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Diese Geschichte ist Fiktion. Alle Figuren, Gespräche und Ereignisse sind frei erfunden. Erzählt wird von einem Vater und sechs Töchtern, deren gemeinsames Leben nach dem Weggang der Mutter weitergeht, und von einer Hochzeit fünfzehn Jahre später, bei der nicht alle dieselbe Antwort auf ihre Rückkehr haben.
1. Der Ärmel
Als Mara durch die Glastür kam, hatte ich eine Sicherheitsnadel zwischen den Zähnen. An meinem linken Ärmel hing der Knopf nur noch an einem Faden. Johanna hatte vor zehn Minuten darüber gelacht und gesagt, sie heirate erst, wenn ihr Vater ordentlich angezogen sei. Jetzt stand ihre Mutter im Vorraum des alten Ziegelhauses, und meine Finger wussten plötzlich nicht mehr, was sie mit dem Stoff anfangen sollten.
Sie trug einen dunkelgrünen Mantel über einem schlichten Kleid. Ihre Haare waren kürzer, an den Schläfen grau. Fünfzehn Jahre lang hatte ich mir vorgestellt, wie eine solche Begegnung anfangen würde. In meinen Vorstellungen sagte ich immer etwas Vollständiges.
„Hallo, Hannes“, sagte sie.
Ich nahm die Nadel aus dem Mund. Hinter der geschlossenen Saaltür rückte jemand Stühle. Ein Glas fiel um, blieb aber heil; ich hörte das helle Rollen über eine Tischplatte. Alles machte weiter.
„Johanna ist oben“, sagte ich.
„Ich weiß. Sie hat geschrieben, dass ich hier warten soll.“
Natürlich hatte sie geschrieben. Johanna hatte diese Ankunft geplant, ebenso sorgfältig wie die Sitzordnung und die Fahrt für Tante Ruth. Ich wusste seit sechs Tagen davon. Trotzdem hatte ein Teil von mir geglaubt, Mara würde im letzten Augenblick absagen.
Ich sah auf ihre Hände. Sie hielt die Henkel einer kleinen Stofftasche fest, obwohl die Tasche kaum etwas wog. Früher hatte sie beim Warten mit dem Daumen über ihren Ring gestrichen. Der Ring fehlte.
„Brauchst du Hilfe?“, fragte sie und deutete auf meinen Ärmel.
Es war eine winzige Frage. Gerade deshalb traf sie mich unvorbereitet. Ich sah wieder einen anderen Morgen, den Küchentisch, sechs Schalen und meine jüngste Tochter, die mit beiden Händen ihren Schlafanzug festhielt.
„Nein“, sagte ich zu schnell. Dann schloss ich die Sicherheitsnadel so unbeholfen, dass der Stoff sich verzog.
Aus dem Treppenhaus rief Ida nach mir. Ihre erwachsene Stimme hatte immer noch denselben hellen Anfang wie damals. Ich drehte mich zu ihr um, dankbar für eine Aufgabe, die ich verstand.
2. Sechs Schalen
Im Herbst 2011 war Johanna dreizehn, Klara elf, Nele neun, Frieda sieben, Lotta fünf und Ida drei. Ich war neununddreißig und konnte an einer Druckmaschine am Geräusch erkennen, welches Lager ausgetauscht werden musste. Ich konnte nicht erklären, warum ihre Mutter am Abend zuvor einen Koffer gepackt hatte und nicht mit nach Hause gekommen war.
Mara hatte eine andere Beziehung angefangen. Sie wollte fortziehen. Wir hatten in der Küche gesprochen, leise und dann nicht mehr leise. Schließlich hatte sie gesagt, sie brauche Abstand von allem. Ich hatte auf Idas Trinkbecher gezeigt. „Das hier ist nicht alles. Das sind unsere Kinder.“ Sie hatte den Blick gesenkt.
Am nächsten Morgen legte Lotta einen Löffel an Maras Platz. Ich nahm ihn weg, ohne nachzudenken. Sie legte ihn wieder hin.
„Falls sie Hunger hat, wenn sie kommt.“
Also blieb der Löffel liegen.
Johanna schnitt Brot für Ida. Klara suchte unter dem Tisch nach ihrem Turnbeutel. Nele fragte, ob Mama auch ihre Winterjacke mitgenommen habe, und ich antwortete darauf, weil es die einzige Frage war, deren Antwort ich sicher kannte.
