Merken
Fiktive Erzählung. Alle Figuren und Ereignisse dieser Geschichte sind frei erfunden. Sie erzählt von einem Samstagmorgen, drei gepackten Kindertaschen und einer Schwester, die ihre Familie liebt, aber über ihre Zeit selbst entscheiden möchte.
1. Der Koffer auf der zweiten Stufe
Der gelbe Kinderkoffer blieb an der zweiten Stufe hängen. Emil zog noch einmal daran, mit beiden Händen und vorgeschobenem Kinn. Das blaue Stoffband am Griff schleifte über den nassen Beton. Hinter ihm sagte mein Bruder: „Heb ihn doch kurz an, Großer.“ Dann sah Nils mich an, als wäre nur noch dieses kleine Hindernis zwischen ihm und einem gelungenen Wochenende. Ich stand in der offenen Haustür. In meiner rechten Hand hielt ich ein gefaltetes Blatt Papier, das bereits an einer Ecke weich geworden war. Ich hatte es seit zehn Minuten zwischen den Fingern gedreht.
„Ihr könnt die Sachen wieder mitnehmen“, sagte ich. Meine Stimme klang dünner, als ich gehofft hatte. Nils lachte kurz. Unsere Mutter, die hinter Theo auf dem überdachten Podest stand, zog ihre beige Weste zusammen. Jule hatte den Rucksack noch auf beiden Schultern. Sie war elf und konnte an unseren Gesichtern offenbar schon lesen, dass hier etwas nicht stimmte. „Johanna“, sagte meine Mutter, „lass uns erst mal reinkommen. Es ist frisch.“ Ich sah die drei Kinder an. Emil hatte aufgehört zu ziehen. Eine Kofferrolle drehte sich langsam weiter.
„Die Kinder können sich hier unterstellen“, sagte ich. „Aber Nils fährt mit ihnen wieder nach Hause.“ Mein Bruder schob die Ärmel seiner rostbraunen Jacke hoch. Das machte er immer, wenn er etwas für eine unnötig komplizierte Angelegenheit hielt. „Wir haben keine Zeit für so was. Ben wartet schon mit dem Radträger.“ Er wollte mit zwei Freunden bis Sonntag eine Radtour machen. Seit Wochen sprach er von dieser Strecke, den alten Bahntrassen, dem Gasthof am Fluss. Dass dafür jemand seine drei Kinder betreuen musste, hatte er mir erst am Freitagnachmittag mitgeteilt.
Ich streckte ihm das Blatt hin. Darauf stand meine Antwort aus unserem Nachrichtenverlauf, ausgedruckt, weil ich befürchtet hatte, sie sonst wieder abschwächen zu müssen: Ich hatte für dieses Wochenende abgesagt. Nils nahm das Papier zunächst nicht. „Du hast das ausgedruckt?“ Er sah mich jetzt wirklich an. Ich schämte mich plötzlich für den Drucker, das Blatt und die ganze Vorbereitung. Am liebsten hätte ich gelacht, einen Kaffee angeboten und alles zurückgenommen. Stattdessen ließ ich meine Hand zwischen uns stehen. Theo beugte sich neben dem Rosmarintopf hinunter und richtete die umgeknickte Ecke seines Schuhs.
2. Was in meinem Kalender nicht zu sehen war
Vier Tage zuvor hatte ich sechs Rollen Buchbinderleinen auf meinen Küchentisch gelegt. Petrol, Ziegelrot, ein warmes Grau. Am Samstag sollte ich zum ersten Mal einen eigenen Workshop in der Stadtbibliothek leiten. Acht Erwachsene hatten sich angemeldet. Wir würden kleine Hefte binden, mit Faden und Ahle, und ich hatte jede Naht so oft geübt, dass auf meinem Daumen eine helle Druckstelle geblieben war. Seit Jahren reparierte ich Bücher für andere. Nun sollte ich vor Menschen stehen und ihnen etwas beibringen. Ich freute mich darauf. Gleichzeitig überlegte ich beim Einschlafen, ob ich wohl zu leise sprechen würde.
