Das immer wieder schwarz gestrichene Garagentor

Schlagwörter: #story #fiktion #familie #vertrauen #neuanfang

Lena Müller, Köchin und Rezeptentwicklerin bei Epische Rezepte
Vom Epische Rezepte Team Lena Müller
Zuletzt aktualisiert am 17.10.2026
Janna entdeckt frische schwarze Farbe an ihrem Ärmel vor dem unten grob schwarz gestrichenen weißen Garagentor. Merken
Janna entdeckt frische schwarze Farbe an ihrem Ärmel vor dem unten grob schwarz gestrichenen weißen Garagentor.

Fiktion: Diese Erzählung ist frei erfunden. Sämtliche Figuren, Gespräche und Ereignisse sind fiktiv.

1. Die Farbe auf dem Ärmel

Janna bemerkte das Schwarz zuerst an ihrem Ärmel. Sie hatte sich mit der Schulter gegen das Garagentor gelehnt, während sie den widerspenstigen Haustürschlüssel aus ihrer Jackentasche zog. Als sie den Arm hob, glänzte ein dunkler Streifen auf dem olivfarbenen Stoff. Noch feucht. Sie drehte sich um. Die obere Hälfte des Tores war weiß, genauso wie am Abend zuvor. Darunter lag eine schwarze Fläche, breit und ungleichmäßig, mit ausgefransten Rändern an den Seiten. Ein Tropfen hing am Griff. Janna hielt den Schlüssel zwischen Daumen und Zeigefinger, bis die Zacken in ihre Haut drückten. Hinter ihr rollte ein leeres Marmeladenglas im Einkaufskorb gegen die Milchflasche. Das kleine Klirren ärgerte sie plötzlich mehr als alles andere.

In dreizehn Tagen sollte ihre Änderungsschneiderei eröffnen. Die Werkstatt lag im ehemaligen Esszimmer, dessen Fenster auf die Einfahrt blickte. Dort standen bereits ihre beiden Maschinen, ein gebrauchter Zuschneidetisch und ein Ständer für fertige Aufträge. Die Garage daneben hatte sie ausgeräumt, damit Kundinnen dort Fahrräder und Kinderwagen abstellen konnten. Auf dem Küchentisch lagen zweihundert Karten mit ihrer Telefonnummer. Für das Foto darauf hatte sie sich vor dieses Tor gestellt, vor vier Tagen, mit einer Stoffschere in der Hand und einem Lächeln, das nach dem siebten Versuch endlich natürlich ausgesehen hatte. Jetzt sah es aus, als hätte jemand einen dicken Strich durch diesen Anfang gezogen. Janna stellte die Einkäufe ab und fotografierte das Tor. Erst danach rief sie ihre Mutter an.

Hedda kam zu Fuß aus ihrer Wohnung am Markt. Über dem grauen Mantel trug sie einen schief gebundenen Schal. Sie blieb vor der Einfahrt stehen und zog die Lippen ein. »Nur unten«, sagte sie. »Offensichtlich.« Janna hörte, wie scharf das klang. Ihre Mutter strich mit einem Finger über den unbeschädigten weißen Rahmen. »Vielleicht irgendwelche Jungen.« »Vielleicht auch nicht.« Gegenüber schob der siebzehnjährige Leon gerade sein Fahrrad aus dem Schuppen. Am Lenker hing ein schwarzer Beutel. Janna sah hin, einen Augenblick zu lange. Leon grüßte. Sie hob die Hand nur halb. Hedda fragte, ob sie Kaffee machen solle. Janna schüttelte den Kopf. Sie wollte, dass jemand ebenso fassungslos war wie sie. Ihre Mutter betrachtete die schwarze Fläche und sagte: »Das kriegt man wieder hin.«

Hedda berührt den weißen Torrahmen, während Janna neben ihr vor der schwarz überstrichenen unteren Torhälfte steht.
Hedda berührt den weißen Torrahmen, während Janna neben ihr vor der schwarz überstrichenen unteren Torhälfte steht.

