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Diese Geschichte ist Fiktion. Alle Figuren, Gespräche und Ereignisse sind frei erfunden. Sie erzählt von einem Vater und seiner erwachsenen Tochter, die einander helfen wollen und dabei lange übersehen, was sie selbst brauchen.
1. Zwei Gläser am Fenster
Mein Vater hatte die Hand schon auf der Rechnung, als ich sagte: „Vielleicht liegt es daran, dass du immer hierhergehst.“ Unter seinen Fingern verschwand der untere Rand des kleinen weißen Zettels. Er sah zur Fensterscheibe, in der unsere Gläser doppelt erschienen. Draußen zog jemand einen tropfenden Schirm aus einer Fahrradhalterung. Drinnen roch es nach geröstetem Knoblauch und der ausgeblasenen Kerze vom Nachbartisch.
„Dir schmeckt es doch“, sagte er.
„Mir soll es auch nicht gefallen. Deinen Verabredungen soll es gefallen.“
Ich schob meine Gabel durch die letzten Nudeln. Papa hatte seinen Teller leer gegessen und danach mit einem Stück Brot die Soße aufgenommen. Das tat er immer, vorsichtig und gründlich, als wäre jede übrig gebliebene Spur eine Aufgabe. Mit siebenundsechzig hatte er noch die breiten Schultern von früher. Nur seine Hemden saßen inzwischen etwas lockerer.
„Ulrike hat gesagt, der Abend sei nett gewesen“, sagte er.
„Und danach?“
Er zog die Rechnung näher zu sich. „Danach war wohl nichts.“
Es war die vierte solche Antwort innerhalb von elf Monaten. Erst hatte ich über die Frauen geschimpft, ganz ohne sie zu kennen. Dann über die Art, wie Menschen sich heute kennenlernten. Zuletzt hatte ich begonnen, meinen Vater nach Einzelheiten zu fragen: Hatte er zu viel von Mama gesprochen? Hatte er Fragen gestellt? Hatte er sein Telefon auf dem Tisch liegen lassen?
Während ich jetzt den Salzstreuer aus einer kleinen Wasserpfütze rückte, fiel mir auf, wie ähnlich diese Gespräche meinen Besprechungen im Büro geworden waren. Wir suchten einen Fehler im Ablauf. Ich war zweiunddreißig und behandelte meinen Vater wie ein Projekt, dessen schlechter Verlauf mich persönlich beleidigte.
Die Kellnerin kam mit dem Kartenlesegerät. Auf ihrem Namensschild stand „Mara“. Sie trug die dunklen Haare in einem geflochtenen Zopf und hatte einen Tintenklecks am Daumen.
„Zusammen?“, fragte sie.
„Natürlich“, sagte Papa.
„Heute lade ich dich ein“, widersprach ich.
Wir griffen beide nach unseren Geldbörsen. Er lachte, und für einen Augenblick sah ich den Mann, der früher an der Supermarktkasse absichtlich zu lange nach Kleingeld gesucht hatte, um mich als Teenager zur Weißglut zu bringen.
Dann sagte ich: „Du kannst mich ja beim nächsten Mal mit deiner neuen Freundin einladen.“
Sein Lachen hörte auf. Mara senkte den Blick auf das Gerät. Papa bezahlte, ohne weiter um die Rechnung zu streiten. Ich hielt sein Schweigen für Enttäuschung. Erst später begriff ich, dass ich mitten in diesem vertrauten Restaurant etwas gesagt hatte, vor dem er sich schon den ganzen Abend gefürchtet hatte.
2. Mein kleiner Plan für sein Leben
Seit Mamas Tod waren fünf Jahre vergangen. In ihrem letzten Winter hatte Papa gelernt, die Waschmaschine zu bedienen. Im ersten Sommer ohne sie hatte er alle Fensterkästen leer gelassen. Im zweiten hatte er Geranien gekauft, rote statt ihrer weißen. Ich hatte ein Foto davon gemacht und meiner Freundin geschickt, als hätte er eine Prüfung bestanden.
