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Diese Geschichte ist Fiktion. Sämtliche Figuren, Dialoge und Ereignisse sowie die unbenannte amerikanische Hochschule sind erfunden. Im Mittelpunkt steht eine Frau, die bei ihrer Abschlussfeier eine Rede halten soll, obwohl die Menschen fehlen, für die sie fünf Flugtickets gekauft hat.
1. Hinter der gelben Linie
Der Mann neben mir hob einen Strauß Sonnenblumen, sobald sich die Glastür öffnete. Jedes Mal sank sein Arm wieder ein Stück. Beim vierten Mal kam eine junge Frau mit einem roten Koffer heraus, und er vergaß den Strauß beinahe auf der Bank.
Ich rückte zur Seite, damit die beiden an mir vorbeikonnten. Meine Papiere glitten aus der Mappe. Fünf Buchungsbestätigungen verteilten sich auf den grauen Fliesen, mit Namen, Abflugzeiten und derselben Adresse unter dem Feld für die zahlende Person: meiner.
Als ich mich danach bückte, vibrierte mein Telefon. Mama. Ich nahm noch im Hocken ab.
„Seid ihr schon bei der Gepäckausgabe?“
Im Hintergrund klirrte Geschirr. Dann sagte sie: „Nora, wir müssen kurz etwas besprechen.“
Ich blieb zwischen den verstreuten Blättern sitzen. Meine Mutter erklärte, dass meine Schwester Maren die Eröffnung ihres Cafés vorgezogen habe. Die Handwerker seien früher fertig geworden. Es gebe Bestellungen, Helfer, einen Fotografen. Maren brauche die Familie jetzt vor Ort.
„Ihr seid noch in Deutschland?“
„Wir wollten es dir gestern sagen. Aber du warst bestimmt so beschäftigt mit deiner Rede.“
Über mir rollte ein Koffer vorbei. Ich zog die Hand zurück, bevor eine Rolle meine Finger erreichte.
„Alle fünf?“
„Dein Vater kann Maren doch nicht mit den schweren Sachen alleinlassen. Stefan gehört sowieso dazu. Und Ben hilft an der Kasse.“
Sie sprach schneller, als müsse sie nur sämtliche Aufgaben aufzählen, damit am Ende keine Frage mehr übrig blieb.
„Mein Abschluss ist morgen“, sagte ich.
„Das wissen wir doch, Schatz.“
Ich legte die fünf Blätter wieder aufeinander. Oben lag die Buchung meines Bruders. Ben hatte bei seiner Zusage geschrieben, er wolle unbedingt sehen, wo ich all die Jahre gesteckt hatte.
„Warum hat mir niemand abgesagt?“
Meine Mutter schwieg. Dann hörte ich sie das Telefon näher an den Mund nehmen.
„Wir hatten gehofft, du verstehst es auch so. Du bekommst deine Urkunde ja trotzdem.“
Ich sah auf die Ankunftstafel, obwohl ich längst wusste, dass sie mir nichts mehr sagen konnte.
„Ich muss jetzt auflegen.“
„Bitte mach daraus keinen Streit.“
Ich drückte auf das rote Zeichen, bevor ich wieder versprechen konnte, vernünftig zu sein. Auf der Bank neben mir lag die Kleiderhülle mit meinem schwarzen Talar. Ich hatte ihn vor der Fahrt abgeholt, damit wir anschließend gemeinsam nach Hause fahren konnten. Nun nahm ich die Hülle und die Mappe. Zum ersten Mal an diesem Nachmittag musste ich auf niemanden mehr warten.
2. Was auf keiner Buchung stand
Zu Hause standen sechs Wassergläser auf dem Küchentisch. Ich hatte sie morgens bereitgestellt, weil die Fahrt vom Flughafen lang war und mein Vater nach Flügen immer zuerst Wasser wollte. Daneben lag ein Zettel: WLAN, Handtücher, Frühstück.
Ich stellte fünf Gläser zurück in den Schrank. Beim letzten stieß ich gegen die Tür. Es blieb heil. Darüber war ich unverhältnismäßig froh.