„Ja.“
Frieda starrte mich an. „Dann bleibt sie lange.“
Ich setzte mich. Bis dahin hatte ich gestanden, als ließe sich der Morgen durch Bewegung zusammenhalten.
„Mama wird erst einmal woanders wohnen“, sagte ich. „Ihr habt nichts falsch gemacht.“
„Und wann kommt sie?“, fragte Nele.
„Das weiß ich noch nicht.“
Ida schob ihre Schale fort. Milch lief über den Rand. Ich griff nach einem Tuch, und Johanna war schneller. Sie wischte mit dieser angestrengten Gründlichkeit, die ich später viel zu oft für Selbstständigkeit hielt.
Ich rief meine Schwester Ruth an, nachdem die Großen in der Schule waren. Sie kam mit nassen Haaren und zwei Einkaufstaschen. „Was ist als Nächstes?“, fragte sie.
Ich begann, ihr meine Ehe zu erklären. Sie hörte zu und fragte dann noch einmal: „Was ist als Nächstes? Um zwölf? Um eins?“
Wir schrieben Abholzeiten auf die Rückseite eines alten Kalenders. Mein Schichtleiter tauschte Dienste. Ruth übernahm zwei Nachmittage, unser Nachbar brachte Frieda vom Turnen mit. Ich lernte, Hilfe anzunehmen, indem ich sie zunächst wie eine vorübergehende technische Lösung behandelte.
Mara rief anfangs an. Ein angekündigter Besuch fiel aus, dann ein zweiter. Schließlich blieb auch das Telefon still. Ich konnte die Kinder nicht zwingen, ihre Hoffnung aufzugeben, und ich konnte sie nicht jeden Freitag neu auf einen unsicheren Termin vorbereiten. Irgendwann sagten wir nur noch, was tatsächlich feststand.
Der siebte Löffel verschwand erst Monate später. Lotta räumte ihn selbst in die Schublade. Ich stand daneben und trocknete einen Teller ab.
3. Was auf dem Foto fehlt
Von unserem ersten Winter ohne Mara existiert ein unscharfes Foto. Ruth hatte uns vor der Haustür zusammengerufen. Ida sitzt auf meinem Arm, Lotta hält eine halbe Brezel, Frieda hat die Augen geschlossen. Johanna steht gerade wie bei einer Prüfung. Ich lächle mit zusammengepressten Lippen.
Das Bild hängt heute im Flur. Besucher sagen manchmal, wie stark wir darauf aussähen. Ich erinnere mich vor allem daran, dass Nele unmittelbar vorher geweint hatte, weil ihr Handschuh in einen Gully gefallen war. Ruth hatte ihre eigene Hand in den viel zu kleinen Ersatzhandschuh gezwängt, um sie zum Lachen zu bringen.
Die Jahre bestanden nicht aus einer einzigen großen Anstrengung. Sie bestanden aus Dingen, die keinen Aufschub duldeten: einem unterschriebenen Zettel, fehlenden Sportschuhen, einer geöffneten Waschmaschine um halb elf. Ich verbrannte Zwiebeln, vergaß einen Elternabend und stand einmal mit Frieda vor einer verschlossenen Musikschule, weil ich den falschen Wochentag eingetragen hatte.
Wir fanden Regeln, die zu uns passten. Wer zuerst heimkam, stellte Wasser auf. Sonntags schrieb jede ihren wichtigsten Termin auf den Küchenkalender. Ida malte zunächst nur Kreise. Wir behandelten ihre Kreise mit derselben Aufmerksamkeit wie Klassenfahrten und Abschlussprüfungen.
Manchmal war es trotzdem zu viel, und dann wurde ich ungerecht wegen einer offenen Schranktür.
Als Johanna sechzehn war, stritten wir über einen Konzertabend. Ida wollte nicht einschlafen, Ruth war verreist, und ich hatte Frühschicht. „Du siehst doch, dass ich dich brauche“, sagte ich.
Johanna blieb mit angezogener Jacke an der Küchentür stehen.
„Du brauchst eine Betreuung. Ich bin deine Tochter.“
Ich war gekränkt. Noch während sie sprach, wollte ich ihr aufzählen, was ich alles tat. Erst als sie ihre Eintrittskarte auf den Tisch legte, begriff ich, dass sie tatsächlich zu Hause bleiben würde. Nicht weil sie einverstanden war. Weil sie mich nicht hängen lassen wollte.
Ich rief unseren Nachbarn an. Danach gab ich ihr die Karte zurück.