Irgendwann hatte ich angefangen, solche Zeichen zu sammeln: der neue Pullover, die Einladung zum Nachbarn, ein Wochenende, an dem er mich nicht fragte, ob ich sonntags vorbeikommen würde. Ich freute mich darüber. Gleichzeitig kontrollierte ich, ob die Fortschritte bestehen blieben. Wenn er einen freien Samstag zu Hause verbrachte, fragte ich, ob alles in Ordnung sei.
„Manchmal muss ich einfach die Fugen im Bad machen“, hatte er einmal gesagt. Ich hatte trotzdem Suppe vorbeigebracht.
Die erste Verabredung war aus einer beiläufigen Begegnung bei einem Geburtstag entstanden. Papa hatte davon erzählt, während er Kartoffeln schälte. Ich hatte sofort das Messer weggelegt.
„Du gehst hin, oder?“
„Vielleicht.“
„Papa. Ein Abendessen ist doch kein Eheversprechen.“
Am nächsten Tag schickte ich ihm drei Hemden als Fotos. Er antwortete mit einem Bild seines geöffneten Kleiderschranks und dem Satz: „Habe bereits welche.“ Ich lachte darüber und bemerkte nicht, dass es eine Grenze war.
Später hatte ich ihm beim Anlegen eines Profils geholfen, weil er mich darum bat. Ich suchte ein Foto aus, auf dem er am Meer stand. Den Satz, dass er gern Dinge reparierte und keine Rosinen mochte, ließ ich stehen. Er klang nach ihm. Den Hinweis, dass er nur gelegentlich jemanden treffen wolle, fand ich zu unentschlossen.
„Das kannst du doch später erklären“, sagte ich. Er ließ mich den Satz löschen.
Bei jeder Verabredung wartete ich auf eine Nachricht. Meist schrieb ich zuerst. Wie war es? War sie sympathisch? Habt ihr etwas ausgemacht? Papa schickte kurze Antworten, manchmal nur einen hochgereckten Daumen. Ich deutete ihn nach Bedarf.
In derselben Zeit lag in meiner Küchenschublade ein unterschriebener Arbeitsvertrag für eine Stelle in einer anderen Stadt. Zweihundert Kilometer entfernt. Der Beginn ließ sich noch verschieben, mein Umzug nicht mehr lange. Ich hatte Papa von der Möglichkeit erzählt, aber nicht davon, dass ich zugesagt hatte.
Wenn jemand fragte, worauf ich wartete, sagte ich: „Es ist gerade schwierig mit meinem Vater.“ Das stimmte auf eine Weise, die mich von weiteren Erklärungen befreite. Ich musste nicht sagen, dass ich Angst vor dem neuen Büro hatte, vor der stillen Wohnung dort, vor einem Alltag, in dem mich noch niemand erwartete.
Ich dachte, wenn er jemanden hätte, könnte ich mit gutem Gewissen gehen. Dass ich damit einer unbekannten Frau meine bisherige Aufgabe zuteilte, fiel mir damals nicht auf.
3. Was Mara nicht erzählen wollte
Papa war zur Garderobe gegangen, um unsere Jacken zu holen. Mara sammelte gerade die Teller ein. Ich hätte aufstehen können. Stattdessen hielt ich sie mit einer Frage fest.
„Darf ich Sie etwas Merkwürdiges fragen?“
Sie stellte den zweiten Teller auf den ersten.
„Mein Vater war ein paarmal mit jemandem hier. Ist Ihnen etwas aufgefallen?“
„Was meinen Sie?“
„Ob er sich vielleicht ungeschickt verhält. Ob es einen Grund gibt, warum die Frauen sich hinterher nicht mehr melden.“
Mara sah zur Garderobe und dann wieder zu mir. Ihr freundlicher Ausdruck war verschwunden. „Ich möchte Ihnen keine Gespräche von anderen Gästen erzählen.“
„Natürlich. Ich dachte nur …“
Ich brach ab. Es gab keine elegante Fortsetzung für die Bitte, meinem Vater hinter seinem Rücken beim Erwachsensein zuzusehen.