Die Flüge hatten mich 4.380 Euro gekostet. Ich kannte die Summe ohne nachzusehen. Dafür hatte ich zusätzliche Zeichenarbeiten angenommen, am Wochenende Pläne überarbeitet und den Austausch meines alten Laptops verschoben. Niemand hatte mich gezwungen, die Tickets zu bezahlen. Das machte es schwerer, meine Wut irgendwo abzustellen.
Vor sieben Jahren war ich für eine Arbeitsstelle in diese amerikanische Universitätsstadt gekommen. Später hatte ich neben dem Beruf Bauingenieurwesen studiert. Als ich meiner Familie davon erzählte, fragte mein Vater, ob ich dann überhaupt noch richtig verdiene.
Ich hatte ihm erklärt, wie mein Stundenplan aussah. Meine Mutter wollte wissen, ob ich Weihnachten trotzdem kommen könne. Maren bat mich wenige Tage später, die Maße für ihre neue Küche durchzusehen. Niemand war unfreundlich gewesen. Mein Studium war nur in die Lücken gerutscht, die nach den wichtigeren Gesprächen übrig blieben.
Als meine Jahrgangssprecherin mich fragte, ob ich bei der Abschlussfeier reden würde, rief ich deshalb zuerst zu Hause an.
„Dann sehen wir dich endlich mal auf einer Bühne“, hatte Mama gesagt.
Ich fragte nach den Reisedaten. Ich fragte zweimal, ob wirklich alle kommen wollten. Mein Vater nannte mir seine Passdaten am Telefon und buchstabierte jeden Buchstaben. Maren schickte ein Foto ihrer Urlaubseintragung. Stefan schrieb, er freue sich auf die Reise. Ben wollte wissen, ob wir einen Tag am Fluss verbringen könnten.
Danach kaufte ich die Tickets. Es war keine heimliche Überraschung gewesen. Ich hatte mich an fünf Zusagen festgehalten.
Meine Freundin Jo kam kurz nach sechs. Sie trug eine Papiertüte vor sich, deren Boden bereits einen dunklen Fettfleck hatte.
„Ich habe etwas zu essen mitgebracht“, sagte sie. „Und ich weiß nicht, ob du reden willst.“
Ich hatte ihr auf der Rückfahrt nur einen Satz geschickt: Sie kommen alle nicht.
Jo stellte die Tüte neben die Gläser. Sie arbeitete mit mir im Planungsbüro und hatte jahrelang gesehen, wie ich in der Mittagspause Aufgabenblätter löste. Manchmal brachte sie mir einen Kaffee und nahm den leeren Becher mit, ohne meinen Rechenweg zu unterbrechen.
„Vielleicht war ich zu großzügig“, sagte ich.
„Mit dem Geld?“
Ich nickte.
Jo zog einen Stuhl zurück. „Du wolltest deine Familie bei deinem Abschluss haben.“
Ich nahm einen Teller aus dem Schrank und hielt ihn lange fest.
„Es wäre leichter, wenn sie gesagt hätten, dass sie keine Lust haben.“
„Vielleicht“, sagte Jo. „Aber du musst ihre Erklärung heute nicht besser machen.“
Erst da setzte ich mich.
3. Die erste Seite
Mein Redemanuskript lag unter dem Brotkorb. Auf der ersten Seite hatte ich einen Satz unterstrichen: Ohne meine Familie wäre ich heute nicht hier.
Ich las ihn laut. Jo schaute nicht sofort auf. Sie faltete die leere Papiertüte klein und legte sie neben ihren Teller.
„Willst du ihn streichen?“
„Gestern wollte ich ihn noch sagen.“
„Dann war er gestern wohl dein Satz.“
Ich zog mit dem Bleistift eine Linie durch die Wörter. Der Strich wurde so dunkel, dass die Spitze brach. Eine winzige Graphitscherbe blieb auf dem Papier liegen.
Es gab Dinge, für die ich meiner Familie dankbar war. Mein Vater hatte mit mir Fahrradfahren geübt. Mama hatte mir während meiner ersten Monate im Ausland sonntags lange Briefe geschrieben. Ben schickte mir noch immer Fotos von jedem schiefen Regal, das er irgendwo entdeckte. Ich wollte diese Erinnerungen behalten. Nur passten sie nicht mehr in den Satz, den ich vor mir hatte.