Meine Entschuldigung kam am nächsten Morgen. Sie hörte sie an und sagte: „Frag mich. Rechne nicht einfach mit mir.“ Ich musste das mehr als einmal lernen.
Die Mädchen wurden groß und nahmen unterschiedliche Wege. Klara zog früh aus. Nele blieb gern zum Essen. Frieda stritt schnell und versöhnte sich langsam. Lotta vergaß regelmäßig ihren Schlüssel. Ida, die kaum eigene Erinnerungen an Mara hatte, stellte die genauesten Fragen.
Als Johannas Hochzeit näher rückte, wollte sie ein neues Foto von uns sieben. „Keine ordentliche Aufstellung“, sagte sie. „Ich will erkennen, dass wir es sind.“ Ich dachte an Ruths Bild im Flur und versprach, diesmal die Augen offen zu halten.
4. Die Einladung, von der ich nichts wusste
Sechs Tage vor der Hochzeit saßen alle sechs wieder an unserem Küchentisch. Johanna hatte um ein gemeinsames Abendessen gebeten. Ich hatte zu viel Brot gekauft und merkte erst, als niemand nach der Butter griff, dass es nicht bloß um die letzten Vorbereitungen ging.
„Ich habe Kontakt zu Mama“, sagte Johanna.
Die Kühlschranktür summte. Ich drückte sie mit dem Fuß ganz zu.
„Seit wann?“
„Seit sechs Wochen. Ich habe ihr geschrieben.“
Klara sah auf ihre Hände. Die anderen wussten es bereits. Sofort schämte ich mich dafür, dass genau dieser Umstand mich im ersten Augenblick am meisten verletzte.
„Und jetzt kommt sie zur Hochzeit?“
Johanna nickte. „Zum Empfang. Für eine Stunde. Nicht zur Trauung.“
Ich schob meinen Teller weg. „Du hast also schon alles entschieden.“
„Für meine Hochzeit ja.“ Sie sprach ruhig, aber ihre Finger drückten eine Falte in die Serviette. „Nicht für euch.“
Frieda sagte sofort, sie werde Mara nicht begrüßen. Lotta wollte wissen, ob sie überhaupt deren Stimme wiedererkennen würde. Nele hatte Fragen vorbereitet. Ida sagte, sie wolle erst einmal sehen, wie ihre Mutter gehe.
Ich blickte von einer zur anderen. Fünfzehn Jahre hatte ich geglaubt, wenigstens über diesen Teil unserer Geschichte seien wir uns einig.
„Warum jetzt?“, fragte ich.
„Weil ich heirate“, sagte Johanna. „Und weil ich vorher wissen wollte, ob ich sie wirklich nicht dabeihaben will oder ob ich nur Angst vor diesem Gespräch habe.“
„Du hättest es mir sagen können.“
„Ja.“ Sie ließ das Wort stehen. „Ich wollte erst selbst herausfinden, was ich möchte. Ich hatte Angst, dass ich sonst wieder auf deine Enttäuschung aufpasse.“
Ich hörte den Satz vom Konzertabend wieder. Diesmal lag keine Eintrittskarte zwischen uns, sondern ein ganzer Tag, den sie mit ihrem zukünftigen Mann Emil geplant hatte. Ich rieb über den Rand meines Tellers.
„Das sollst du nicht müssen“, sagte ich schließlich.
Wir sprachen über die praktische Seite. Mara würde im Vorraum warten. Johanna würde sie in den kleinen Hof führen. Wer dazukommen wollte, durfte kommen. Wer Abstand brauchte, musste sich nicht erklären. Emil wusste Bescheid und würde dafür sorgen, dass der Empfang weiterlief.
„Du musst ihr nichts vergeben“, sagte Johanna zu mir.
„Das habe ich auch nicht vor.“
Sie nickte, ohne mich zu beruhigen. Dann fragte sie, ob ich am Hochzeitstag trotzdem ihren kaputten Knopf oder einen schiefen Stuhl zuerst bemerken würde.
„Vermutlich beides.“
Da lachte sie endlich. Ich nahm meinen Teller wieder zu mir. Später, als alle weg waren, blieb ich lange vor dem alten Familienfoto stehen.
5. Eine Stunde
Die Trauung fand ohne Mara statt. Johanna und Emil standen nebeneinander vor den hohen Fenstern des Saals. Als sie seine Hand nahm, sah ich kurz das dreizehnjährige Mädchen vor mir, das Ida Brot geschnitten hatte. Dann drehte sie sich um, grinste ihre Schwestern an, und die Erinnerung gab sie frei.