2. Ein freier Nachmittag

Am Montag verschob Janna eine Anprobe, die ihr eine ehemalige Kollegin vermittelt hatte. Am Dienstag war das Tor wieder weiß. Die Arbeit hatte länger gedauert, als sie gehofft hatte, und auf dem Küchentisch lagen nun zwischen den Eröffnungskarten zwei weitere Belege. Sie heftete sie in einen blauen Ordner. Seit sie das Haus von ihrer Mutter übernommen hatte, steckte darin alles, was sie nachts wach hielt: die monatlichen Raten, die Rechnung für die Elektrik im Arbeitszimmer, der Kostenvoranschlag für das undichte Dachfenster. Hedda hatte von ihrem Anteil eine kleine Wohnung gekauft. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten musste sie keine Treppe mehr steigen. Janna hatte dafür ein Haus voller Möglichkeiten übernommen und Verpflichtungen, die sich jeden Monat sehr zuverlässig bemerkbar machten.

Am Mittwochmorgen war das Schwarz zurück. Wieder nur unten. Diesmal führte die obere Kante leicht nach rechts hinauf, als hätte jemand beim Streichen die Geduld verloren. Janna stellte ihre Kaffeetasse auf den Boden. Sie hatte sie mit hinausgenommen, weil sie die Einfahrt fegen wollte, bevor ihre erste Kundin kam. Nun stand sie daneben und überlegte, ob diese Frau wohl glauben würde, hier werde noch gebaut. Oder ob sie einfach umkehren würde. Janna hatte zuletzt in einem großen Bekleidungshaus gearbeitet. Nach dessen Schließung hatte sie monatelang Bewerbungen geschrieben, bis sie anfing, für Bekannte Hosen zu kürzen. Diesen Teil erzählte sie auf ihren Eröffnungskarten nicht. Auch nicht, wie oft sie ihre Preise nachgerechnet hatte, um sicher zu sein, dass sie von ihrer Arbeit leben konnte.

Am Nachmittag klingelte sie bei Leon. Sie hatte sich vorgenommen, beiläufig zu fragen. Doch als er öffnete, sagte sie sofort: »Warst du gestern Nacht draußen?« Er schaute erst sie, dann das Tor hinter ihr an. »Bei meinem Vater. Warum?« »Dir ist niemand aufgefallen? Mit Farbe?« Sein Gesicht veränderte sich. »Sie glauben, ich war das.« »Ich frage nur.« Schon während sie es sagte, hörte sie, wie wenig das stimmte. Leon nahm die Hand von der Türklinke. »Der Beutel gestern war für meine Fahrradkette. Damit die nicht gegen den Rahmen schlägt.« Janna hatte den Beutel gar nicht erwähnt. Das machte es schlimmer. Sie murmelte etwas von Missverständnis und ging. Zu Hause fand sie Hedda in der Küche. Ihre Mutter hatte die verschobene Anprobe auf dem Kalender entdeckt. »Wegen des Tores?« Janna nickte. Hedda drehte den Kalender um, als wäre die leere Rückseite leichter anzusehen.

3. Was auf den Bildern fehlt

Jannas Freundin Selma brachte am Donnerstag Abendessen vorbei. Sie aßen zwischen Stoffballen und noch ungeöffneten Kartons, weil der Küchentisch inzwischen als Büro diente. Selma fragte, ob Janna eine Kamera anbringen wolle. Janna hatte bereits ein Modell im Warenkorb eines Onlineshops. Doch als sie vom Fenster aus die mögliche Blickrichtung prüfte, sah sie Leons Haustür, den Gehweg und einen Teil des Nachbargartens. Sie las nach, welche Fragen private Videoaufnahmen aufwerfen konnten, und schloss den Warenkorb wieder. Die Bestellung konnte warten. An diesem Abend wollte sie außerdem weder weitere Geräte vergleichen noch noch einmal erklären, weshalb ihr eine halb schwarze Garage den Appetit verdarb. Selma wickelte den Rest des Brotes ein. »Du musst mich nicht überzeugen«, sagte sie.