Sie nahm den Brotkorb mit. „Wenn er sagt, dass sie sich nicht melden, fragen Sie ihn vielleicht, was er sich von ihnen wünscht.“
Es war kein geheimnisvoller Hinweis. Sie sagte es müde und sachlich, während an einem anderen Tisch jemand nach Parmesan fragte. Trotzdem blieb der Satz bei mir hängen.
Papa kam mit meiner Jacke zurück. Er hielt sie so auf, wie er es getan hatte, als meine Arme noch zu kurz für die Ärmel gewesen waren. Ich zog sie an.
„Was wünschst du dir eigentlich von den Frauen?“, fragte ich.
Er sah mich an. „Jetzt?“
„Du sagst immer nur, dass sie sich nicht melden. Willst du denn, dass sie es tun?“
In der Scheibe hinter ihm leuchtete die rote Ampel. Er strich mit der Hand über den Kragen meiner Jacke, der nach innen geklappt war. Dann ließ er ihn los.
Wir setzten uns wieder. Um uns herum begann das Restaurant, sich für den späteren Abend zu verändern. Am großen Tisch wurden Gläser zusammengeschoben, irgendwo fiel ein Messer. Papa faltete die Rechnung der Länge nach, öffnete sie und legte sie neben seinen Teller.
„Ich habe Ulrike gesagt, dass ich kein zweites Treffen möchte.“
Ich wartete. Er sah weiter auf den Zettel.
„Du hast mir erzählt, sie hätte sich nicht gemeldet.“
„Hat sie auch nicht.“
„Weil du es so wolltest.“
Er nickte.
Ich spürte zuerst Erleichterung. Niemand hatte ihn einfach sitzen lassen. Dann kam der Ärger darüber, dass er mich wochenlang an einer Erklärung hatte arbeiten lassen, die er längst besaß.
„Warum hast du das nicht gesagt?“
Seine Antwort war so leise, dass ich mich vorbeugen musste.
„Weil du dann gefragt hättest, warum ich ihr keine Chance gebe.“
Ich öffnete den Mund. Genau diese Frage hatte schon auf meiner Zunge gelegen.
4. Mein Name in seinem Mund
„Du hättest mir trotzdem die Wahrheit sagen können.“
„Ja.“
Sein sofortiges Einverständnis machte mich noch wütender. Ich hatte Gegenwehr erwartet, etwas, an dem ich meinen Ärger festmachen konnte. Er saß nur da, mit beiden Händen auf dem Tisch.
„Und bei den anderen?“
„Ähnlich.“
„Alle vier?“
„Bei der ersten wusste ich es noch nicht gleich. Ich habe ihr zwei Tage später geschrieben.“
Ich dachte an die Frau, über die ich gesagt hatte, sie sei offenbar oberflächlich. Papa hatte damals das Geschirr in die Spülmaschine gestellt und nichts erwidert.
„Du hast mich schlecht über Menschen reden lassen, die gar nichts getan hatten.“
„Das war feige.“
Er sagte es ohne die Hoffnung, dass ich widersprechen würde. Ich tat es auch nicht.
Dann zog er sein Telefon aus der Jackentasche. Er entsperrte es, suchte eine Weile und hielt es noch fest, als ich schon danach griff.
„Da ist noch etwas.“
Die Nachricht war an Ulrike gerichtet. Ich las nur die Zeilen, die er mir zeigte. Er bedankte sich für den Abend. Er schrieb, dass ein weiteres Treffen für ihn nicht passe. Und dann: „Meine Tochter kommt mit dem Gedanken noch nicht gut zurecht. Ich möchte ihr das im Moment nicht zumuten.“
Mein Gesicht wurde heiß.