„Ich kann morgen sagen, dass ich heiser bin“, murmelte ich.
Jo legte die Hände auf den Tisch. „Möchtest du die Rede halten?“
„Ich möchte nicht vor diesen fünf leeren Plätzen stehen.“
„Das ist eine andere Frage.“
Draußen klapperte jemand mit den Mülltonnen. Mein Kühlschrank sprang an. Ich wartete darauf, dass Jo mir erklärte, was ich tun sollte. Stattdessen ließ sie mich nachdenken.
Ich hatte diese Rede selbst angeboten bekommen. Meine Kommilitonen hatten meine ersten Entwürfe gelesen. Sie hatten über die Stelle mit dem widerspenstigen Drucker gelacht und mir gesagt, wo ich zu schnell wurde. Ich kannte die Gesichter, die morgen hinter mir sitzen würden.
„Ja“, sagte ich schließlich. „Ich möchte sie halten.“
Jo nickte. „Dann komme ich um acht. Und jetzt brauche ich noch einen Teller. Ich habe das zweite Sandwich für dich gekauft, aber du ignorierst es seit zwanzig Minuten.“
Am nächsten Morgen klemmte mein Talar am Reißverschluss der Kleiderhülle. Ich zog zu hastig. Jo nahm mir die Hülle ab und löste den Stoff mit zwei Fingern.
Im Seitengang der Aula roch es nach Holzpolitur und warmen Kabeln. Hinter der geschlossenen Tür probierte jemand ein Mikrofon. Ich hörte ein dumpfes Klopfen und danach eine Stimme, die bis drei zählte.
Eine Mitarbeiterin mit einem Klemmbrett kam auf mich zu.
„Ihre fünf Gäste sind noch nicht angemeldet.“
Ich schob mein Manuskript von einer Hand in die andere. „Sie kommen nicht.“
Die Frau senkte das Brett ein wenig. „Sollen wir die Plätze freigeben? Es warten noch Angehörige ohne Sitzplatz.“
Durch die Tür sah ich den Rand einer Reihe. Fünf gefaltete Programme lagen auf fünf Sesseln.
„Ja“, sagte ich. Dann zeigte ich auf Jo. „Einen davon brauche ich.“
Die Mitarbeiterin machte eine Notiz. Jo drückte kurz meinen Ellenbogen. Ich hatte erwartet, dass das Freigeben sich wie eine zweite Absage anfühlen würde. Stattdessen bekam ich wieder Luft.
4. Vor dem Mikrofon
Als mein Name fiel, schob ich den Stuhl zu weit zurück. Das Geräusch war klein, doch ich hörte es durch den ganzen Saal. Auf dem Weg zum Pult blieb ich mit dem Schuh an der Saumkante hängen. Ich fing mich und ging langsamer weiter.
Das Holz unter meinen Händen war glatt. Links stand ein Glas Wasser, rechts ragte das Mikrofon über meine Seiten. Ich richtete es höher und hörte meinen eigenen Atem aus den Lautsprechern.
In der reservierten Reihe saß Jo. Neben ihr hielt ein älterer Mann einen zusammengefalteten Regenmantel auf dem Schoß. Eine Frau reichte einem kleinen Jungen ein Programm. Wo meine Familie hätte sitzen sollen, warteten andere Menschen darauf, jemanden zu feiern.
Ich suchte nicht weiter nach vertrauten Gesichtern.
„Guten Morgen“, sagte ich.
Meine Stimme klang dünner als bei der Probe. Ich ließ die Hände auf dem Pult liegen, bis sie stiller wurden.
„In meinem ersten Semester habe ich eine Abgabe ausgedruckt, auf der jede zweite Seite fehlte. Ich habe es erst bemerkt, als meine damalige Sitznachbarin fragte, ob die Zwischenräume Teil des Entwurfs seien.“
Ein paar Menschen lachten. Hinter mir sagte jemand leise: „Das war ich.“
Ich lächelte, ohne mich umzudrehen.