Hedda kam später mit einer Blechdose voll Knöpfe. »Die kannst du vielleicht brauchen.« Janna stellte sie zu den anderen Dingen, die ihre Mutter seit Wochen brachte: Garnreste, Kleiderbügel, eine Schachtel Druckknöpfe mit verblichenen Etiketten. Hedda öffnete die Dose selbst und nahm einen großen braunen Knopf heraus. »Von deinem Wintermantel. Dem mit den Taschen.« Janna erinnerte sich an die kratzige Wolle. »Den hast du genäht.« »Ja.« Hedda wartete. Janna sah auf ihren Terminplan. Sie hatte noch zwei Hosen fertigzustellen. »Danke, Mama.« Ihre Mutter legte den Knopf zurück. Beim Hinausgehen blieb sie vor einem Stapel alter Fotoalben stehen, die Janna aus der Garage geräumt hatte. »Die nimmst du doch noch durch?« »Wenn ich offen habe.« »Natürlich«, sagte Hedda. Es war ein kleines Wort, aber sie stellte es sehr vorsichtig ab.

Am Samstag war die untere Hälfte des Tores zum dritten Mal schwarz. Janna weinte diesmal nicht vor Wut. Sie setzte sich auf die niedrige Mauer neben der Einfahrt und fing an, die gestrichenen und wieder überstrichenen Stunden zusammenzurechnen. Dann hörte sie auf. Durch die Scheibe des Arbeitszimmers sah sie das dunkelblaue Jackett ihrer ersten größeren Kundin am Ständer hängen. Die Ärmel mussten bis Montag fertig sein. Sie stand auf, ging hinein und nähte. Gegen Abend rief Hedda an. Sie fragte nicht, ob Janna etwas entdeckt habe. Sie fragte: »Streichst du morgen wieder?« Janna hielt den Hörer ein Stück vom Ohr weg. »Woher weißt du, dass es wieder passiert ist?« Eine kurze Pause. »Ich bin heute Vormittag vorbeigegangen.« Das konnte stimmen. Trotzdem ließ Janna nach dem Gespräch die Nähmaschine ausgeschaltet.

Nach dem dritten Vorfall sitzt Janna erschöpft auf der Gartenmauer; hinter ihr ist das Garagentor unten wieder schwarz.
Nach dem dritten Vorfall sitzt Janna erschöpft auf der Gartenmauer; hinter ihr ist das Garagentor unten wieder schwarz.

4. Der Mensch vor dem Tor

Selma kam mit einer Thermoskanne. Sie saßen im Arbeitszimmer, dessen Vorhang halb geschlossen war, und trennten gemeinsam eine misslungene Naht auf. Janna erzählte von dem Telefonat. Selma sagte nicht, was sie dachte. Das war einer der Gründe, weshalb Janna sie angerufen hatte. Draußen zog ein Windstoß ein trockenes Blatt über die Einfahrt. Ein Auto fuhr vorbei. Um kurz nach neun klickte das kleine Gartentor. Janna hob den Kopf. Ihre Mutter ging an den Mülltonnen vorbei, mit einem flachen Farbeimer in der einen und einem Pinsel in der anderen Hand. Sie trug ihren grauen Mantel und die roten Arbeitshandschuhe, die seit Jahren in der Garage gelegen hatten. Kein Versteckspiel. Sie bewegte sich mit der Selbstverständlichkeit eines Menschen, der hier sehr oft etwas erledigt hatte.

Hedda stellte den Eimer ab und kniete sich vor das Garagentor. Sie strich über eine helle Stelle am rechten Rand. Der Pinsel machte ein kurzes, raues Geräusch. Janna hatte erwartet, bei der Entdeckung loszuschreien. Stattdessen suchte sie nach ihren Schuhen. Einer lag unter dem Tisch. Selma hielt ihn ihr hin. »Soll ich mitkommen?« »Bleib bitte an der Tür.« Auf dem Weg durch den Flur spürte Janna jede einzelne Bodenfliese unter den dünnen Sohlen. Als sie nach draußen trat, drehte Hedda sich um. Der Pinsel blieb einen Moment in der Luft stehen. Dann senkte sie ihn in den Eimer. »Da war noch Weiß«, sagte sie. Janna sah auf die Stelle. Es war tatsächlich nur ein schmaler Streifen. Sie musste sich anstrengen, den Blick davon zu lösen.