„Du hast gesagt, ich wäre dagegen?“
„Es war leichter.“
„Für wen?“
Er nahm das Telefon zurück, ohne auf den Bildschirm zu sehen.
„Für mich.“
Ich hörte hinter mir jemanden lachen. Das Geräusch war so unpassend zu unserem Tisch, dass ich kurz den Kopf drehte. Eine Frau hielt ihrer Begleitung eine Olive hin. Für andere Menschen war dies weiterhin ein gewöhnlicher Abend.
„Ich habe dich zu diesen Treffen gefahren. Ich habe deine Hemden gebügelt, als dein Bügeleisen kaputt war. Und du machst aus mir die Tochter, die dich nicht leben lässt?“
„Das hätte ich nicht tun dürfen.“
„Was hat sie geantwortet?“
Er zeigte mir die Antwort. Ulrike hatte sich ebenfalls bedankt. Sie wolle niemanden überzeugen müssen, schrieb sie. Alles Gute für ihn und seine Tochter.
Ich legte das Telefon vorsichtig zurück, obwohl ich es am liebsten über den Tisch geschoben hätte.
„Sie hat sogar noch Rücksicht auf mich genommen.“
Papa nickte.
„Warum bist du überhaupt hingegangen?“
Er atmete ein und sah zum leeren Stuhl am Nachbartisch.
„Weil ich manchmal gern mit einer Frau essen gehen würde. Weil ich neugierig war. Weil ein Gespräch schön sein kann, auch wenn ich danach wieder allein nach Hause möchte.“ Er rieb mit dem Daumen über die Kante seines Telefons. „Und weil ich nach jedem Treffen wusste, dass du für zwei Tage beruhigt bist.“
Ich zog meine Tasche auf den Schoß. „Ich gehe heute allein nach Hause.“
Er stand nicht auf, um mich aufzuhalten.
5. Die Schublade mit dem Vertrag
Zu Hause zog ich meine Schuhe aus, ohne das Licht im Flur anzumachen. In der Küche lag der Arbeitsvertrag unter einem Stapel Bedienungsanleitungen. Ich nahm ihn heraus und setzte mich auf den Boden, weil der Stuhl voller frisch gewaschener Wäsche war.
Mein Vater hatte meinen Namen als Ausrede benutzt. Daran gab es nichts kleinzureden. Gleichzeitig hörte ich wieder, wie ich nach seinem ersten Treffen gesagt hatte: „Wenn du beim ersten Mal aufgibst, wird das nie etwas.“ Damals war ich stolz auf meine vernünftige Ermutigung gewesen. Jetzt versuchte ich, mir vorzustellen, wie oft ich bereit gewesen wäre, dieselbe Antwort zu akzeptieren.
Mein Telefon vibrierte. Papa hatte geschrieben: „Es tut mir leid. Du musst heute nicht antworten.“
Ich legte es mit dem Bildschirm nach unten neben den Vertrag. Zum ersten Mal an diesem Abend hatte er mir etwas angeboten, das ich tatsächlich brauchte: Zeit.
Am nächsten Nachmittag kam er mit seinem Fahrrad. Ich sah vom Fenster aus, wie er zweimal am Schloss zog, um zu prüfen, ob es eingerastet war. Er brachte weder Blumen noch Kuchen mit. In der Küche setzte er sich auf den freigeräumten Stuhl.
„Ich habe dich vorgeschoben“, sagte er. „Ich wollte meine Entscheidung nicht erklären. Und ich wollte deinen enttäuschten Blick nicht sehen.“
Ich stellte zwei Tassen auf den Tisch.
„Hast du das allen geschrieben?“
„Zweien. Bei einer habe ich es im Gespräch gesagt. Bei der ersten habe ich nur gesagt, dass ich es nicht weiterführen möchte.“
„Warum gerade ich?“
„Weil du nicht dabei warst. Weil niemand dich fragen konnte.“
Er schwieg einen Moment. „Das klingt noch schlechter, wenn ich es ausspreche.“
„Ja“, sagte ich.