Nils wusste von dem Termin. Ich hatte beim letzten Familienessen davon erzählt, zwischen dem Abräumen der Teller und Theos Frage, ob Schnecken rückwärts kriechen könnten. Meine Mutter hatte gesagt: „Wie schön, dann kommst du auch mal unter Leute.“ Nils hatte nach dem Senf gegriffen. Vielleicht hatte er nicht richtig zugehört. Vielleicht hatte ich zu schnell weitergesprochen, weil es mir unangenehm war, etwas wichtig zu finden, bei dem niemand aus unserer Familie mitmachte. Trotzdem hatte ich den Termin später noch einmal in die Familiengruppe geschrieben. Sogar mit einem Foto der Stoffrollen.
Am Freitag um halb fünf kam seine Nachricht: Ob ich die Kinder am nächsten Morgen nehmen könne, Mira sei bis Sonntag beruflich auf einer Messe. Bevor ich antworten konnte, folgte schon die Packliste. Emil brauche sein Nachtlicht. Theo dürfe die halbfertige Burg auf keinen Fall vergessen. Ich schrieb, dass ich den ganzen Samstag in der Bibliothek sei und die Betreuung nicht übernehmen könne. Nils antwortete mit einem Daumenzeichen. Eine Stunde später rief unsere Mutter an. „Die Kinder können sich doch gut allein beschäftigen, während du deine Sachen machst.“ Ich erklärte ihr den Workshop. Sie sagte: „Ich dachte, das wäre so ein Hobbytreffen.“
Früher hätte ich jetzt die Bibliothekarin angerufen. Ich hätte etwas von einem familiären Problem gesagt und mich dafür entschuldigt, dass ich sie hängen ließ. Es war schon vorgekommen. Ein abgesagter Ausflug, ein verschobenes Essen mit einer Freundin, ein Sonntag, an dem ich eigentlich nur schlafen und lesen wollte. Ich hatte die Kinder gern bei mir. Jule wusste, wo meine guten Bleistifte lagen. Theo stellte seine Schuhe ordentlich nebeneinander, wenn er etwas ausgefressen hatte. Emil nannte meinen Wasserkocher den Drachen. Gerade deshalb fiel mir mein Nein schwer. Ich schrieb Nils trotzdem noch einmal: „Bitte bring sie morgen nicht. Ich habe nicht zugesagt.“ Diesmal kam keine Antwort.
3. Niemand hier ist zu viel
Jetzt nahm Nils das Blatt. Er überflog es und faltete es kleiner, obwohl die Zeilen dadurch verschwanden. „Ich dachte, wir kriegen das irgendwie hin“, sagte er. „Wer ist wir?“ Die Frage war schärfer herausgekommen, als ich wollte. Meine Mutter berührte meinen Unterarm. „Nicht vor den Kindern.“ Ich sah auf ihre Hand. Dann auf die Taschen. Wir standen längst vor den Kindern. Sie hatten die ganze Strecke hierher mit der Vorstellung verbracht, bei mir zu bleiben. Ich atmete aus und ging vor Emil in die Hocke. „Du hast nichts falsch gemacht“, sagte ich. „Wir Erwachsenen haben gerade etwas zu klären.“
Jule zog einen Schulterriemen ihres Rucksacks zurecht. „Ich kann auf Emil aufpassen. Dann musst du nur Theo mitnehmen.“ Für einen Augenblick hörte ich nichts außer dem Verkehr hinter der Gartenhecke. Da war dieses elfjährige Kind, das in Sekunden eine Lösung suchte, damit die Erwachsenen wieder freundlich wurden. „Nein, Jule“, sagte ich. „Heute passt dein Papa auf euch auf. Du musst hier keinen Plan machen.“ Sie blickte zu Nils. Er strich sich über den Bart, sah auf das gefaltete Papier und steckte es schließlich in die Jackentasche. Zum ersten Mal an diesem Morgen sagte er nichts.
