Mein Schwager verbot mir, meinen Neffen zu sehen, bis zu seinem achten Geburtstag

Schlagwörter: #story #familie #fiktion #geburtstag #vertrauen

Lena Müller, Köchin und Rezeptentwicklerin bei Epische Rezepte
Vom Epische Rezepte Team Lena Müller
Zuletzt aktualisiert am 17.10.2026
Nora hält eine rosa Minecraft-Schweinetorte, während Martin ihr nach langer Trennung die Wohnungstür öffnet. Merken
Nora hält eine rosa Minecraft-Schweinetorte, während Martin ihr nach langer Trennung die Wohnungstür öffnet.

Fiktion: Diese Erzählung ist frei erfunden. Die Figuren, Gespräche und Ereignisse schildern keine überprüfte Begebenheit.

1. Das Schwein vor der Tür

Als hinter der Wohnungstür der Schlüssel gedreht wurde, rutschte mein rechter Daumen unter den Rand der Kuchenplatte. Die Keramik drückte gegen meinen Nagel. Auf der Platte stand ein rosa Schwein, beinahe würfelförmig, mit zwei eckigen Ohren und einer Schnauze, die mich den halben Vormittag gekostet hatte.

Ausgerechnet das linke Auge war schief geworden. Ich hatte es dreimal versetzt. Jetzt sah das Schwein aus, als wüsste es etwas, das ich noch nicht wusste.

Martin öffnete. Mein Schwager trug ein dunkelblaues Hemd, an dessen Ärmel eine kleine Papierschlange hing. Hinter ihm roch es nach Kaffee und warmem Brot. Irgendwo lief Wasser. Von Leo war nichts zu sehen.

„Du hast ihn wirklich gemacht“, sagte Martin.

Ich hörte einen Vorwurf, obwohl sein Satz keinen enthielt.

„Er hat ihn sich gewünscht.“

„Ich weiß.“

Wir standen da und hielten beide an etwas fest. Er an der Türklinke, ich an dieser lächerlich schweren Platte. Sieben Wochen lang hatte ich mir ausgemalt, was ich sagen würde, falls er mich endlich wieder hineinließ. Keiner dieser Sätze eignete sich für einen Hausflur, in dem ein Kind seinen achten Geburtstag feierte.

Ich wollte an ihm vorbeisehen. Früher hätte Leo längst meinen Namen gerufen. Früher hätte ich die Platte auf dem Schuhschrank abstellen müssen, weil er sich an meine Hüfte geworfen hätte. Nun hörte ich nur einen Stuhl über den Küchenboden schaben.

„Nora?“, rief meine Schwester.

Martin trat zur Seite.

Ich machte einen Schritt über die Schwelle und spürte dabei die Einladung in meiner Jackentasche. Ein zusammengefaltetes Blatt, weich geworden an den Kanten. Ich hatte sie eingesteckt, obwohl ich den Weg kannte und die Uhrzeit auswendig wusste. Vielleicht hatte ich einen Beleg gebraucht, dass ich wirklich kommen durfte.

Oben hatte Leo mit grünem Filzstift geschrieben: Samstag, drei Uhr. Darunter stand eine Zeichnung von einem Schwein auf einem Bahnsteig. Clara hatte ergänzt: Wir freuen uns auf dich. Bitte bring nur den besprochenen Kuchen mit.

Kein großes Geschenk. Keine Überraschung.

Ich hatte diesen letzten Satz zuerst für eine Demütigung gehalten. Dann hatte ich meinen Einkaufszettel zerrissen, auf dem bereits ein ferngesteuerter Zug gestanden hatte.

Jetzt war ich hier. Meine Handflächen waren feucht. Das Schwein schaute unverändert schief.

Mit der rosa Schweinetorte in den Händen wartet Nora an der offenen Wohnungstür, während Martin zur Seite tritt.
Mit der rosa Schweinetorte in den Händen wartet Nora an der offenen Wohnungstür, während Martin zur Seite tritt.

2. Die Reise, die es nie gab

Begonnen hatte alles mit einer Fahrkarte, die ich nie gekauft hatte.