Er ließ das stehen. Es half mir mehr als eine Erklärung dafür, wie schwer die vergangenen Jahre für ihn gewesen waren.
Ich schob ihm den Vertrag hin. Er las die erste Seite und hob den Kopf.
„Du hast zugesagt?“
„Vor drei Wochen.“
„Warum hast du nichts gesagt?“
„Weil ich erst sicher sein wollte, dass du zurechtkommst.“
Er betrachtete die Unterschrift. „Und wann wäre das gewesen?“
Ich wollte sagen: wenn du jemanden hast. Aber endlich hörte ich selbst, was ich damit meinte. Jemand sollte bestätigen, dass ich gehen durfte. Jemand sollte abends nachsehen, ob er gegessen hatte, und sonntags die lange Stille aus dem Haus nehmen.
„Ich weiß es nicht“, sagte ich.
Papa schob mir den Vertrag zurück. „Ich werde dich vermissen. Du wirst trotzdem fahren.“
Ich nickte und begann zu weinen, überraschend heftig. Er blieb sitzen. Früher hätte er sofort einen praktischen Vorschlag gemacht. Diesmal reichte er mir nur das Küchentuch, das neben dem Spülbecken lag. Es war rau und roch nach Waschmittel. Ich hielt es vor mein Gesicht, bis ich wieder sprechen konnte.
6. Die unbequemen Nachrichten
Eine Woche später saßen wir an Papas Küchentisch. Er hatte die Frauen, denen er mich als Grund genannt hatte, noch nicht angeschrieben. Ich hatte dreimal beinahe nachgefragt und jedes Mal den angefangenen Text gelöscht.
„Ich möchte das richtigstellen“, sagte er jetzt.
„Was genau?“
„Dass du nichts damit zu tun hattest.“
Er hatte einen Entwurf auf Papier geschrieben, in seiner kleinen, nach rechts kippenden Schrift. Die ersten Sätze handelten von Mama, von den letzten Jahren und davon, wie ungewohnt ihm alles noch vorkomme.
„Darf ich ehrlich sein?“, fragte ich.
Er nickte.
„Ich glaube, sie brauchen deine ganze Vorgeschichte nicht, um zu verstehen, dass du ihnen etwas Falsches gesagt hast.“
Er las den Text erneut. Dann strich er fast die Hälfte durch. Ich merkte, wie sehr ich ihm den Stift aus der Hand nehmen und eine bessere Fassung schreiben wollte.
Schließlich stand dort, dass die Entscheidung gegen ein weiteres Treffen seine eigene gewesen sei. Dass er meiner Rolle dabei nicht gerecht geworden sei. Dass es ihm leidtue, den Abschied mit einer unzutreffenden Erklärung verbunden zu haben. Er bat weder um Antwort noch um einen neuen Versuch.
„So?“, fragte er.
„Du musst es abschicken können.“
Er tippte langsam. Bei einer Nachricht setzte er versehentlich zweimal ein Komma. Ich sah es und sagte nichts.
Von den Antworten erzählte er später nur so viel, wie nötig war. Eine Frau bedankte sich für die Klarstellung. Eine andere schrieb, sie hätte eine direkte Absage bevorzugt. Von der dritten kam keine Antwort.
Papa sah abends noch einmal auf sein Telefon. Dann steckte er es weg. Ich fragte nicht, ob er nun erleichtert sei. Es gab keinen Grund, warum eine ehrliche Nachricht ihm sofort ein gutes Gefühl verschaffen musste.
Auch ich hatte etwas zu korrigieren. Meiner Freundin, bei der ich mich über die angeblich herzlosen Frauen beschwert hatte, schrieb ich, dass ich die Sache falsch dargestellt hatte. Es war unangenehm. Sie antwortete nicht mit einem langen Urteil, sondern mit: „Gut, dass du es sagst.“
Mit Papa vereinbarte ich keine neue Familienordnung. Wir versuchten zwei konkrete Dinge. Ich fragte, bevor ich ihm Ratschläge gab. Er sagte mir, wenn er eine Frage nicht beantworten wollte, statt eine Antwort zu erfinden, die mich beruhigen sollte.