Ich bat alle für einen Moment in den Flur, damit die Kinder nicht weiter in der Zugluft standen. Die Taschen blieben draußen neben Nils. Ich holte Wasser, während er bei ihnen blieb. Dann sprach ich leise mit ihm an der offenen Küchentür. „Du kannst telefonieren und absagen. Oder mit Mira besprechen, ob euch jemand helfen kann. Aber ich übernehme heute nicht.“ „Ich habe hundertneunzig Euro für das Wochenende bezahlt.“ „Das ist ärgerlich.“ Er wartete. Ich merkte, wie vertraut mir diese Pause war: Normalerweise füllte ich sie mit einem Angebot. Diesmal hörte ich Theo im Flur erzählen, dass ein Regenwurm am Topf entlangkroch.
Meine Mutter schlug vor, bis mittags zu bleiben. Dann könnten die Kinder eben mit mir in die Bibliothek. Ich sagte, dass dieser Plan meine Absage wieder aufhob. Nils schaute zur Uhr. Schließlich holte er sein Telefon heraus und ging zwei Schritte auf das Podest. Seine Stimme wurde beim Sprechen mit Ben knapp und sachlich. Als er zurückkam, nahm er den gelben Koffer. „Wir fahren heim.“ Emil wollte wissen, ob mein Haus kaputt sei. Ich schüttelte den Kopf und drückte ihn kurz an mich. „Nein. Wir sehen uns wieder. Für heute war nur nichts verabredet.“ Jule winkte erst, als sie schon am Gartentor stand.
4. Die erste Naht
Nachdem sie gefahren waren, blieb ein feuchter Abdruck vom Koffer auf der Stufe zurück. Ich wischte ihn mit dem Schuh weg und schämte mich sofort für diese Bewegung. Als wollte ich ihre Spuren beseitigen. In der Küche stand Emils Wasserglas fast unberührt auf dem Tisch. Ich räumte es nicht weg. Stattdessen prüfte ich zum dritten Mal meine Materialkisten. Nadeln, Faden, Karton, Leinen. Mein Telefon vibrierte. Eine Nachricht meiner Mutter: „So kenne ich dich gar nicht.“ Ich las den Satz zweimal. Dann steckte ich das Gerät in die Seitentasche meiner Tasche und fuhr zur Bibliothek.
Beim Aufbau riss mir eine Papiertüte mit Klammern. Sie verteilten sich über den Boden, bis unter das niedrigste Regal. Die Bibliothekarin kniete sich wortlos neben mich. „Sie dürfen übrigens nervös sein“, sagte sie, während sie eine Klammer zwischen zwei Reiseführern hervorholte. Ich lachte zu laut. Um zehn saßen acht Menschen an zwei zusammengeschobenen Tischen. Einer hatte schon einmal ein Buch gebunden. Eine Frau wollte ein Heft für die Rezepte ihrer Schwester machen. Ein älterer Mann fragte, ob er langsamer arbeiten dürfe. Ich erklärte, dass es keine Zeitvorgabe für die erste Naht gab, und hörte mich selbst dabei etwas ruhiger werden.
Es lief nicht alles gut. Ich hatte zu wenig grauen Faden dabei. Bei einer Erklärung verwechselte ich innen und außen und musste die Gruppe bitten, einen Stich wieder zu lösen. Doch irgendwann beugten sich alle über ihre Hefte, und das Geräusch der Fäden durch die Löcher füllte den Raum. Niemand fragte, warum ich keine Kinder hatte oder ob ich am Sonntag Zeit hätte. Sie wollten wissen, wie man die Ecken sauber einschlug. Ich konnte es ihnen zeigen. Als die Frau mit dem Rezeptheft ihr fertiges Buch vorsichtig aufklappte, strich sie lächelnd über den Rücken. Ich sah ihr zu und vergaß für einige Minuten mein Telefon.
Abends stellte ich die leeren Kisten im Flur ab. Ich war müde und hungrig. Das Wasserglas stand noch immer da. Nils hatte nicht geschrieben. Meine Mutter ebenfalls nicht mehr. Ich machte mir Brot, setzte mich ans Fenster und griff nach dem Telefon. Beinahe schickte ich ein Foto der fertigen Hefte in die Familiengruppe. Darunter wollte ich erklären, weshalb dieser Tag so wichtig gewesen war. Dann löschte ich den angefangenen Text. Der Workshop war gut gewesen. Aber ich wollte nicht noch einmal Beweismaterial sammeln, damit mein Samstag mir gehören durfte.