Beim Empfang löste sich mein Ärmelknopf. Deshalb stand ich später im Vorraum, als Mara eintrat. Ida kam die Treppe herunter, eine kleine Schachtel mit Ersatznadeln in der Hand. Sie blieb mitten auf der letzten Stufe stehen.
„Du bist Ida“, sagte Mara.
„Ja.“
Mara machte einen halben Schritt nach vorn und hielt an. „Darf ich dich umarmen?“
Ida zog die Schultern hoch. „Lieber erst mal nicht.“
„In Ordnung.“
Ich betrachtete den schief befestigten Ärmel. Dass Mara stehen blieb, machte mich auf eine Weise wütend, die ich nicht sofort verstand. Ich hatte mit einer Grenzüberschreitung gerechnet. Gegen ihre Zurückhaltung hatte ich keinen vorbereiteten Satz.
Ida gab mir die Schachtel. „Johanna kommt gleich.“ Dann ging sie zurück in den Saal. Mara sah ihr nach. Ich hätte sagen können, dass Ida als Kind immer auf Zehenspitzen gelaufen war. Ich sagte es nicht.
„Ich habe euch viel genommen“, begann Mara.
Aus dem Saal kam Gelächter. Jemand bat um ein zweites Glas Wasser.
„Nicht hier“, sagte ich.
Sie nickte. Dann fragte sie nach Ruth. Das war eine Frage, die ich beantworten konnte. Meine Schwester sei draußen bei den Gästen, sagte ich. Sie habe heute Morgen Blumen gebracht und dabei über den Lieferwagen geschimpft.
Zum ersten Mal huschte etwas Vertrautes über Maras Gesicht. „Sie schimpft immer noch beim Helfen.“
„Ja.“
Wir standen mit diesem kleinen gemeinsamen Wissen im Vorraum und hatten sonst nichts, das sich gefahrlos anfassen ließ.
Johanna kam ohne Brautstrauß. Das Haar an ihrer Schläfe hatte sich aus der Frisur gelöst. Mara hob die Hand, als wolle sie die Strähne ordnen, ließ sie aber wieder sinken.
„Du siehst schön aus“, sagte sie.
„Danke. Kommst du mit nach draußen?“
Sie gingen nicht eingehakt. Johanna hielt die Hoftür auf und wartete, bis Mara hindurchgegangen war. Dann sah sie zu mir.
„Du kannst dazukommen, Papa. Du musst nicht.“
Ich dachte, ich würde lieber einen Tisch tragen oder Gläser einsammeln. Stattdessen legte ich die Nadelschachtel auf die Fensterbank und folgte ihnen.
6. Im kleinen Hof
Im Hof standen drei Oleanderkübel und eine schmale Bank. Über der Ziegelmauer hing eine Lichterkette, die bei Tageslicht etwas verloren aussah. Nele und Lotta warteten schon. Klara lehnte in der offenen Tür; Ida stand hinter ihr. Frieda blieb drinnen.
Mara nahm auf der Bank Platz. Johanna setzte sich nicht neben sie, sondern auf einen gegenüberstehenden Stuhl. Ich blieb an der Mauer.
„Ich möchte etwas fragen“, sagte Nele. „Nicht alles. Nur eine Sache.“
Mara nickte.
„Als du nicht mehr angerufen hast, hast du gedacht, wir würden aufhören, auf dich zu warten?“
Es dauerte, bis Mara antwortete.
„Ich habe mir gesagt, dass es euch ohne mein Hin und Her besser gehen würde.“
„Das hast du entschieden, ohne uns zu fragen.“
„Ja.“ Mara löste die Hände voneinander. „Und es war auch bequemer für mich, das zu glauben. Nach jedem verpassten Anruf war der nächste schwerer. Irgendwann habe ich das als Grund benutzt, wieder nicht anzurufen.“
Ich wartete darauf, dass sie von der neuen Beziehung sprach, von Umständen, von irgendetwas, das ich widerlegen konnte. Sie tat es nicht.