Das gelang uns nicht auf Anhieb. Als er an einem Samstag das Telefon nicht hörte, rief ich dreimal an. Als er später zurückrief, sagte er zunächst, der Akku sei leer gewesen.
Dann stockte er.
„Nein. Er lag im Flur. Ich habe im Garten gesessen und wollte noch nicht reingehen.“
Ich hatte eine Bemerkung über Erreichbarkeit schon fertig. Stattdessen fragte ich, ob es draußen noch warm gewesen sei. Er erzählte von einer Amsel, die seine frisch verteilte Erde auf den Weg gescharrt hatte.
7. Ein Tisch ohne Reservierung
In den Wochen vor meinem Umzug füllte sich meine Wohnung mit Kartons. Papa kam an zwei Nachmittagen und zerlegte das Bücherregal. Er beschriftete die kleinen Beutel mit den Schrauben, während ich Bücher einpackte.
„Du könntest donnerstags zur offenen Werkstatt gehen“, sagte ich, als er eine ausgeleierte Schraube gegen eine neue tauschte. „Beim Bürgerhaus. Du würdest da bestimmt gebraucht.“
Er sah mich an.
„Entschuldigung“, sagte ich. „Das war schon wieder ein Vorschlag.“
„Ein brauchbarer sogar. Aber ich möchte gerade erst mal dieses Regal auseinanderkriegen.“
Wir arbeiteten weiter. Später fragte er selbst nach der Adresse. Ich schrieb sie ihm auf einen Kartonrest. Ob er hinging, erfuhr ich zwei Wochen lang nicht. Die Ungewissheit war erstaunlich schwer auszuhalten. Ich ertappte mich dabei, den Donnerstag in meinem Kalender anzusehen, obwohl dort für mich gar nichts stand.
Vier Tage vor der Fahrt aßen wir wieder in dem italienischen Restaurant. Ich hatte gefragt, ob er lieber woandershin wolle.
„Ich mag das Essen“, sagte er. „Das darf doch reichen.“
Diesmal bekamen wir einen Tisch weiter hinten. Mara erkannte uns und brachte zwei Speisekarten. Ich bestellte die Nudeln, die ich selbst ausgesucht hatte. Papa entschied sich für etwas, dessen Namen er dreimal lesen musste.
„Warum bist du mit allen hierhergegangen?“, fragte ich, als Mara fort war.
Er überlegte. „Weil ich wusste, wo ich parken kann. Weil ich die Preise kenne. Weil ich dann nicht auch noch einen Ort auswählen musste.“
„Ich habe gedacht, es hätte etwas mit Mama zu tun.“
„Mit ihr war ich meistens beim Griechen.“
Ich lachte so unvermittelt, dass ich Wasser verschüttete. Er schob mir seine Serviette hin und grinste. Es war peinlich, wie gründlich ich mich in einer Bedeutung eingerichtet hatte, nach der ich nie gefragt hatte.
Später erzählte er, dass er tatsächlich bei der Werkstatt gewesen war. Er hatte einem Mann beim Austausch eines Schrankgriffs geholfen und selbst nicht gewusst, wie man dessen Fahrradlicht befestigte. Darüber hatten sie eine halbe Stunde gemeinsam gerätselt.
Ich fragte nicht, ob Frauen dort gewesen seien.
Als Mara die Teller abräumte, bedankte ich mich bei ihr.
„Wofür?“, fragte sie.
„Dass Sie mir damals nichts erzählt haben.“
Sie nickte kurz. „Noch einen Kaffee?“
Papa bestellte einen, ich auch. Dann legte ich meine Geldbörse auf den Tisch und sagte: „Wir können die Rechnung teilen.“
Er sah mich prüfend an, als müsste er entscheiden, ob hinter diesem Satz eine größere Auseinandersetzung steckte. Schließlich zuckte er mit den Schultern.
