Wunsch auszusprechen, wenn alle sich auf einen verlassen.

1. Sechs Menschen und ein nasses Blatt

Der Tee lief über das Dach, bevor ich das Haus fertig gezeichnet hatte.

Eine braune Spur zog sich durch die Bleistiftfenster und sammelte sich am unteren Rand des Papiers. Oskar saß auf meiner Hüfte, schwer und warm, seine zwei Finger noch im Henkel meiner Tasse. Mit der freien Hand griff ich nach einem Geschirrtuch. Dabei trat ich auf einen Holzklotz.

Ich sagte nichts. Das war das Erste, was mir später an diesem Abend wieder einfiel: wie gut ich inzwischen darin war, nichts zu sagen.

Vor dem Sofa kniete Leni zwischen Bauklötzen. Emil suchte unter dem Tisch nach einem Rad seines Spielzeuglasters. Paula hielt mir einen Schulzettel hin. Timo stand im Türrahmen, die Kapuze seines senfgelben Pullovers halb über dem Kopf.

„Kannst du kurz unterschreiben?“, fragte Paula.

„Ruth muss unterschreiben.“

„Dann kannst du es ihr hinlegen?“

Ich nickte, tupfte das Papier ab und schob es unter einen Stapel Werbeprospekte. Auf der Rückseite stand die Adresse eines Zeichenkurses. Zehn Dienstagabende. Achtzehn bis zwanzig Uhr. Ich hatte mir die Information im Kopierladen ausgedruckt, während die Maschine eine Bestellung heftete.

„Was war das?“, fragte Timo und sah auf den feuchten Rand.

„Nur eine Zeichnung.“

Er blieb noch einen Moment stehen. Dann bückte er sich, hob das verlorene Rad auf und gab es Emil.

Ich war zwanzig. Timo fünfzehn, Paula zwölf, Emil neun, Leni sechs und Oskar zwei. Wenn jemand fragte, wie es bei uns lief, antwortete ich meistens mit diesen Zahlen, als ergäbe sich daraus schon alles Weitere.

Seit unsere Eltern vor knapp zwei Jahren gestorben waren, lebte Tante Ruth bei uns. Sie war die Vormundin meiner Geschwister, kümmerte sich um die wichtigen Schreiben und trug mit ihrem Einkommen einen großen Teil unserer Ausgaben. Nachmittags fuhr sie zu ihrer Arbeit in einer Wäscherei. Ich arbeitete vormittags im Kopierladen; Oskar ging in dieser Zeit in die Kita.

Wir hatten uns einen Alltag gebaut, der von außen erstaunlich ordentlich aussah. Wer wann etwas brauchte, wusste meistens ich.

„Du hast da was“, sagte Leni.

Sie deutete auf meinen Hals. Ein Teetropfen hing unter meinem Kinn. Ich wischte ihn mit dem Ärmel weg.

Dann bat Oskar um Brot, Emil fand auch das zweite Rad, und ich stellte Wasser für die Nudeln auf. Das nasse Blatt blieb unter den Prospekten. Niemand hatte mich gebeten, es dort zu verstecken.

2. Die Dinge, die ich nach hinten schob

Früher hatte ich Häuser gezeichnet, in denen niemand wohnte. Schmale Treppen, verwinkelte Zimmer, Balkone mit viel zu kleinen Geländern. Meine Mutter hatte einmal gefragt, warum auf meinen Bildern nie Menschen vorkamen.

„Weil ich erst wissen muss, wo sie Platz haben“, hatte ich gesagt.

Damals war das eine Antwort über Zeichnungen gewesen.

Als unsere Eltern starben, war ich achtzehn und Oskar wenige Monate alt. Ruth zog mit zwei Reisetaschen und einer Kiste Geschirr ein. In den ersten Monaten kam regelmäßig eine Familienhelferin. Gemeinsam ordneten wir Termine, suchten Betreuung und besprachen, wie die Tage überhaupt zu schaffen waren.

Irgendwann gab es weniger vergessene Turnbeutel und wieder warme Mahlzeiten zu ungefähr denselben Uhrzeiten. Wir hielten das für den Beweis, dass wir nun zurechtkamen.