Leo und ich hatten früher an jedem zweiten Dienstag zusammen gegessen. Ich holte ihn nachmittags bei Clara ab, wir gingen zu mir, und meistens bauten wir aus Verpackungen etwas, das größer wurde als mein Küchentisch. Zuletzt war es ein Bahnhof gewesen. Leo zeichnete selbst die Fahrpläne. Für Güterzüge benutzte er braunen Filzstift, für Personenzüge grünen.

Dann sagte ich zwei Dienstage ab. Beim ersten Mal musste ich einen Entwurf für einen Kunden überarbeiten. Beim zweiten nahm ich einen zusätzlichen Auftrag an, obwohl ich wusste, dass Leo schon mit seinem Karton wartete.

„Wir holen das nach“, sagte ich am Telefon.

Das war schnell gesagt. Für mich bedeutete es irgendwann. Für Leo bedeutete es offenbar den nächsten freien Tag.

Als ich ihn endlich wiedersah, erzählte ich beim Abendessen von einem Zug, der bis ans Meer fuhr. Wir könnten morgens einsteigen, am Strand Muscheln suchen, dort übernachten. Ich beschrieb ein kleines Hotel, das ich von früher kannte. Leo hörte auf zu kauen.

„Am nächsten Wochenende?“

„Das kriegen wir hin“, sagte ich.

Clara stellte ihre Gabel ab. Martin fragte, ob wir vielleicht erst miteinander sprechen könnten. Ich lachte und sagte, ich würde selbstverständlich bezahlen.

Damit beantwortete ich eine Frage, die niemand gestellt hatte.

Später in der Küche sagte Martin, dass Leo noch nie ohne einen von ihnen übernachtet hatte. Außerdem hatten sie für das Wochenende längst etwas vereinbart. Clara bat mich, solche Pläne zuerst mit ihnen zu besprechen.

„Man kann doch auch einmal spontan sein“, sagte ich.

Martin trocknete sich die Hände ab. Langsam, Finger für Finger.

„Du bist spontan. Wir erklären ihm hinterher, warum etwas ausfällt.“

Ich sagte, sie würden aus allem ein Problem machen. Dann sagte ich noch etwas darüber, dass Leo bei ihnen kaum Luft bekäme. Während ich es aussprach, erschien er in der Küchentür. Er hielt seinen grünen Stift in der Hand.

Keiner von uns fragte, wie lange er dort gestanden hatte.

Am nächsten Morgen schrieb Martin mir: Vorerst keine Besuche. Keine Ausflüge. Wir brauchen Abstand. Bitte komm auch nicht unangekündigt vorbei.

Ich rief Clara an. Sie sagte: „Heute bringt das nichts.“ Drei Tage später sagte sie: „Wir müssen erst Ruhe hineinbekommen.“

Aus Tagen wurden Wochen. Ich schrieb eine lange Nachricht, in der ich erklärte, wie sehr ich Leo liebte. Ich schickte sie nicht ab. Stattdessen fragte ich jeden Dienstag, wann wir sprechen könnten. Zweimal bekam ich eine Antwort. Fünfmal keine.

Ich war wütend auf Martin. Auf Clara war ich auf eine leisere, hartnäckigere Art wütend. Und auf meinem Küchentisch blieb ein Bahnhof stehen, dessen Bahnsteigdach ich beim Staubwischen immer wieder vorsichtig anhob.

Einmal nahm ich schon meine Jacke, um einfach hinzufahren. Dann sah ich den leeren Platz neben dem Bahnhof. Ich konnte mir zu genau vorstellen, wie Leo zwischen uns in der offenen Wohnungstür stehen würde. Ich hängte die Jacke zurück.

3. Eine Einladung mit Rand

Clara brachte die Einladung an einem Mittwoch vorbei. Sie blieb zunächst im Treppenhaus, als müsste auch sie sich erst vergewissern, dass sie hereindurfte.

„Kaffee?“, fragte ich.

Sie nickte. In meiner Küche sah sie sofort den Bahnhof.

„Du hast ihn noch.“

„Natürlich.“

Das Wort kam schärfer heraus, als ich beabsichtigt hatte. Clara stellte ihre Tasche auf den Boden.

Sie erzählte, Leo habe beim Planen seines Geburtstags nach mir gefragt. Nicht beiläufig, sondern immer wieder. Schließlich hätten sie sich zu dritt hingesetzt und besprochen, wen er einladen wollte.