„Können wir.“
Wir tranken den Kaffee, während der Regen gegen die Scheibe lief. Ich musste früh aufstehen. Papa wollte am nächsten Tag seine Hecke schneiden. Keiner von uns beeilte sich.
8. Was er von sich aus erzählte
Der Umzug war anstrengender und weniger feierlich, als ich erwartet hatte. Ein Karton riss unten auf, der Aufzug war kleiner als angegeben, und Papa schlief auf der Rückfahrt im Zug beinahe über seine Haltestelle hinaus. Als er zu Hause ankam, schickte er mir ein Foto seiner Schuhe im Flur. „Vollständig zurück“, schrieb er.
In meiner neuen Wohnung blieb ich lange zwischen den Kisten stehen. Niemand brauchte mich an diesem Abend. Ich hätte es gern als Freiheit empfunden. Zunächst fühlte es sich nur fremd an.
Ich rief ihn an und sagte das.
„Soll ich morgen noch mal kommen?“, fragte er.
„Nein. Aber bleib kurz dran.“
Er blieb. Ich räumte Tassen in einen Schrank, dessen Tür nicht richtig schloss, und hörte ihn am anderen Ende ein Fenster zumachen. Wir mussten die Stille nicht vollständig mit Worten füllen.
Drei Monate später erzählte er beim Telefonieren von Eva. Sie hatten sich an einem Büchertauschtisch kennengelernt und über einen Roman gestritten, den beide nicht zu Ende gelesen hatten.
„Wir gehen am Mittwoch essen“, sagte er.
Ich setzte mich auf meinen inzwischen aufgebauten Stuhl.
„Schön.“
„Mehr sagst du nicht?“
„Möchtest du mehr hören?“
Er lachte. „Ich wollte es dir erzählen.“
„Dann freue ich mich, dass du es mir erzählst.“
Am Mittwoch schrieb ich ihm nicht. Am Donnerstag auch nicht. Freitagmittag kam ein Foto von zwei nebeneinander abgestellten Fahrrädern vor dem italienischen Restaurant. Darunter stand: „Sie wollte wissen, ob die Nudeln wirklich so gut sind.“
Ich betrachtete das Bild lange. Dann antwortete ich: „Und?“
„Sie fand sie zu weich.“
Eine Minute später kam eine zweite Nachricht: „Nächste Woche sucht sie aus.“
Als ich Papa im Frühjahr besuchte, war Eva nicht da. Sie hatte eigene Pläne, und er hatte unsere Verabredung nicht verändert, um mir etwas vorzuführen. Wir gingen zu Fuß essen. Er nahm die Jacke vom Haken, in der noch immer das alte Pfefferminzbonbonpapier raschelte, und fragte nach meiner Arbeit.
Im Restaurant stellte Mara zwei Wassergläser vor uns hin. Papa erzählte von einem Streit mit Eva über Pünktlichkeit. Ich spürte den vertrauten Impuls, einen Rat zu geben. Er bemerkte meinen Blick und hob eine Hand.
„Wir sprechen schon darüber.“
„Gut“, sagte ich.
Dann erzählte ich ihm, dass ich am Abend zuvor allein ins Kino gegangen war. Es hatte mir gefallen. Beim Hinausgehen hatte ich trotzdem kurz nach jemandem gesucht, dem ich etwas über den Film sagen konnte.
„Das kenne ich“, sagte er.
Er fragte, wie der Film gewesen sei. Ich holte Luft und begann zu erzählen. Als unser Essen kam, waren wir noch nicht fertig.
Abschließend
Lange hatte ich in jeder ausgebliebenen Nachricht eine Zurückweisung meines Vaters gesehen. Es dauerte, bis wir beide offen sagen konnten, was wir wollten. Heute erzählt er mir weniger von manchen Dingen. Dafür muss ich seltener erraten, ob das, was er erzählt, wirklich stimmt.