Meine Bewerbung für eine gestalterische Ausbildung blieb zunächst auf dem Schreibtisch liegen. Später räumte ich sie in einen Ordner. Ich schrieb mir keinen neuen Termin auf. Es gab immer etwas, das schon morgen passieren musste.

Im Kopierladen blieb ich, weil ich dort Geld verdiente und die Vormittage zu unserem Alltag passten. Ich konnte Papierstärken am Geräusch erkennen. Manchmal nahm ich abgeschnittene Reste mit nach Hause. Gezeichnet hatte ich darauf in letzter Zeit hauptsächlich Einkaufslisten.

An jenem Abend schlief Oskar erst auf meinem Schoß ein. Sein Stoffhase hing an einem Ohr zwischen meinen Knien. Die anderen waren in ihren Zimmern, Ruth noch bei der Arbeit.

Timo kam aus dem Flur und legte mein altes Skizzenbuch auf das Sofa.

„Das lag bei den Bettlaken.“

„Da war Platz.“

Er blätterte nicht darin. Er strich nur eine umgeknickte Ecke glatt.

„Du hast früher dauernd gezeichnet.“

„Früher hast du auch dauernd meine Radiergummis zerschnitten.“

Er grinste kurz. Dann sah er zu Oskar.

„Ich kann ihn ins Bett bringen.“

„Wenn du ihn jetzt nimmst, wird er wieder wach.“

Timo zog die Hände zurück, bevor er uns überhaupt berührt hatte.

„Okay.“

Als er weg war, schlug ich das Buch mit zwei Fingern auf. Zwischen einer Treppe und einer Reihe Dachfenster steckte ein altes Kinoticket. Den Film hatte ich fast vergessen. Ich erinnerte mich aber daran, wie ich danach mit einer Freundin an der Bushaltestelle gestanden hatte, ohne auf die Uhr zu sehen.

Oskar bewegte den Mund im Schlaf. Ich legte die Hand auf seinen Rücken und blieb sitzen.

Zum ersten Mal seit Langem dachte ich nicht nur daran, was morgen getan werden musste. Ich dachte daran, wie wenig von meinen Tagen ich noch selbst auswählte. Dieser Gedanke war so unangenehm, dass ich das Skizzenbuch wieder schloss.

Timo legt Juna ihr altes Skizzenbuch hin, während Oskar auf ihrem Schoß schläft.
Timo legt Juna ihr altes Skizzenbuch hin, während Oskar auf ihrem Schoß schläft.

3. Ein Nein am Küchentisch

Zwei Tage später legte Timo beim Abendessen einen orangefarbenen Zettel neben seinen Teller.

Seine Theatergruppe hatte einen Platz bei einer dreitägigen Werkstatt bekommen. Die Schule organisierte die Fahrt. Er hatte im Bühnenbau mitgearbeitet und sollte zusammen mit zwei anderen die Kulissen vorstellen.

„Freitag nach der Schule geht es los“, sagte er. „Sonntagabend sind wir wieder da.“

Ich sah auf das Datum. Ruth hatte an diesem Samstag eine zusätzliche Schicht. Ich sollte im Kopierladen aushelfen. Paula war zu einer Geburtstagsfeier eingeladen, Emil hatte ein Spiel, und für Oskar musste jemand da sein.

„Das Wochenende geht schlecht.“

„Ich frage ja jetzt, damit wir planen können.“

„Es ist in neun Tagen.“

„Ich habe den Zettel heute bekommen.“

Ich zog meinen Kalender heran. Leni schob ihren leeren Becher über den Tisch. Ich füllte Wasser nach und suchte gleichzeitig den Samstag.

„Vielleicht beim nächsten Mal.“

Timo sah mich an. „Du hast noch gar nicht mit Ruth gesprochen.“

„Ich kenne ihre Arbeitszeiten.“

„Und meine Sachen kennst du auch immer schon, bevor ich etwas sagen kann.“

Der Satz traf mich, weil er ungerecht klang. Ich wusste doch gerade deshalb so viel, weil ich mich kümmerte.