„Und Martin hat zugestimmt?“

„Wir haben beide zugestimmt.“

Ich strich über die Einladung. Unter dem gezeichneten Bahnsteig hatte Leo ein winziges rosa Tier eingefügt.

„Ist das sein Kuchenwunsch?“

Clara zog ein zweites Blatt aus ihrer Tasche. Darauf war ein Schwein aus Minecraft gezeichnet, mit einem erstaunlich genauen Raster für das Gesicht. Neben einer Schnauze stand in ihrer Handschrift: dunkleres Rosa.

„Er hat gesagt, du kannst eckige Sachen.“

Ich lachte kurz. Dann musste ich aufstehen und Wasser in den Kessel füllen, obwohl genug Kaffee da war.

Wir besprachen die Größe. Vier Menschen, ein kleiner Kuchen. Keine aufwendige Feier, seine beiden Schulfreunde kämen schon am Vormittag. Clara fragte ausdrücklich, ob mir das Backen recht sei.

„Du musst dir den Besuch damit nicht verdienen“, sagte sie.

Ich stellte den Kessel zurück.

„So hat es sich gerade angehört.“

Sie nickte, statt mir das Gefühl auszureden. „Dann sage ich es noch einmal. Du bist eingeladen. Der Kuchen ist ein eigener Wunsch.“

Wir tranken unseren Kaffee fast aus, bevor ich fragte, warum sie sieben Wochen lang kein Gespräch mit mir geführt hatte.

Clara drehte ihre Tasse am Henkel.

„Weil ich dachte, nächste Woche wären wir alle weniger wütend.“

„Und dann?“

„Dann war schon wieder nächste Woche.“

Mehr klärten wir an diesem Tag nicht. Aber sie ging erst, nachdem wir vereinbart hatten, dass der Geburtstag kein Ort für unseren Streit werden sollte.

Am Samstag stand ich früh auf. Ich zog meine rostrote Strickjacke an und begann, den Kuchen zu verzieren. Auf der Arbeitsplatte lag Leos Zeichnung. Ich hielt mich daran: zwei Ohren, eine vorstehende Schnauze, schwarze und weiße Quadrate für die Augen.

Als ich fertig war, machte ich aus Gewohnheit ein Foto. Dann legte ich das Telefon weg. Ich betrachtete den Kuchen noch einmal ohne Bildschirm. Man sah die Stelle, an der die rosa Oberfläche nicht ganz glatt geworden war.

Ich ließ sie so. Es war Zeit loszugehen.

Nora betrachtet die fertige rosa Minecraft-Schweinetorte neben Leos Zeichnung in ihrer Küche.
Nora betrachtet die fertige rosa Minecraft-Schweinetorte neben Leos Zeichnung in ihrer Küche.

4. Wie lange bleibst du?

Hinter Martin ging ich durch den Flur. An der Garderobe hing Leos alte Regenjacke, die ihm inzwischen zu klein sein musste. Daneben stand ein Paar Schuhe, das ich nicht kannte.

In sieben Wochen konnte ein Kind neue Schuhe brauchen. Dieser einfache Gedanke traf mich unerwartet.

Leo saß am Küchentisch. Senfgelbes Sweatshirt, kurze Haare, ein winziger Kratzer im Holz vor seinem Teller. Er sah erst den Kuchen an und dann mich.

„Hallo, Tante Nora.“

„Alles Gute zum Geburtstag.“

Ich stellte die Platte ab. Meine Arme fühlten sich plötzlich leicht und nutzlos an.

Leo blieb sitzen. Ich beugte mich nicht über ihn, obwohl es mich Überwindung kostete. Stattdessen zog ich meine Jacke aus und fragte, ob der Kuchen ungefähr so aussähe, wie er ihn gemeint hatte.

Er rückte mit seinem Stuhl näher.

„Die Schnauze stimmt.“

„Gut.“

„Das Auge guckt komisch.“

„Das habe ich auch schon gemerkt.“

Zum ersten Mal verzog er den Mund ein wenig. Clara holte Teller aus dem Schrank. Martin nahm mir die Jacke ab und hängte sie in den Flur. Als er zurückkam, fragte er Leo, wo die Kerzen hin sollten.