»Warst du das jedes Mal?« Hedda zog den rechten Handschuh aus. An ihrem Handgelenk saß eine schwarze Spur. »Ja.« Hinter Janna blieb die Haustür offen. Aus dem Arbeitszimmer fiel ein gelbes Rechteck Licht auf den Weg. »Du hast mich streichen sehen.« »Ja.« »Du hast gesehen, dass ich einen Termin absagen musste.« Hedda nickte. Janna wartete auf einen weiteren Satz, auf etwas, das die Sache in eine andere Richtung drehen würde. Es kam nichts. »Stell den Pinsel ab«, sagte sie schließlich. Ihre Mutter gehorchte. »Und gib mir den Schlüssel zur Garage.« Hedda griff in ihre Manteltasche. An dem kleinen Ring hing noch ein verbogener Einkaufschip. Als sie ihn in Jannas Hand legte, wollte sie etwas sagen. Janna schloss die Finger darum. »Heute gehst du bitte nach Hause.« Hedda stand langsam auf. Selma trat beiseite, als Janna ins Haus zurückkam, und stellte keine Frage.

5. Heddas Name

Am nächsten Morgen lag ein Brief im Kasten. Hedda hatte nur drei Sätze geschrieben. Sie wolle erklären, was passiert sei. Sie wisse, dass Janna sie gerade nicht sehen wolle. Sie werde warten. Janna las den Brief beim Frühstück und legte ihn unter den blauen Ordner. Erst am Montag rief sie an. Sie vereinbarten Mittwoch, zehn Uhr, eine Stunde. Bis dahin erledigte Janna die Jackettärmel, lieferte die Arbeit aus und nahm zwei neue Aufträge entgegen. Wenn sie nach Hause kam, sah sie das Tor absichtlich nicht an. Am Mittwoch brachte Hedda keine Knöpfe mit und auch keinen Kuchen. Unter dem Arm trug sie eines der alten Fotoalben. Sie legte es auf den Küchentisch und setzte sich erst, als Janna ihr den Stuhl gegenüber zeigte.

Auf dem ersten aufgeschlagenen Bild war Janna etwa acht. Sie stand in der Einfahrt mit einem zu großen Fahrrad. Hinter ihr war das Garagentor oben weiß und unten schwarz. Auf der schwarzen Fläche standen mit Kreide mehrere Zeilen. Janna kannte das Foto, doch die Schrift hatte sie nie genau angesehen. Hedda schob eine Leselupe darüber. Zwischen einer Zeichnung und einer Einkaufsliste stand ihr Name. Darunter: Mittwoch ab vier, Änderungen. »Dein Vater hat dort die Fahrräder gemacht«, sagte Hedda. »Das weiß ich.« »Und ich habe dort im Sommer genäht. Wenn es im Haus zu warm war.« Janna betrachtete den Hintergrund. Neben der Werkbank stand tatsächlich die alte Nähmaschine. Sie erinnerte sich an den Geruch von warmem Stoff und daran, wie sie Kreidereste in den Rillen des Pflasters zerrieben hatte.

»Als du die Karten gezeigt hast, hast du gesagt: Aus Papas Werkstatt wird meine Schneiderei.« Hedda hielt die Hände unter dem Tisch. »Ich habe gelächelt. Ich wollte mich freuen. Dann hast du das Tor weiß gestrichen, und mein Name war auch in meinem Kopf weg.« Janna schob die Lupe zurück. »Der stand da seit Jahren nicht mehr.« »Ich weiß.« Hedda atmete hörbar aus. »Ich habe gedacht, wenn es wieder schwarz ist, fragst du vielleicht, warum es früher so war. Beim zweiten Mal war ich schon so weit drin, dass ich lieber noch etwas kaputt gemacht habe, als es zuzugeben.« Janna stand auf und holte Wasser. Sie brauchte die wenigen Schritte bis zum Spülbecken. »Du hättest mich fragen können, ob wir etwas aufheben.« »Ja.« »Stattdessen habe ich Leon verdächtigt.« Hedda sah auf. Janna stellte ihr Glas ab, ohne daraus zu trinken. »Du wolltest, dass ich hinschaue. Aber du hast mich auf alle anderen schauen lassen.«