„Irgendjemand muss hier den Überblick behalten“, sagte ich.

Die Küche wurde still. Selbst Emil hörte auf, mit seiner Gabel ein Muster in die Soße zu ziehen.

Timo nahm den Zettel zurück.

„Dann sag einfach, dass ich bleiben muss.“

„So habe ich das nicht gesagt.“

Er faltete das Papier einmal, dann noch einmal. „Es kommt aber dasselbe dabei raus.“

Ich hätte ihn aufhalten können, als er aufstand. Stattdessen räumte ich seinen Teller weg und ärgerte mich darüber, dass noch Essen darauf lag.

Später fand ich Paula im Flur vor dem Kalender. Sie stand auf Zehenspitzen und schrieb mit Bleistift etwas in die unterste Zeile.

„Was machst du?“

„Nichts Wichtiges.“

Sie schob den Stift hinter den Kalender. Ich war zu müde, um nachzusehen.

Als Ruth heimkam, erzählte ich von Timos Fahrt. Ich zählte erst ihre Schicht auf, dann meine, dann die Termine der anderen.

„Wir müssen schauen, wie es geht“, sagte sie.

„Ich habe schon geschaut.“

Ruth stellte ihre Tasche ab. „Du hast geschaut, wie es mit unserem bisherigen Plan geht.“

Ich hörte darin einen Vorwurf und ging ins Bad, um die liegen gebliebenen Handtücher aufzuhängen. Im Spiegel sah ich aus wie jemand, der jeden Moment etwas Wichtiges erledigen würde. Dabei hielt ich nur ein nasses Handtuch fest und wartete darauf, dass mein Ärger nachließ.

4. Was die Kinder verstanden hatten

Am nächsten Nachmittag rief Timos Theaterlehrerin an. Er hatte seinen Platz zurückgegeben. Sie wollte wissen, ob uns eine Information fehlte oder ob es Schwierigkeiten mit der Fahrt gab.

Ich versprach, mit ihm zu sprechen.

Als ich auflegte, lag der Samstag plötzlich ganz anders vor mir. Im Kalender standen Kästchen und Uhrzeiten. Für Timo hatte darin ein Raum mit Werkzeug, fremden Bühnen und Menschen gelegen, die sehen würden, was er gebaut hatte.

Er saß am Küchentisch, als ich nach Hause kam. Paula machte neben ihm Hausaufgaben. Ich legte meine Schlüssel hin und setzte mich, ohne vorher die Brotdose aus meiner Tasche zu holen.

„Deine Lehrerin hat angerufen.“

„War klar.“

„Warum hast du schon abgesagt?“

Er drehte seinen Bleistift zwischen den Fingern.

„Weil du sonst wieder fünf Leute anrufst und hinterher bis nachts aufräumst. Dann sagst du, dass es schon geht.“

Paula sah weiter auf ihr Heft.

„Du hättest mit mir reden können“, sagte ich.

„Habe ich doch.“

Mir fiel keine Antwort ein, die nicht wieder mit einer Erklärung begonnen hätte. Deshalb schwieg ich diesmal nicht, um etwas herunterzuschlucken. Ich wartete, ob er noch etwas sagen wollte.

Paula schob ihr Heft zur Seite. Darunter lag ein Blatt mit einer Tabelle. Auf der linken Seite standen unsere Namen, oben die Wochentage.

„Ich wollte nur helfen“, sagte sie.

Sie hatte ihren Chor am Donnerstag durchgestrichen. Daneben stand, dass sie mit Leni lesen konnte. Timo sollte samstags bei Oskar bleiben, während ich arbeitete. Emil sollte auf sein Training verzichten, wenn sonst eine Fahrt zu viel wurde.

„Das war nur eine Idee“, sagte Paula schnell.

Ich sah ihre kleine, sorgfältige Schrift an. Es gab sogar eine Spalte für Ruths Wege zur Arbeit.

„Warum hast du deinen Chor gestrichen?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Du gehst doch auch nirgendwo mehr hin.“

Ich legte die Hände flach auf den Tisch.