5. Der Anruf am Sonntag
Unser übliches Sonntagsessen fiel aus. Meine Mutter schrieb, sie habe keine Lust, für alle zu kochen. Ich antwortete, dass ich das verstehen könne. Danach saß ich eine Weile vor dieser kurzen Nachricht. Ein Teil von mir wollte nachfragen, ob sie enttäuscht oder wütend war, ob ich kommen und helfen sollte. Ich wusste ziemlich genau, wie der Nachmittag dann verlaufen würde: Ich würde Kartoffeln schälen und vorsichtig herausfinden, wann sie mir wieder freundlich begegnen konnte. Stattdessen zog ich meine Schuhe an und ging spazieren. Es regnete nicht mehr. An den Bordsteinen klebten dunkle Blätter.
Nils rief an, als ich zurückkam. Zuerst hörte ich nur ein Scharren am Telefon. Dann Jules Stimme. „Papa sagt, ich darf dich was fragen.“ Ich setzte mich auf die unterste Treppenstufe. „Natürlich.“ Sie wollte wissen, ob sie die Bleistifte zurückbringen müsse, die noch bei ihr lagen. „Warum solltest du?“ „Weil wir jetzt vielleicht nicht mehr kommen.“ Ich schloss kurz die Augen. Im Flur roch es nach feuchter Jacke. „Die Stifte kannst du behalten. Und ich möchte euch weitersehen.“ Jule schwieg. Dann fragte sie: „Aber nicht mehr alle drei?“
„Doch, auch alle drei. Nur verabreden wir das vorher.“ Ich erzählte ihr von dem schiefen Heft, das ich als Muster aufgehoben hatte. Sie fragte, ob man aus dem Restkarton ein Haus bauen könne. „Bestimmt“, sagte ich. „Mit einer richtigen Tür?“ „Das probieren wir aus.“ Ich versprach keinen Termin, den ich noch nicht geprüft hatte. Stattdessen sagte ich, ich würde am Mittwoch mit ihrem Vater sprechen und danach Bescheid geben. Jule schien damit zufrieden. Im Hintergrund rief Theo etwas über einen verschwundenen Ritter. Dann gab sie das Telefon weiter.
„Ich habe ihnen nicht gesagt, dass sie nicht mehr kommen dürfen“, sagte Nils sofort. „Das glaube ich dir.“ Er räusperte sich. „Jule war einfach still gestern.“ Ich sagte, dass mich ihr Angebot auf der Treppe beschäftigt hatte. Nils antwortete erst nach einer Weile. „Mich auch.“ Ich hörte ein Schrankfach zufallen. Er erzählte, dass sie am Samstag Pfannkuchen gemacht hätten. Einer sei auf dem Fußboden gelandet, und Emil habe darauf bestanden, dass er für den Staubsauger gewesen sei. Wir mussten beide lachen. Dann wurde es wieder still. „Mittwoch?“, fragte er. „Ohne Kinder, damit wir ordentlich reden können?“ Ich sagte ja.
6. Ein Tisch für drei Erwachsene
Am Mittwoch kam Nils mit unserer Mutter. Mira blieb bei den Kindern; ich hatte sie ebenfalls eingeladen, aber sie wollte das Gespräch zunächst uns dreien überlassen. Auf meinem Tisch standen Kaffee und drei Tassen. Ich hatte keine Liste vorbereitet. Trotzdem fühlte ich mich beim Einschenken, als hätte ich wichtige Unterlagen vergessen. Meine Mutter begann mit dem Samstag. Sie habe gedacht, wir würden uns schon einigen. Nils nickte. „Du sagst manchmal erst Nein, und dann geht es doch.“ Ich stellte die Kanne ab. Er hatte recht. Ich hatte oft nachgegeben. Nur hatte er daraus etwas anderes gelernt als ich.