Beim schwierigen Gespräch steht Janna am Spülbecken, während Hedda vor dem geöffneten Familienalbum am Küchentisch sitzt.
Beim schwierigen Gespräch steht Janna am Spülbecken, während Hedda vor dem geöffneten Familienalbum am Küchentisch sitzt.

6. Die Rechnung auf dem Tisch

Janna holte die Belege aus dem Ordner. Sie legte sie nebeneinander, dazu einen Zettel mit den Stunden, die sie für das Tor aufgewendet hatte. »Ich weiß nicht, wie man das innerhalb einer Familie aufschreibt«, sagte sie. »Aber wenn ich es nicht aufschreibe, bleibt es wieder an mir hängen.« Hedda zog die Zettel näher. Sie las jeden einzeln. Bei der Summe presste sie den Daumen gegen den Rand des Tisches. Ihre monatlichen Ausgaben waren Janna ungefähr bekannt; die Wohnung hatte ihre Mutter unabhängiger gemacht, reich war sie dadurch nicht geworden. »Ich kann es nicht alles auf einmal«, sagte Hedda. »Dann machen wir Raten.« Das Wort fühlte sich am Küchentisch fremd an. Janna ließ es trotzdem stehen. Sie vereinbarten einen Betrag und schrieben die Termine auf.

Danach legte Janna den Garagenschlüssel zwischen sie. »Der bleibt vorerst hier.« Hedda nickte, ohne danach zu greifen. Für einen Moment war Janna darüber fast ärgerlich. Ein Teil von ihr hätte sich gern verteidigt, um dann nachgeben zu können. Aber ihre Mutter saß still vor ihr und ließ ihr die Entscheidung. »Du kannst anrufen«, sagte Janna. »Du kannst fragen, ob du kommen darfst. Und ich werde dir sagen, wenn etwas für mich nicht geht.« Hedda schaute auf das Fotoalbum. »Ich habe dir zugetraut, dass du mit meinen Sachen vorsichtig bist. Aber nicht, dass du mit mir vorsichtig sein würdest.« Janna setzte sich wieder. »Das hätte ich gern gewusst, bevor du mit dem Pinsel hier standest.« »Ich auch«, sagte Hedda. Dann schüttelte sie den Kopf. »Nein. Ich wusste es. Ich habe es bloß nicht gesagt.«

Am Nachmittag ging Janna noch einmal zu Leon. Diesmal hatte sie sich einen Satz zurechtgelegt und sagte ihn vollständig: »Ich habe dich ohne Grund verdächtigt. Das war unfair, und es tut mir leid.« Leon stand in der Tür und drehte einen Fahrradschlüssel zwischen den Fingern. »Wissen Sie jetzt, wer es war?« »Ja. Es wird geklärt.« Er nickte, aber sein Gesicht blieb abwartend. Janna merkte, dass sie auf ein freundliches Wort von ihm gehofft hatte. Sie hatte es sich nicht verdient, es sofort zu bekommen. »Mehr wollte ich nicht«, sagte sie und ging. Auf der anderen Straßenseite hielt sie kurz an. Hedda hatte inzwischen eine Nachricht geschickt: Danke für das Gespräch. Janna schrieb: Ich brauche noch Zeit. Sie las den Satz zweimal, bevor sie ihn abschickte. Dann ging sie ins Arbeitszimmer und änderte den Saum eines grünen Kleides.