In meinem Kopf hatte ich meine Geschwister vor dem bewahrt, was ich selbst aufgab. Ich hatte gedacht, sie merkten nur die fertigen Brote, die sauberen Sachen, das Licht im Flur.

Paula hatte offenbar auch gesehen, wie oft ich meine Jacke wieder auszog.

„Ich wollte nicht, dass ihr das nachmacht“, sagte ich.

Timo hörte auf, den Stift zu drehen.

„Wir wissen bloß nicht, was wir sonst machen sollen.“

Ich zog Paulas Blatt zu mir. Zum ersten Mal betrachtete ich es nicht als einen Plan, den ich verbessern musste. Ich sah zwei Kinder vor mir, die versucht hatten, ein Problem der Erwachsenen zu lösen.

„Ich auch nicht ganz“, sagte ich. „Aber darüber müssen Ruth und ich reden.“

Paula zeigt ihren selbst geschriebenen Wochenplan. Juna und Timo sitzen nachdenklich mit ihr am Küchentisch.
Paula zeigt ihren selbst geschriebenen Wochenplan. Juna und Timo sitzen nachdenklich mit ihr am Küchentisch.

5. Die Rechnung, die niemand bekommen sollte

Ich wartete auf Ruth. Als ihr Schlüssel sich im Schloss drehte, stand ich schon im Flur.

„Wir müssen etwas ändern.“

Sie zog langsam ihre Schuhe aus. „Gut. Lass mich erst ankommen.“

Diese zehn Minuten fielen mir schwerer als erwartet. Ich wollte sofort alles erklären, bevor ich wieder überzeugt war, dass es doch irgendwie ging.

Dann saßen wir in der Küche. Ich zeigte ihr Paulas Tabelle und erzählte von dem Zeichenkurs. Den Preis hatte ich längst ausgerechnet. Mit meinen kleinen Rücklagen konnte ich ihn bezahlen, wenn ich die neue Winterjacke noch verschob. Für das Material reichten meine gesammelten Stifte zunächst aus.

„Warum höre ich heute zum ersten Mal davon?“, fragte Ruth.

„Weil Dienstagabend sowieso nicht geht.“

„Du hast mich nicht gefragt.“

„Du arbeitest.“

Ruth rieb mit dem Daumen über eine aufgeplatzte Stelle an ihrem Taschenhenkel.

„Ich habe mich darauf verlassen, dass du sagst, wenn es zu viel wird.“

„Ich habe mich darauf verlassen, dass es jemand sieht.“

Wir schwiegen. Aus dem Kinderzimmer drang Emils Lachen. Irgendetwas fiel um, dann lachte Leni mit.

„Ich sehe, dass du viel machst“, sagte Ruth schließlich. „Aber ich habe nicht gesehen, wie wenig anderes noch übrig ist.“

Am Sonntag setzten wir uns alle an den Wohnzimmertisch. Oskar stand zwischen meinen Knien und schob seinen Stoffhasen über die Tischkante. Leni wollte wissen, ob es eine Besprechung mit Keksen sei. Ruth stellte die Dose hin.

Ich hatte mir einen ruhigen ersten Satz zurechtgelegt. Stattdessen sagte ich: „Manchmal denke ich, dass ich meine ganze Jugend für euch aufgegeben habe.“

Timo sah sofort weg.

Da hörte ich meinen eigenen Satz so, wie er bei ihm angekommen sein musste.

„Warte“, sagte ich. „Das war unfair gesagt.“

Ich suchte nach Worten, ohne mich hinter einem Scherz zu verstecken.

„Mir fehlen Dinge. Zeichnen. Freunde treffen. Herausfinden, was ich beruflich machen möchte. Ich bin manchmal wütend darüber. Aber ihr habt mir das nicht weggenommen, und ihr müsst es mir auch nicht zurückgeben.“

Paula zog die Ärmel über ihre Finger.