„Nicht durch die Ohren“, sagte Leo sofort.

Wir stellten acht kleine Kerzen vor den Kuchen auf einen eigenen Untersetzer. Martin zündete sie an, und wir sangen. Ich setzte zu hoch ein. Clara warf mir einen kurzen Blick zu, den ich von früher kannte. Für ein paar Takte sangen wir beide schief.

Leo pustete. Eine Flamme blieb stehen. Er holte noch einmal Luft, diesmal entschlossen, und schaffte sie.

Danach wurde es still.

Ich suchte nach etwas Leichtem, das ich fragen konnte. Nach der Schule. Nach seinen Geschenken. Nach den Freunden, die am Vormittag dagewesen waren. Doch Leo kam mir zuvor.

„Wie lange bleibst du?“

„Bis fünf. So haben deine Mama und ich es besprochen.“

Er fuhr mit einem Finger über die Tischkante.

„Oder musst du vorher weg?“

Ich sah Clara an. Sie stand noch immer mit dem Kuchenteller in der Hand. Dann schaute ich wieder zu Leo.

„Heute habe ich bis fünf Zeit für dich.“

Er nickte, als müsste er eine Angabe in einen Fahrplan eintragen.

Ich hätte gern hinzugefügt, dass ich ihn nie wieder enttäuschen würde. Der Satz war schon da, fertig und großartig. Ich hörte, wie ähnlich er klang wie das Versprechen vom Meer.

Also fragte ich nur: „Was möchtest du zuerst machen?“

„Kuchen“, sagte er. „Aber wir müssen vorher überlegen, wo.“

Er meinte den Anschnitt. Ich zog meinen Stuhl an den Tisch.

5. Das erste Stück

Leo wollte das Schwein möglichst lange als Schwein behalten. Wir betrachteten es von allen Seiten. Schließlich entschied er, dass hinten begonnen werden sollte. Ich schnitt das erste Stück ab, während er die Platte ein kleines Stück drehte.

„So merkt es vielleicht nichts“, sagte er.

Martin schob ihm einen Teller hin. „Ziemlich freundlicher Plan für jemanden, der es gleich aufisst.“

Leo lachte. Ein kurzes, überraschtes Geräusch. Ich sah, wie Martins Schultern sich senkten.

Wir aßen. Clara erzählte von dem Papierflieger, der am Vormittag hinter den Kühlschrank geraten war. Leo widersprach ihr in drei entscheidenden Einzelheiten. Es war kein gewöhnlicher Papierflieger gewesen, er war nicht einfach geraten, sondern gesteuert worden, und hinter dem Kühlschrank lag er möglicherweise noch immer.

Ich hörte zu. Einmal musste ich meine Frage zurückhalten, weil Leo noch nicht fertig war.

Dann rutschte er vom Stuhl und holte ein grünes Heft aus seinem Zimmer. Er legte es neben meinen Teller und blätterte bis zur Mitte.

Dort hatte er einen Fahrplan gezeichnet. Es gab Stationen für die Schule, sein Zuhause, den Spielplatz und meine Wohnung. Neben meiner Station waren mehrere kleine Kästchen durchgestrichen.

„Die waren ausgefallen“, sagte er.

Ich wusste nicht, ob er die beiden Dienstage meinte oder die Wochen danach. Auf der nächsten Seite stand das Meer.

„Ich habe schon die Sachen aufgeschrieben“, sagte er. „Für den Rucksack.“

Unter einer Zeichnung standen Schlafanzug, Socken, Schaufel. Das Wort Schaufel war zweimal verbessert worden.

Mir wurde heiß im Gesicht.

„Leo, ich habe dir diese Reise versprochen, bevor ich mit deinen Eltern gesprochen hatte. Das war mein Fehler.“

Er betrachtete die Liste.

„Papa hat gesagt, das geht so nicht.“

„Damit hatte er recht.“

Martin legte seine Gabel hin. „Und ich habe danach entschieden, dass Nora erst einmal nicht kommen soll. Das habe ich viel zu lange so gelassen.“

Leo sah ihn an. „Auch nicht zum Bahnhofbauen.“

„Ja“, sagte Martin. „Auch das. Das tut mir leid.“

Clara setzte sich wieder. „Wir hätten dir besser erklären müssen, was los ist.“

Leo schob einen Kuchenkrümel mit der Gabel über seinen Teller. Ich wartete. In mir drängten sich Erklärungen, die alle zu lang waren.