Ich erzählte von den sieben Jahren, in denen mein Studium auf Küchentischen, in Pausenräumen und zwischen zwei Arbeitstagen stattgefunden hatte. Von einer Lerngruppe, deren Mitglieder einander manchmal zuerst fragten, ob sie schon gegessen hätten. Von einem Dozenten, der eine Frage noch einmal erklärte, obwohl längst alle ihre Taschen gepackt hatten.
Dann kam ich an die Stelle auf der ersten Seite. Unter dem Bleistiftstrich waren die alten Wörter noch zu erkennen. Ich hatte sie nicht wegradiert.
Mein Mund wurde trocken. Ich nahm einen Schluck Wasser. In der ersten Reihe raschelte Papier.
„Ich habe lange gedacht, dass ich diesen Abschluss erst richtig glauben kann, wenn bestimmte Menschen ihn mit eigenen Augen sehen“, sagte ich.
Ich hob den Blick. Jo saß aufrecht, die Hände ineinandergelegt. Sie nickte nicht. Sie hörte einfach zu.
„Aber heute sehe ich hier Menschen, die dabei waren, als es noch nichts zu feiern gab. Die mir eine Mitschrift geschickt haben. Die eine Schicht übernommen oder eine dumme Frage ernst genommen haben. Bei Ihnen und euch möchte ich mich bedanken.“
Ich hörte, wie ich langsamer wurde. Die Sätze bekamen Platz.
Danach sprach ich wieder über unseren Jahrgang. Über die Arbeiten, an denen wir gescheitert waren, bevor sie irgendwann gelangen. Über die seltsame Lücke im Kalender, die nun dort entstehen würde, wo bisher immer die nächste Abgabe gestanden hatte. Ich erzählte die Druckergeschichte zu Ende. Diesmal lachte ich selbst.
Als ich die letzte Seite umblätterte, zitterte meine linke Hand noch. Ich musste den unteren Rand mit der rechten festhalten.
„Ich wünsche uns, dass wir uns an diesen Tag erinnern“, sagte ich. „Auch an die Menschen, neben denen wir ihn verbringen.“
Der Applaus begann, bevor ich das Glas wieder abgestellt hatte. Ich sammelte meine Seiten ein. Für einen Augenblick wusste ich nicht, wohin mit meinen Händen. Dann hielt ich das Manuskript vor meinen Bauch und ging zu meinem Platz zurück.
Der Stuhl war noch warm von mir.
5. Das Bild, das ich nicht schickte
Nach der Feier drängten Menschen durch die Türen in den Hof. Hüte wurden zurechtgerückt, Blumen aus Papier gewickelt und Taschen zwischen Füßen abgestellt. Eine Frau suchte laut nach ihrem Mann, obwohl er direkt hinter ihr stand.
Jo fand mich neben dem Fahrradständer.
„Du hast die Druckergeschichte drin gelassen.“
„Sie war der einzige Teil, bei dem ich sicher war, dass ich ihn überlebe.“
Sie lachte. Dann umarmte sie mich vorsichtig, damit mein Hut nicht herunterfiel. Ich hielt sie länger fest, als ich beabsichtigt hatte.
„Ich hätte sie trotzdem gern hier“, sagte ich gegen ihre Schulter.
„Ich weiß.“
Es tat gut, dass sie mir den Satz ließ. Ich musste den Tag nicht sofort glücklich nennen, damit er etwas wert war.
Auf meinem Telefon warteten acht Nachrichten. Drei davon enthielten Fotos von Marens Café: die neue Theke, ein Blech Gebäck und mein Vater auf einer Leiter. Mama hatte darunter geschrieben: Hier ist vielleicht was los!
Weiter unten fragte sie, ob bei mir alles gut gegangen sei.
Ich öffnete das Bild, das Jo während meiner Rede aufgenommen hatte. Darauf stand ich mit gerötetem Gesicht am Pult. Mein Mund war halb geöffnet, meine Hand lag fest auf dem Papier. Es war kein schmeichelhaftes Foto. Gerade deshalb konnte ich kaum wegsehen.