„Bist du wegen uns geblieben?“

„Ich wollte bei euch sein. Ich will immer noch bei euch sein. Ich habe nur irgendwann aufgehört, zusätzlich etwas für mich zu wollen.“

Ruth schob ein leeres Blatt in die Mitte.

„Dann planen wir jetzt mit allem, was wir brauchen“, sagte sie. „Auch mit Junas Zeit.“

Emil griff nach einem Keks. „Kommt mein Training wieder rein?“

„Ja“, sagte ich.

Timo sah wieder auf. Ich hielt seinen Blick aus, obwohl es leichter gewesen wäre, schnell nach den Stiften zu suchen.

6. Ein Plan mit leeren Stellen

Wir wurden an diesem Sonntag nicht fertig.

Zuerst schrieben wir auf, was feststand: Schule, Kita, Arbeit, Wege. Dann die Dinge, die jeder behalten wollte. Timo legte seinen Theaterzettel dazu. Paula schrieb ihren Chor wieder hin.

Die Aufgaben verteilten wir nicht einfach auf fünf kleinere Schultern. Emil konnte seine Sportsachen selbst packen. Leni konnte ihre Schuhe an denselben Platz stellen. Paula wollte einmal in der Woche beim Abendessen helfen, wenn sie Zeit hatte. Aber wer Oskar betreute, wer Termine organisierte und wer Geldfragen klärte, blieb Sache der Erwachsenen.

Ruth rief am Montag die Beratungsstelle an, deren Nummer noch in unserem alten Ordner stand. Beim ersten Gespräch konnte sie noch keine fertige Lösung mit nach Hause bringen. Wir bekamen einen weiteren Termin und den Auftrag, unsere schwierigsten Zeiten genauer aufzuschreiben.

„Das machen wir doch schon“, sagte ich enttäuscht.

„Diesmal schreiben wir auch auf, was wir bisher still ausgleichen“, antwortete Ruth.

Also notierte ich, wann ich meine Pause ausließ, wann Ruth nach einer Schicht noch einkaufte und welche Wege nur klappten, wenn niemand zehn Minuten zu spät kam.

Das Blatt sah bald unordentlicher aus als unser alter Kalender. Es beschrieb unsere Tage dafür genauer.

Für den Dienstag fragte Ruth nach einer anderen Schichtverteilung. Ihre Kollegin brauchte im Gegenzug einen anderen freien Nachmittag. Es dauerte mehrere Gespräche, bis beide damit einverstanden waren. Für zwei spätere Kurstermine würde meine erwachsene Cousine Nele einspringen; sie sagte feste Zeiten zu, statt nur anzubieten, irgendwann zu helfen.

Ich fragte im Kopierladen, ob ich den zusätzlichen Samstag tauschen konnte. Mein Chef musste erst den Dienstplan prüfen. Am Mittwoch bekam ich die Antwort.

Timos Lehrerin konnte seinen Platz bei der Theaterwerkstatt noch einmal freigeben.

Als ich es ihm sagte, nickte er und verschwand in seinem Zimmer. Wenig später kam er mit der Liste zurück, auf der stand, was er einpacken sollte.

„Kannst du einmal drüberschauen?“

Ich nahm das Blatt. „Ja.“

Er blieb neben mir stehen. „Danke.“

Am Abend saßen wir wieder über dem Wochenplan. Ruth kreiste meinen Kurs ein. Oskar saß auf ihrem Schoß, die anderen rückten ihre Stifte zurecht.

„Und wenn etwas dazwischenkommt?“, fragte ich.

Ruth schrieb neben den Dienstag eine zweite erwachsene Ansprechperson.

Ich wollte ihr sagen, wo sie die Nummer noch finden würde. Dann bemerkte ich, dass sie sie bereits selbst heraussuchte.

Zum ersten Mal ließ ich eine Stelle im Plan stehen, ohne sie sofort mit meiner eigenen Verfügbarkeit zu füllen.

Ruth markiert Junas freien Abend im Wochenplan, während die sechs Geschwister mit ihr am Wohnzimmertisch sitzen.
Ruth markiert Junas freien Abend im Wochenplan, während die sechs Geschwister mit ihr am Wohnzimmertisch sitzen.