„Ich wusste nicht, ob du noch willst“, sagte er schließlich zu mir.

„Ich wollte dich sehen.“ Meine Stimme blieb gerade so ruhig. „Und wenn ich etwas absagen muss, darfst du trotzdem enttäuscht von mir sein.“

Er zog das Heft an sich.

„Heute will ich nicht ans Meer.“

„Was möchtest du heute?“

„Das Dach fertig machen. Mama hat schon einen Fahrkartenschalter.“

Clara stand auf und holte aus dem Wohnzimmer eine kleine Schachtel mit ausgeschnittenem Fenster. Dahinter klebte ein Stück grünes Papier. Ich erkannte sofort Leos Rasterlinien.

„Der muss hier hin“, erklärte er mir und machte Platz zwischen uns. „Aber nicht einfach ankleben. Erst gucken.“

Ich nahm die Schachtel vorsichtig entgegen.

Leo zeigt Nora sein grünes Heft; neben ihnen steht die hinten angeschnittene rosa Schweinetorte.
Leo zeigt Nora sein grünes Heft; neben ihnen steht die hinten angeschnittene rosa Schweinetorte.

6. Als die Kerzen kalt waren

Um fünf zog ich meine Jacke an. Der Bahnhof hatte jetzt ein Dach, allerdings noch keine Stützen auf der Rückseite. Leo begleitete mich zur Tür.

„Nimmst du den alten bei dir auseinander?“

„Soll ich?“

Er überlegte. „Nein. Das kann ein anderer Bahnhof sein.“

Dann umarmte er mich, kurz und fest, mit dem Kopf gegen meinen Bauch. Ich legte meine Hand auf seinen Rücken und ließ wieder los, als er sich löste.

Clara fragte mich im Flur leise, ob ich später noch einmal zum Reden kommen könne. Martin stand hinter ihr.

„Heute?“, fragte ich.

Er nickte. „Wenn du Zeit hast. Ich möchte es diesmal nicht auf nächste Woche verschieben.“

Um Viertel nach acht saßen wir wieder am Küchentisch. Leo schlief. Der restliche Kuchen stand auf seiner Platte zwischen drei Teetassen. Hinten fehlte ein breites Stück; von vorn sah das Schwein beinahe vollständig aus.

Ich begann damit, dass ich die Bemerkung über das Luftbekommen zurücknahm. Ich hatte nicht wissen können, wie sich Leos Alltag für ihn anfühlte. Ich hatte mich geärgert, weil mein schöner Plan keinen Beifall bekommen hatte.

Martin sah lange in seine Tasse.

„Ich war nach den abgesagten Dienstagen schon sauer“, sagte er. „Als du dann vor Leo mit dem nächsten großen Ding angefangen hast, habe ich nur noch zugemacht.“

„Du hast mich sieben Wochen ausgeschlossen.“

„Ja.“

Ich hatte mit einem Aber gerechnet. Es kam keines.

„Ich wollte warten, bis ich wieder normal mit dir reden kann“, sagte er. „Dann habe ich mich daran gewöhnt, dir nicht zu antworten.“

Clara strich mit dem Daumen über einen Teefleck. „Und ich habe euch beide vertröstet. Das war bequem für mich. Für eine halbe Stunde jedenfalls.“

Wir schwiegen. Durch die Wand hörte man einen Nachbarn einen Stuhl rücken. Ich war noch immer verletzt. Martins Eingeständnis nahm den vergangenen Wochen nichts von ihrer Länge. Trotzdem konnte ich ihm jetzt zuhören, ohne schon meine Antwort vorzubereiten.

Wir vereinbarten einen neuen Besuch, am übernächsten Dienstag von drei bis fünf. Zunächst bei ihnen, weil Leo dort an seinem Bahnhof weiterbauen wollte. Über größere Ausflüge würden wir Erwachsenen zuerst sprechen. Wenn etwas dazwischenkam, würden wir anrufen und einen konkreten Ersatz suchen. Keiner von uns sollte Leo Nachrichten überbringen lassen.