Ich wählte den Familienchat aus. Dann löschte ich die Auswahl wieder.
„Du kannst es später schicken“, sagte Jo.
„Ich weiß noch nicht, wem.“
Sie steckte ihr eigenes Telefon weg und fragte, ob ich Hunger hätte. Ich merkte, dass ich seit dem Frühstück nur eine halbe Banane gegessen hatte.
Auf dem Weg zum Parkplatz rief Ben an. Ich nahm ab, während Jo ein paar Schritte vorausging.
„Hast du schon deinen Abschluss?“
„Ja.“
„Wie war die Rede?“
„Ich habe sie gehalten.“
Er atmete hörbar aus. Hinter ihm lief eine Kaffeemaschine.
„Mama hat gesagt, sie hätte dir rechtzeitig Bescheid gegeben.“
„Ich stand am Flughafen.“
Es wurde still. Dann fragte er: „Mit dem Schild?“
Ich hatte tatsächlich eines gemalt. Willkommen bei Nora, in viel zu großen Buchstaben. Es lag umgedreht in meinem Kofferraum.
„Ja.“
Ben fluchte leise. „Ich hätte dich selbst anrufen müssen.“
Ich wartete. Er sagte nichts über Marens Stress und nichts darüber, wie schwer es für alle gewesen sei.
„Ja“, antwortete ich. „Das hättest du.“
Es war der kürzeste ehrliche Austausch, den wir seit Langem hatten. Bevor wir auflegten, fragte er, ob ich ihm ein Foto schicken würde.
„Heute noch nicht.“
„Okay“, sagte er. „Dann irgendwann.“
6. Die zweite Rechnung
Zu Hause zog ich den Talar aus und hing ihn über die Schlafzimmertür. Unter dem Stoff hatte meine Bluse am Rücken einen dunklen Fleck. Ich wechselte sie, wusch mir das Gesicht und setzte mich an den Küchentisch.
Jo ging einkaufen. Sie fragte, ob sie am Abend bleiben solle. Diesmal sagte ich sofort ja.
Auf dem Laptop öffnete ich die Reiseunterlagen. Ich schrieb eine Anfrage an die Fluggesellschaft, welche Möglichkeiten es für die ungenutzten Buchungen gab. Danach kontaktierte ich die Unterkunft, die ich für einen Teil meiner Familie reserviert hatte. Ich schloss jedes Fenster einzeln. Viel mehr konnte ich an diesem Nachmittag nicht erledigen.
Als Mama anrief, ließ ich das Telefon zunächst klingeln. Dann nahm ich ab.
„Du klingst müde“, sagte sie.
„Bin ich auch.“
„Wir haben alle an dich gedacht.“
Ich betrachtete den Wasserfleck auf dem Tisch. „Ich hätte gebraucht, dass ihr kommt.“
Sie fing wieder mit der Eröffnung an. Ich ließ sie ausreden. Als sie fertig war, sagte ich, dass ich die Erklärung verstanden hatte.
„Dann verstehst du sicher auch, dass wir Maren nicht hängen lassen konnten.“
„Mich habt ihr am Flughafen stehen lassen.“
Es war das erste Mal, dass ich es so aussprach. Meine Mutter zog scharf Luft ein.
„Du stellst das hin, als hätten wir dich absichtlich verletzen wollen.“
„Ich weiß nicht, was ihr wolltet. Ich weiß, dass ihr nicht gekommen seid und mich nicht rechtzeitig angerufen habt.“
Im Hintergrund fragte mein Vater etwas. Sie antwortete ihm, sie telefoniere gerade mit mir. Ich hörte meinen Namen, dann entfernte Schritte.
„Du warst schon immer die Selbstständige“, sagte sie leiser.
Ich sah zur Schlafzimmertür. Der schwarze Ärmel hing bis unter die Klinke.
„Das heißt nicht, dass ich niemanden brauche.“
Ich nahm die Rechnung aus der Mappe. Das Papier war an einer Ecke vom Flughafenboden grau geworden.