7. Der Dienstag, an dem ich die Tür schloss

Vor dem ersten Kurs kochte ich viel zu viel.

Ich stellte einen Auflauf in den Kühlschrank, schnitt Gemüse für den nächsten Tag und legte Oskars Schlafanzug aufs Bett. Dann schrieb ich auf einen Zettel, wo seine Hausschuhe lagen.

Ruth nahm den Zettel und las ihn.

„Ich wohne hier“, sagte sie.

Ich musste lachen. Es war kein besonders fröhliches Lachen, aber es löste etwas.

„Ich weiß.“

„Dann gib mir bitte die Möglichkeit, hier auch ohne deine Anleitung zurechtzukommen.“

Ich steckte mein Skizzenbuch ein. An der Wohnungstür fehlte mir plötzlich ein Grund, noch einmal in die Küche zu gehen. Ich kontrollierte den Reißverschluss meiner Tasche zweimal.

Oskar kam mit seinem Hasen angelaufen. Als ich die Jacke anzog, begann er zu weinen.

Meine Hand ging sofort wieder zum Reißverschluss.

Ruth hob ihn hoch. „Juna geht zeichnen. Ich bin bei dir.“

Er streckte den Arm nach mir aus. Ich küsste seine warme Stirn.

„Nachher bin ich wieder da.“

Paula stand hinter Ruth und hielt Oskars Bilderbuch bereit. Timo hob vom Wohnzimmer aus kurz die Hand. Niemand tat so, als wäre mein Gehen eine Feier. Es war ein Dienstagabend, und ich musste den Bus bekommen.

Im Treppenhaus blieb ich stehen. Hinter der Tür hörte ich Oskar noch einmal rufen. Dann Ruths Stimme, ruhig und nah.

Ich ging weiter.

Der Kursraum lag im zweiten Stock eines unscheinbaren Gebäudes. Als ich ankam, waren meine Hände kalt. Auf den Tischen lagen Papierbögen, Klemmen und stumpfe Bleistifte. Neun andere Menschen saßen bereits dort. Eine Frau suchte ihre Brille, jemand rückte einen Stuhl zurecht.

Die Kursleiterin fragte nach meinem Namen.

„Juna“, sagte ich.

Sie zeigte auf einen freien Platz. Ich musste nicht erklären, zu wem ich gehörte oder warum ich erst jetzt anfing.

Unsere erste Aufgabe war ein Stuhl. Kein Haus mit einer komplizierten Treppe. Ein schlichter Stuhl, schräg vor uns aufgestellt.

Ich zeichnete das hintere Bein zu lang und radierte, bis das Papier rau wurde. Die Kursleiterin blieb neben mir stehen.

„Schauen Sie noch einmal auf den Abstand unter der Sitzfläche.“

Ich schaute. Tatsächlich hatte ich gezeichnet, was ich von einem Stuhl zu wissen glaubte, und kaum das Ding vor mir.

Nach einer halben Stunde merkte ich, dass ich noch nicht auf mein Telefon gesehen hatte. Als ich es später prüfte, wartete ein Foto von Ruth: Oskar saß im Schlafanzug vor seinem Buch. Eine Socke trug er an der Hand.

Ich legte das Telefon wieder in die Tasche und zeichnete weiter.

Vor ihrem ersten Zeichenkurs verabschiedet sich Juna von Oskar, den Ruth auf dem Arm hält. Paula und Timo bleiben bei ihnen.
Vor ihrem ersten Zeichenkurs verabschiedet sich Juna von Oskar, den Ruth auf dem Arm hält. Paula und Timo bleiben bei ihnen.

8. Noch ein Platz am Tisch

Als ich heimkam, war der Auflauf am Rand dunkel geworden. Auf dem Küchentisch stand ein Becher ohne Untersetzer. Leni hatte beschlossen, mit geflochtenen Zöpfen zu schlafen, und Ruth hatte es beim zweiten Versuch aufgegeben, beide gleich lang zu bekommen.

Alles kam mir vertraut vor. Nur ich war woanders gewesen.