„Und wenn wir wieder streiten?“, fragte ich.

Martin atmete aus. „Dann müssen wir trotzdem miteinander reden.“

„Eine Pause von einem Gespräch kann ich verstehen“, sagte ich. „Aber ich möchte wissen, wann es weitergeht.“

Er nickte. Clara schrieb den Dienstag auf einen Zettel. Ich nahm mein Telefon und trug ihn in meinen Kalender ein.

Danach schnitt Martin drei schmale Stücke vom Kuchen ab. Wir aßen sie mit kleinen Gabeln. Niemand schlug vor, dass nun alles wieder gut sei.

Als ich ging, gab Clara mir die Zeichnung mit dem Schweinegesicht zurück.

„Die gehört dir“, sagte sie.

Ich faltete sie entlang der alten Kante und steckte sie zur Einladung.

Nora, Clara und Martin vereinbaren am Abend einen Besuchstermin; die angeschnittene rosa Schweinetorte steht zwischen ihren Teetassen.
Nora, Clara und Martin vereinbaren am Abend einen Besuchstermin; die angeschnittene rosa Schweinetorte steht zwischen ihren Teetassen.

7. Der Bus um Viertel nach

Am vereinbarten Dienstag hatte mein Fahrrad einen platten Reifen.

Ich bemerkte es um zwanzig vor drei unten im Hof. Zuerst drückte ich auf den Reifen, als könnte ich mich getäuscht haben. Dann blickte ich zur Straße. Mit einem Taxi wäre ich vielleicht pünktlich gewesen. Mit dem Bus würde ich mich verspäten.

Ich nahm mein Telefon heraus.

Clara ging beim dritten Klingeln dran. Im Hintergrund hörte ich Leo fragen, ob ich das sei.

„Mein Fahrrad ist platt. Ich nehme den Bus um Viertel nach. Ich bin voraussichtlich um fünf nach halb vier da. Passt das noch, wenn ich wie besprochen bis fünf bleibe?“

Clara wiederholte die Uhrzeit für Leo. Dann gab sie ihm das Telefon.

„Also kommst du später?“, fragte er.

„Ja. Ungefähr fünfunddreißig Minuten später.“

„Das ist viel.“

„Ja.“

Er schwieg kurz. „Ich mache dann schon die Stützen.“

„Gut. Bis gleich.“

Im Bus starrte ich auf die Uhr über dem Fahrer. An jeder Ampel suchte ich nach einer Nachricht, mit der ich meine Verspätung noch besser hätte erklären können. Ich tippte einen Satz über den Reifen und löschte ihn wieder. Clara wusste Bescheid. Leo wusste Bescheid. Ich musste jetzt nur ankommen.

Es wurde sieben nach halb vier. Martin öffnete mir und sagte: „Er ist in der Küche.“

Leo saß zwischen Kartonstreifen und Klebeband. Neben ihm stand eine Schale mit Apfelstücken. Er blickte kurz hoch.

„Zwei Minuten später als ungefähr.“

„Stimmt.“

„Die Stützen sind fertig. Du musst festhalten.“

Ich setzte mich. Er schob mir das Dach zu und zeigte genau, wo meine Hände hin sollten. Das Klebeband blieb erst an seinem Ärmel hängen, dann an meinem Finger. Wir brauchten drei Versuche.

Nach einer Weile stellte Martin ein Glas Wasser neben mich. Er fragte, ob ich eine Pumpe für mein Fahrrad brauche. Ich sagte, wahrscheinlich eher einen neuen Schlauch.

„Kann ich dir morgen einen vorbeibringen. Ich muss ohnehin in deine Richtung.“

Ich bedankte mich. Es fühlte sich seltsam an, über Fahrradteile zu sprechen, nachdem wir so lange nicht miteinander gesprochen hatten. Ich war froh darüber.

Um zehn vor fünf räumten Leo und ich auf. Das Dach hielt. Der Schalter hatte jetzt eine kleine Klappe, die tatsächlich geöffnet werden konnte.

„Nächstes Mal machen wir die Unterführung“, sagte er.