„Ich werde euch aufschreiben, was nach den Rückmeldungen der Anbieter an Kosten übrig bleibt. Ich möchte, dass wir darüber sprechen, wie ihr euch daran beteiligt.“
„Nora, das war doch dein Geschenk.“
„Für eine Reise, zu der ihr zugesagt habt.“
„Wir können doch jetzt nicht alles in Geld aufrechnen.“
Meine Finger drückten eine Falte ins Papier. Ich strich sie wieder glatt.
„Ich kann die Kosten nicht einfach verschwinden lassen, Mama.“
Sie sagte lange nichts. Dann fragte sie, ob ich Weihnachten überhaupt kommen würde.
Früher hätte ich sofort nach einem Flug gesucht, um sie zu beruhigen. Diesmal sah ich auf den Kalender an meiner Wand.
„Das entscheide ich später. Heute plane ich keine weitere Reise.“
Als wir auflegten, hatte ich keine Entschuldigung bekommen. Ich hatte auch nicht erreicht, dass sie mich verstand. Aber auf meinem Tisch lag eine Rechnung, über die ich endlich offen gesprochen hatte. Ich schob sie zurück in die Mappe und holte zwei Teller aus dem Schrank.
7. Ein Foto ohne freie Stelle
Jo kam mit Nudeln, Tomaten und einer kleinen Torte zurück. Auf dem Karton klebte ein schiefes Preisschild.
„Die mit Schokolade war aus“, sagte sie. „Ich habe keine Grundsatzentscheidung über deinen Geschmack getroffen.“
Ich lachte so plötzlich, dass ich mich am Wasser verschluckte. Jo stellte die Tüte ab und wartete, bis ich wieder sprechen konnte.
Wir kochten in meiner zu schmalen Küche. Ich schnitt die Tomaten, während sie im falschen Fach nach dem Salz suchte. Zum ersten Mal seit dem Anruf am Flughafen vergingen einige Minuten, in denen ich nicht über meine Familie nachdachte.
Nach dem Essen fiel mir ein, dass ich den geliehenen Talar noch am Abend zurückgeben konnte. Ich wollte ihn nicht die ganze Nacht an der Tür hängen sehen.
„Kommst du mit?“
Jo schob die leeren Teller zusammen. „Natürlich.“
Vor dem Hochschulgebäude war der Hof fast leer. Ein Mitarbeiter sammelte Papierreste zwischen den Pflanzkübeln ein. Hinter den Fenstern der Aula standen die ersten Stühle bereits in Stapeln.
Ich zog den Talar noch einmal an, weil Jo sagte, wir hätten kein vernünftiges Foto von mir mit der Urkundenmappe. Der Stoff war kühl geworden. Ich strich ihn über den Hüften glatt und stellte mich vor die Backsteinwand.
„Ein Stück nach links“, sagte sie.
Ich machte Platz neben mir.
Jo senkte das Telefon. „Warum stehst du so weit am Rand?“
Ich blickte auf die helle Mauerfläche neben meiner Schulter. In Gedanken hatte ich Platz für andere gelassen, sogar jetzt.
„Gewohnheit“, sagte ich.
Sie zeigte mit dem Finger in die Mitte. Ich stellte mich dorthin. Meine Füße kamen mir plötzlich zu breit vor, mein Gesicht zu ernst. Dann senkte ich die Schultern und hörte auf, mich kleiner zu machen.
Jo fotografierte dreimal. Beim vierten Bild trat sie rückwärts auf einen trockenen Ast. Das Knacken ließ sie so erschrocken zusammenfahren, dass ich lachen musste.
„Das nehme ich“, sagte sie.
Ich wollte die Aufnahme sehen. Darauf hielt ich die Mappe etwas schief. Mein Hut saß zu weit hinten, und meine Augen waren fast geschlossen. Hinter mir gab es keine freie Stelle, die auf jemanden wartete. Nur die Mauer und das Abendlicht.
„Noch eins mit uns beiden“, sagte ich.
Wir baten den Mann mit dem Papiergreifer. Er stellte seinen Eimer ab und nahm Jos Telefon mit beiden Händen. Jo trat neben mich. Ich legte den Arm um sie, ohne nachzudenken.