„Wie war es?“, fragte Paula.

Ich zog die Zeichnung aus meiner Tasche.

Emil betrachtete sie ernst. „Das Bein ist schief.“

„Ich weiß.“

„Bei unserem Küchenstuhl auch.“

Wir lachten. Ich stellte fest, dass ich seit Langem etwas zu erzählen hatte, das die anderen noch nicht miterlebt hatten.

In den folgenden Wochen klappte der neue Plan nicht immer. Einmal musste ein Kurstermin für mich ausfallen, weil Ruths verabredete Vertretung kurzfristig nicht konnte. Ein anderes Mal übernahm Nele wie geplant, obwohl ich schon dabei war, ihr vorsorglich abzusagen.

Bei unserem nächsten Beratungsgespräch sprachen wir weiter über verlässliche Entlastung und die Aufgaben, die Ruth und ich noch immer zu eng ineinanderschoben. Ich nahm meine Liste mit. Diesmal hatte ich auch meine eigenen Termine darauf geschrieben.

Der Kurs machte aus mir keine fertige Gestalterin. Aber ich begann, wieder Unterlagen für eine Bewerbung zusammenzustellen. Ich bat im Kopierladen um ein Gespräch darüber, wie meine Arbeitszeiten bei einer späteren Ausbildung aussehen könnten. Es gab noch keine Zusage. Zumindest stellte ich die Fragen jetzt.

Timo brachte von seiner Theaterwerkstatt ein Foto einer unfertigen Kulisse mit. Er zeigte mir die Verbindung, die er dafür gebaut hatte, und sprach so schnell, dass ich zweimal nachfragen musste. Ich war froh, dass ich nicht auf den leeren Platz in unserem Wochenendplan geschaut hatte.

An einem Sonntag legte ich ein großes Blatt auf den Wohnzimmertisch. Ich wollte unser Zimmer zeichnen. Leni holte sofort ihre Stifte. Emil rückte einen Bauklotz ins Bild, Paula setzte sich neben mich, und Timo behauptete, das Sofa müsse auf der Zeichnung größer werden.

Oskar drückte seinen Hasen auf das Papier.

„Der auch.“

Ich zeichnete erst das Fenster, dann den Tisch. Auf der anderen Seite standen die Stühle, jeder ein wenig anders. Einen hatte ich anfangs vergessen. Ich schob die Linien auseinander und gab ihm Platz.

Ruth kam mit Tee herein. Ich stellte meine Tasse weit weg vom Blatt.

„Vorsichtig geworden?“, fragte sie.

„Ein bisschen.“

Ich hatte für meine Geschwister vieles zurückgestellt. Manche verpassten Gelegenheiten würden verpasst bleiben; darüber war ich noch traurig. An anderen Tagen war ich einfach froh, mit ihnen auf diesem zerkratzten Boden zu sitzen.

Beides passte inzwischen in denselben Tag.

Als Leni mich bat, ihr einen Baum vorzuzeichnen, zeigte ich ihr, wo sie anfangen konnte. Dann arbeitete ich an meinem eigenen Bild weiter. Sie rückte ihren Stuhl näher an meinen, und eine Weile hörte man nur unsere Stifte über das Papier gehen.

Abschließend

Juna bekommt die vergangenen Jahre nicht zurück. Sie beginnt aber, ihre nächsten Schritte mitzugestalten, während ihre Familie lernt, den Alltag verlässlicher zu teilen.

Sachlicher Hintergrund zur Fiktion: Die Kinder- und Jugendhilfe umfasst unter anderem Erziehungsberatung und sozialpädagogische Familienhilfe. Örtliche Jugendämter sind Ansprechpartner für ihre Angebote; welche Unterstützung im Einzelfall geeignet ist, muss individuell geklärt werden. Diese allgemeine Einordnung stützt sich auf die Informationen des Bundesfamilienministeriums zur Kinder- und Jugendhilfe. Sie belegen keine Ereignisse dieser erfundenen Geschichte.

Quellenangaben

Dieser Artikel basiert auf vertrauenswürdigen und geprüften Informationen.

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