„Ihr hättet Antworten gebraucht“, sagte sie. „Ich habe sie euch nicht gegeben.“
Lotta zog an einem losen Faden ihres Ärmels. „Ich habe jahrelang gedacht, ich müsste mich nur besser erinnern. Alle hatten Geschichten von dir. Ich hatte meistens Sachen, die mir jemand erzählt hatte.“
Mara sah sie an. „Möchtest du mir davon erzählen?“
„Heute nicht. Ich wollte nur, dass du das weißt.“
Ein Kellner öffnete versehentlich die Hoftür, entschuldigte sich und verschwand wieder. Für einen Augenblick roch es nach Kaffee.
Ich sagte: „Ich musste ihnen erklären, dass ich nicht weiß, ob du kommst.“
Mara senkte den Kopf.
„Ich weiß.“
„Nein. Du weißt, dass ich das gesagt habe. Du warst nicht dabei.“
Johanna sah zu mir. Nicht warnend, eher prüfend. Ich merkte, wie fest ich die Arme verschränkt hatte, und ließ sie sinken.
„Ich will heute nichts von dir hören, was das kleiner macht“, sagte ich.
„Das kann ich nicht kleiner machen.“
Ich glaubte ihr diesen Satz. Er änderte nichts an den Jahren, aber ich musste mich wenigstens nicht dagegen verteidigen.
Ida trat aus dem Türrahmen. „Wenn ich dir irgendwann schreibe, antwortest du dann?“
„Ja.“
„Auch wenn ich etwas frage, das dir nicht gefällt?“
Mara schluckte. „Ich werde antworten. Und wenn ich Zeit brauche, sage ich dir das, statt still zu bleiben.“
Klara schüttelte langsam den Kopf. „Ich möchte gerade keinen Kontakt. Bitte frag die anderen auch nicht nach mir.“
Mara nickte. Klara wartete noch einen Moment, als prüfe sie, ob eine Bitte folgen würde. Dann ging sie hinein.
Johanna sah auf die Uhr. „Wir sollten zu den Gästen zurück.“
Mara stand sofort auf. Sie fragte nicht nach Frieda. Sie zog einen unbeschriebenen Umschlag aus ihrer Tasche und legte ihn neben sich auf die Bank. „Meine Kontaktdaten. Für diejenigen, die sie möchten.“
Ida nahm ihn. Lotta strich ihren Ärmel glatt. Ich öffnete die Tür, und aus dem Saal kam uns die Wärme vieler Menschen entgegen.
7. Das Foto von heute
Mara blieb noch für einen Kaffee. Ruth begrüßte sie mit einem knappen Nicken und fragte dann einen Kellner nach Milch. Emil zeigte seiner Mutter gerade, wie man an der alten Terrassentür den Riegel anhob. Das Fest hatte genug eigene Bewegung, um nicht um Maras Anwesenheit kreisen zu müssen.
Frieda kam zu mir, als ich am Wasserkaraffentisch stand.
„Muss ich rüber?“
„Nein.“
„Auch nicht für Johanna?“
„Johanna hat gesagt, dass du nicht musst.“
Frieda goss Wasser ein. Ihre Hand war ruhig. „Gut. Dann brauche ich jetzt etwas zu essen.“
Ich begleitete Mara später bis zur Glastür. Sie hatte den Mantel über den Arm gelegt.
„Danke, dass du mich nicht weggeschickt hast“, sagte sie.
„Johanna hat dich eingeladen.“
„Ja.“ Sie sah in den Saal. „Du hast recht.“
Ich wollte ihr sagen, dass das kein Anfang zwischen uns sei. Dann merkte ich, dass sie mich um keinen gebeten hatte.
„Wenn Ida schreibt“, sagte ich stattdessen, „dann lass sie nicht warten.“
„Ich habe sie gehört.“
Ich hielt ihr die Tür auf. Draußen suchte sie kurz in ihrer Tasche nach dem Autoschlüssel. Dann ging sie über den Hof zum Parkplatz, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Als ich zurückkam, winkte Johanna mich ans Fenster. Die Fotografin wartete auf unsere siebenköpfige Familie. Frieda hatte noch ein Stück Brot in der Hand und wollte es hinter einer Blumenvase ablegen.
„Behalt es“, sagte Johanna. „Sonst sieht es nachher nicht nach uns aus.“
Wir rückten zusammen. Nele zog Lotta an der Schulter näher heran, Klara machte Platz für Ida. Ich stand zwischen Johanna und Frieda und wusste plötzlich nicht, wohin mit meinen Händen.
„Du darfst uns anfassen, Papa“, sagte Klara.
Alle lachten. Ich legte einen Arm um Johanna, den anderen um Frieda. Ein Krümel fiel auf meinen Schuh.