Später, bei der Rückgabe, kontrollierte eine Mitarbeiterin den Talar und strich meinen Namen auf einer Liste ab. Ich sah zu, wie sie ihn auf einen Bügel hängte. Dann gingen wir hinaus.
Auf dem Rückweg trug Jo die leere Kleiderhülle. Ich hielt meine Urkundenmappe auf dem Schoß. An einer roten Ampel schickte ich ihr das gemeinsame Foto, obwohl sie direkt neben mir saß.
Ihr Telefon leuchtete auf. Sie sah kurz hin und lächelte.
8. Was danach kam
In den folgenden Wochen kam keine große Aussprache zustande, bei der alle endlich die richtigen Worte fanden.
Mein Vater überwies einen Teil der verbliebenen Reisekosten. Im Verwendungszweck stand nur Flug. Ich bestätigte den Eingang und schrieb, dass ich noch mit ihm über den Tag sprechen wollte. Er antwortete am nächsten Abend. Unser Gespräch dauerte zwölf Minuten. Einmal sagte er, er habe angenommen, Mama hätte alles mit mir geklärt. Ich fragte ihn, warum er mich nicht selbst angerufen hatte. Darauf wusste er keine Antwort.
Maren schickte zunächst eine lange Nachricht über ihre Eröffnung. Ich las sie und antwortete am nächsten Tag. Ich schrieb, dass ich mich für ihr Café freute und trotzdem enttäuscht war. Sie brauchte fast eine Woche, bis sie darauf einging.
Ben fragte irgendwann nach den Flusswegen. Er wolle mich besuchen, schrieb er. Die Buchung würde er diesmal selbst übernehmen.
Mit Mama telefonierte ich seltener. Manchmal erzählte sie von einem Nachbarn, vom Wetter oder von einem Kuchen, den sie zu lange im Ofen gelassen hatte. Ich ertappte mich dabei, wie ich auf eine bestimmte Wendung wartete. Auf den Satz, der alles geradeziehen würde.
Eines Sonntags fragte sie, ob ich ihr das Manuskript schicken könne.
„Möchtest du es lesen?“
„Ja.“
Ich schickte ihr die Fassung ohne den durchgestrichenen Satz. Einige Stunden später kam eine Nachricht: Ich wusste nicht, dass Jo so oft für dich da war.
Ich las sie zweimal. Dann schrieb ich: Doch. Das war sie.
Es folgte keine weitere Antwort. Ich legte das Telefon weg und ging einkaufen. Abends kochte ich für die neue Woche, hörte Musik und vergaß für eine Weile, auf den Bildschirm zu schauen.
Für Weihnachten kaufte ich im Herbst einen eigenen Flug. Bevor ich buchte, prüfte ich, wie viele Tage ich bleiben wollte. Ich nahm mir außerdem vor, einen Nachmittag nur mit Ben zu verbringen. Es war eine kleine Planung, aber zum ersten Mal begann sie bei mir.
Die fünf Buchungsbestätigungen bewahrte ich zusammen mit den Antworten der Reiseanbieter in einer schlichten Mappe auf. Sie lagen nicht länger unter meinem Manuskript. Das Manuskript kam in die Schublade meines Schreibtischs, neben die erste bestandene Prüfung und einen Bleistift, dessen Spitze abgebrochen war.
Das Foto von Jo und mir stellte ich ins Regal. Ein paar Wochen später saß ich davor auf dem Boden, weil ich ein Ladekabel suchte. Ich hob den Rahmen auf und bemerkte zum ersten Mal den Mann mit dem Papiergreifer, der sich im Fensterglas hinter uns spiegelte.
Ich musste lächeln. Ich hatte an diesem Tag so genau gewusst, wer fehlte. Erst später sah ich, wer alles da gewesen war.
Noch immer hätte ich meine Familie gern im Publikum gesehen. Dieser Wunsch durfte bleiben. Neben ihm war inzwischen Platz für den Stolz auf meine Rede, für Jo und für ein Leben, das ich nicht bis zur nächsten Zusage aufschieben wollte.