„Wenn ich meine Meinung ändere, sage ich dir das“, erwiderte ich. „Bis dahin gilt meine Antwort.“ Nils drehte seine Tasse am Henkel. „Ich habe deine zweite Nachricht gesehen.“ Es war ein kleiner Satz. Ich musste ihn trotzdem erst einmal stehen lassen. „Warum bist du dann gekommen?“ Er schaute zur Küche, obwohl dort niemand war. „Weil ich dachte, wenn wir erst da sind, lässt du uns schon nicht stehen.“ Meine Mutter öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Ich zog meine Hände vom Tisch in den Schoß. Da war sie, die Erklärung, die ich geahnt und doch nicht hatte hören wollen.
„Als Jule angeboten hat, Emil zu nehmen, habe ich gemerkt, wie blöd das war“, sagte er. „Du hättest auch vorher auf mich hören können.“ „Ja.“ Diesmal fügte er nichts an. Meine Mutter strich eine unsichtbare Falte aus ihrer Weste. Sie erzählte, dass sie mich schon mit fünfzehn gebeten hatte, an Nils’ Sporttasche und die Brotdosen zu denken, wenn sie früh zur Arbeit musste. Nils war damals achtzehn, aber häufig schon vor ihr aus dem Haus. „Bei dir wusste ich einfach, dass du dran denkst“, sagte sie. Ich sah sie an. „Und irgendwann musstest du mich nicht mehr bitten.“ Sie senkte den Blick auf ihre Tasse.
Wir einigten uns auf etwas sehr Einfaches: Nils fragte künftig mit Datum und Uhrzeit. Erst meine ausdrückliche Zusage machte daraus eine Verabredung. Wenn ich absagte, suchten er und Mira eine andere Lösung. Meine Mutter würde keine Zusagen für mich geben. „Und was ist, wenn wirklich etwas dazwischenkommt?“, fragte sie. „Dann reden wir darüber“, sagte ich. „So wie jetzt.“ Nils entschuldigte sich für den Samstag. Unsere Mutter brauchte länger. Beim Aufstehen blieb sie hinter ihrem Stuhl stehen und sagte: „Ich habe dir geschrieben, dass ich dich so nicht kenne. Das war unfair.“ Ich nickte. Umarmen konnte ich sie erst an der Tür.
7. Zwei Stunden, die wirklich verabredet waren
Eine Woche später kamen die Kinder am Freitag von drei bis fünf. Nils hatte gefragt, nachdem ich Jule den Bastelnachmittag vorgeschlagen hatte. Ich hatte den Termin in meinen Kalender geschrieben. Merkwürdigerweise fühlten sich diese zwei Stunden länger an als manches Wochenende, das ich widerwillig freigeräumt hatte. Wir bauten ein Haus aus Karton. Theo wollte eine Garage, Emil einen Schornstein, durch den ein Ritter passte. Jule zeichnete Fenster mit Bleistift vor und fragte, ob die Tür nach innen oder außen aufgehen sollte. „Hauptsache, sie geht auf“, sagte Theo. Emil fand, dass ein Haus zwei Schornsteine brauchte.
Um zwanzig vor fünf schrieb Nils. Ob halb sechs auch in Ordnung wäre; er könne dann auf dem Rückweg sein repariertes Fahrrad abholen. Ich las die Nachricht neben einer Schüssel Kartonstreifen. Mein erster Gedanke war, dass eine halbe Stunde nun wirklich keinen Streit wert sei. Mein zweiter war, dass ich um zwanzig nach fünf loswollte. Ich war mit meiner Freundin Tessa verabredet, und ich wollte mich vorher umziehen, ohne im Flur nach meinem Schlüssel zu suchen. „Heute bleibt es bitte bei fünf“, schrieb ich. Ich legte das Telefon hin und half Emil, den zweiten Schornstein gerade zu halten.