Ich sah zu Martin. Er nickte, und wir besprachen den Termin, bevor ich Leo antwortete.

Auf dem Heimweg stand ich an derselben Bushaltestelle wie zwei Stunden zuvor. Meine Tasche war leicht. Ich hatte nichts mitgebracht und bekam nichts mit nach Hause, außer einem Stück Klebeband, das noch an meiner Strickjacke hing.

8. Platz für eine weitere Tasse

Sechs Wochen nach dem Geburtstag stand der fertige Bahnhof auf zwei zusammengeschobenen Tischen in Leos Zimmer. Mein alter Bahnhof war inzwischen dazugekommen. Zwischen beiden verlief eine Strecke aus langen Papierstreifen, die im Flur eine enge Kurve nehmen musste.

Leo hatte uns zur Eröffnung eingeladen. Er trug dasselbe gelbe Sweatshirt wie an seinem Geburtstag; an einem Ärmel klebte graue Farbe. Clara bekam die Aufgabe, Fahrkarten zu verkaufen. Martin sollte den Zug schieben. Mir wies Leo den kleinen Bahnsteig am Ende der Strecke zu.

„Du musst sagen, wenn er einfahren kann.“

Ich prüfte das Gleis mit übertriebener Gründlichkeit. Leo fand das nur beim ersten Mal lustig.

Wir spielten fast eine Stunde. Martin schob den Zug zu schnell durch die Flurkurve, ein Waggon kippte um, und Leo ließ ihn alles noch einmal machen. Clara kassierte Fahrkarten, die sie selbst ausgestellt hatte. Schließlich rief sie aus der Küche, der Kaffee sei fertig.

Ich blieb kurz im Türrahmen stehen. Auf dem Tisch standen bereits vier Tassen. Meine stand an der Seite zum Fenster, dort, wo ich früher immer gesessen hatte.

Martin sah meinen Blick.

„Da zieht es manchmal. Du kannst auch hier sitzen.“

„Hier ist gut“, sagte ich und setzte mich auf meinen alten Platz.

Leo brachte sein grünes Heft mit. Der Fahrplan war voller Ergänzungen. Meine Station hatte wieder Ankunftszeiten. Einige Zahlen waren durchgestrichen und ordentlich daneben neu geschrieben.

Auf der letzten Seite steckte das Blatt mit der Packliste für die Reise ans Meer. Ich erkannte die Schaufel, sagte aber nichts.

Leo zog das Blatt heraus.

„Vielleicht will ich irgendwann doch da hin.“

„Dann können wir irgendwann darüber sprechen“, sagte Clara.

Er nickte und legte es zurück. Es gab keinen Termin, den er sich merken musste, und kein Hotel, das ich ihm beschrieb. Für diesen Nachmittag reichte ihm offenbar die Strecke durch den Flur.

Als ich später meine Schuhe anzog, fragte Martin, ob wir am Wochenende gemeinsam die restlichen Kartons aus meinem Keller holen wollten. Leo brauche Material für eine Brücke.

„Samstagvormittag kann ich“, sagte ich. „Bis zwölf.“

Wir schrieben es auf. Dann suchte Leo unter der Garderobe nach seinem Hausschuh, den der Zug irgendwann mitgenommen hatte.

Zu Hause legte ich die Geburtstagseinladung in meine Küchenschublade. Daneben kam die Zeichnung der rosa Schweinetorte. Auf dem Papier war der Kuchen makellos; mein Exemplar hatte ein schiefes Auge gehabt und eine unebene Seite.

Ich dachte an Leos Hände, wie sie am Nachmittag den entgleisten Waggon wieder auf die Schienen gesetzt hatten. Er hatte sich geärgert. Dann hatte er Martin gezeigt, wie langsam er durch die Kurve fahren musste, und ihm den Zug erneut überlassen.

Ich schloss die Schublade. Am Samstag würde ich um neun bereit sein.

Abschließend

Nora findet über verabredete Besuche, ehrliche Entschuldigungen und verlässliche Absprachen zurück in Leos Alltag. Die rosa Schweinetorte bleibt die Erinnerung an den Nachmittag, an dem sie wieder miteinander anfingen.

Quellenangaben

Dieser Artikel basiert auf vertrauenswürdigen und geprüften Informationen.

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