Die Fotografin machte mehrere Aufnahmen. Auf einer schaue ich Johanna an, während sie den Kopf in den Nacken legt. Auf einer anderen schließt Frieda die Augen, genau wie auf Ruths altem Bild. Niemand hatte sie darum gebeten.
Später, als die Musik begann, nahm Johanna meine Hand. Wir hatten keinen Tanz einstudiert. Ich trat ihr nach wenigen Schritten auf den Saum.
„Ganz ruhig“, sagte sie.
„Das sagst du so leicht.“
Sie lächelte, dann wurde sie ernst. „Danke, dass du mich heute selbst hast entscheiden lassen.“
Ich nickte. Mehr brachte ich zunächst nicht heraus. Hinter ihr sah ich Emil mit Ruth lachen. Dann fand ich endlich den Takt.
8. Ein Sonntag, sechs Wochen später
Sechs Wochen nach der Hochzeit brachte Johanna die Abzüge vorbei. Sie hatte das Bild ausgesucht, auf dem ich sie ansah und Frieda ihr Brot festhielt. Wir stellten es im Flur neben die Aufnahme von 2011.
„Gleicher Vater, weniger Haare“, sagte Ida.
„Erheblich bessere Frisuren bei euch“, gab ich zurück.
Wir standen eine Weile vor den beiden Bildern. Auf dem ersten reichte Ida kaum über meine Schulter. Auf dem zweiten hatte sie den Arm um Klara gelegt. Fünfzehn Jahre passten zwischen zwei Rahmen, aber im Flur brauchten sie nur eine Handbreit Abstand.
Beim Essen erzählte Ida, dass sie Mara geschrieben hatte. Es war um eine Stoffkatze gegangen, an die sie sich undeutlich erinnerte. Mara hatte am nächsten Abend geantwortet. Sie wusste noch, welcher Stoff es gewesen war, aber nicht mehr, wo die Katze geblieben war.
„Ich hatte gehofft, sie hätte sie“, sagte Ida.
„Schade“, sagte ich.
Ich zwang mich, keine zweite Bedeutung in ihre Enttäuschung zu legen. Ida durfte einen Gegenstand vermissen, ohne dass ich daraus ein Urteil über ihre Mutter machte.
Nele hatte einen Brief geschrieben, Lotta noch keinen. Klara wollte nicht darüber sprechen, Frieda ebenfalls nicht. Niemand ging die Runde durch und verlangte eine Erklärung.
Johanna half mir nach dem Essen beim Abräumen. Als sie nach dem Geschirrtuch griff, sagte ich aus Gewohnheit: „Lass, das mache ich.“
Sie hielt inne. „Ich weiß. Ich möchte aber.“
Also gab ich ihr einen Teller.
Wir arbeiteten nebeneinander. Im Wohnzimmer stritten die anderen darüber, welches alte Gesellschaftsspiel noch vollständig sei. Ruth rief an, um zu fragen, ob ihr Auflaufgefäß bei uns stehe. Es stand seit drei Wochen auf dem Kühlschrank.
„Und?“, fragte sie leiser. Ich wusste, was sie meinte.
„Unterschiedlich“, sagte ich.
Sie wartete.
„Bei jeder anders.“
„Dann lass es unterschiedlich sein“, sagte Ruth. Anschließend verlangte sie ihr Gefäß zurück.
Nachdem alle gegangen waren, setzte ich mich noch einmal an den Tisch. Auf der Platte lag eine Spielkarte, unter einem Stuhl Idas Haargummi. Früher hätte ich beides sofort weggeräumt. An diesem Abend ließ ich es liegen.
Ich hatte lange geglaubt, das Zusammenhalten unserer Familie müsse irgendwann zu einer gemeinsamen Antwort führen. Nun hatten meine Töchter verschiedene Antworten, und trotzdem waren sie zum Essen gekommen, hatten einander unterbrochen und mir Brot für den nächsten Morgen dagelassen.
Im Flur richtete ich den neuen Rahmen gerade. Ich musste dafür das alte Foto ein wenig zur Seite schieben. Dann löschte ich das Licht und ging in die Küche zurück.
Abschließend
Hannes kann seinen Töchtern die Enttäuschung nicht abnehmen. Am Ende kann er ihnen aber zuhören, ohne ihre Entscheidungen zu seinen eigenen machen zu müssen. Die beiden Familienfotos bleiben nebeneinander hängen.