Nils antwortete: „Okay. Dann hole ich das Rad morgen.“ Mehr nicht. Ich wartete trotzdem auf einen weiteren Satz. Auf eine Erklärung, einen kleinen Vorwurf, einen Hinweis darauf, wie umständlich ich gerade war. Nichts kam. Als es kurz vor fünf klingelte, hatte Theo Leim am Ärmel und Jule einen Fehler entdeckt: Eines der Fenster saß viel tiefer als die anderen. Sie wollte die Vorderwand neu machen. „Vielleicht wohnt da jemand, der im Sitzen rausgucken will“, sagte Nils, der sich neben sie stellte. Jule betrachtete das Fenster. Dann zeichnete sie eine winzige Zimmerpflanze darunter.
Beim Anziehen fragte Emil, ob das Haus bei mir bleiben dürfe. „Bis zum nächsten Mal“, sagte ich. Er stellte es vorsichtig auf das niedrige Regal. Nils sammelte die ausgeschnittenen Garagentore ein, die Theo unbedingt mitnehmen wollte. An der Tür blieb er stehen. „Danke für heute.“ Ich sagte gern. Das Wort kam mir ohne Widerstand über die Lippen. Nachdem sie gegangen waren, räumte ich die Schere weg und ließ die Kartonreste liegen. Ich konnte sie später zusammenfegen. Zehn Minuten danach stand ich vor meinem Kleiderschrank und überlegte, welchen Pullover ich anziehen wollte. Mehr musste ich in diesem Moment nicht entscheiden.
8. Die Tür im Papphaus
Es dauerte noch einige Wochen, bis ich bei einer Nachricht meines Bruders nicht sofort nach der versteckten Bitte suchte. Auch unsere Mutter musste sich umgewöhnen. Einmal begann sie am Telefon: „Du kannst doch bestimmt am Dienstag …“ Dann hielt sie inne und lachte verlegen. „Ich frage noch mal von vorn.“ Nicht jedes Gespräch war so leicht. Als ich eine Einladung zum Sonntagsessen ausschlug, weil mir nach einem ruhigen Tag war, klang sie enttäuscht. Ich ließ sie enttäuscht sein. Am Montag fragte ich sie nach ihrem neuen Balkontisch. Wir hatten auch darüber etwas zu erzählen.
Nils fragte im Oktober nach einem ganzen Samstag. Er und Mira wollten zusammen zu Freunden fahren. Ich prüfte meinen Kalender und sagte ab. Ich hatte keine Veranstaltung, keinen Auftrag, keinen Besuch. Ich wollte endlich meinen kleinen Garten aufräumen und danach mit einem Buch drinnen sitzen. Ich schrieb nur, dass es für mich nicht passe. Während ich auf seine Antwort wartete, stellte ich eine Tasse in die Spüle, nahm sie wieder heraus und spülte sie gleich ab. Dann leuchtete das Telefon auf. „Alles klar. Wir fragen, ob die Kinder mitkommen können.“ Ich trocknete die Tasse ab. Das Geschirrtuch war noch warm von der Heizung.
Beim nächsten gemeinsamen Essen brachte Jule unser Papphaus an den Tisch. Es hatte inzwischen eine Dachterrasse und Theos Garage, deren Tor nur mit einem Bleistift offen blieb. Emil hatte innen einen roten Papierstreifen festgeklebt, damit der Ritter ein Bett hatte. Nils saß neben mir und hielt das Haus fest, während Jule mir die Haustür zeigte. Sie hatte aus einem schmalen Stoffrest ein Scharnier gemacht. Die Tür ließ sich öffnen und wieder anlegen, ohne abzureißen. „Jetzt funktioniert sie“, sagte sie und probierte es zweimal. Unsere Mutter beugte sich über den Tisch. Emil wollte sofort den Ritter hineinsetzen.
Ich dachte an den gelben Koffer auf meiner Stufe und an das ausgedruckte Blatt, das Nils an jenem Morgen eingesteckt hatte. Ich hatte damals geglaubt, ein einziges Nein könne mich meine Familie kosten. Danach hatten wir einige unbequeme Gespräche führen müssen. Doch jetzt saßen wir hier, und niemand musste erraten, ob ich gern dabei war. Ich nahm das Papphaus von Jule entgegen und hielt die kleine Tür für Emils Ritter offen. Später würde ich es auf mein Regal stellen. Beim nächsten Besuch konnten die Kinder weiterbauen.