7. Keine Farbe über dem Gespräch

Am Donnerstag kam eine Malerin, die Selma empfohlen hatte. Sie untersuchte das Tor und erklärte Janna, welche Arbeiten für eine gleichmäßige Oberfläche nötig wären. Janna ließ sich ein Angebot machen und versprach keine sofortige Entscheidung. Danach stand sie mit dem Fotoalbum in der Einfahrt. Das Schwarz gefiel ihr noch immer nicht. Es war mit einem Trotz aufgetragen worden, den sie nun überall erkannte: in den dicken Rändern, den übersehenen Stellen, der hastigen Linie unter dem Griff. Aber auf dem alten Foto war die Fläche etwas anderes gewesen. Eine Stelle für Nachrichten. Für kleine Aufträge. Für Namen, die zum Alltag dieses Hauses gehört hatten. Janna strich mit dem Daumen über den weißen Rand des Bildes. Dann klappte sie das Album zu. Sie wollte eine Entscheidung treffen, mit der sie auch an einem schlechten Tag leben konnte.

Sie rief die Malerin zurück und besprach eine neue Fassung des Angebots. Das Tor sollte oben weiß bleiben und unten eine ordentlich ausgeführte schwarze Fläche bekommen. Die ungewollten Anstriche mussten dafür fachgerecht aufgearbeitet werden. Für die Werkstatt bestellte Janna außerdem eine kleine, abnehmbare Kreidetafel. Am Freitag teilte sie Hedda ihre Entscheidung mit. »Heißt das, du findest es jetzt doch gut?«, fragte ihre Mutter vorsichtig. »Ich finde gut, was ich daraus machen möchte.« Janna wartete, bis Hedda sie ansah. »Die Rechnung bleibt. Und unser Gespräch auch.« »Das habe ich verstanden.« Hedda räusperte sich. »Soll ich am Samstag kommen?« Janna sah zum leeren Stuhl neben dem Zuschneidetisch. »Zur Eröffnung um zehn. Als Besuch. Ich möchte vorher in Ruhe vorbereiten.«

Am Nachmittag suchten sie gemeinsam im Album ein zweites Foto. Darauf saß Hedda an ihrer Nähmaschine vor der geöffneten Garage. Sie trug ein ärmelloses Kleid und hielt ein Stück gestreiften Stoff hoch. Janna hatte ihre Mutter auf diesem Bild immer für streng gehalten. Jetzt sah sie die Stecknadeln zwischen ihren Lippen und begriff, weshalb sie nicht lächelte. Auf der Rückseite stand in der Handschrift ihres Vaters nur: Sommer. Hedda fuhr über das Wort. »Ich weiß noch, für wen das Kleid war.« Sie nannte einen Namen, dann einen zweiten, weil sie sich korrigieren musste. Janna hörte zu und schrieb beide Möglichkeiten auf einen Zettel. Sie würden es später genauer herausfinden können. Für den kleinen Rahmen nahm sie nur eine schlichte Beschriftung: Hedda an ihrer Nähmaschine. Als ihre Mutter ging, nahm sie den Garagenschlüssel nicht mit. Das Foto blieb bei Janna.

Janna hört Hedda beim Betrachten eines alten Nähfotos zu und hält eine Erinnerung auf einem kleinen Zettel fest.
Janna hört Hedda beim Betrachten eines alten Nähfotos zu und hält eine Erinnerung auf einem kleinen Zettel fest.

8. Samstag, zehn Uhr

Am Morgen der Eröffnung musste Janna dreimal die Kreidetafel abwischen. Beim ersten Versuch waren die Buchstaben zu klein, beim zweiten hatte sie sich verschrieben. Beim dritten ließ sie die etwas schiefe Zeile stehen. Im Arbeitszimmer hingen zwei fertige Kleider neben einer Hose, an der sie zeigen konnte, wie sie einen Saum arbeitete. Auf dem Fensterbrett stand das gerahmte Foto ihrer Mutter. Selma brachte Blumen in einem ausgewaschenen Gurkenglas und stellte sie so hin, dass sie beim Zuschneiden nicht im Weg waren. Um zehn kam Hedda. Sie klingelte an der Haustür, obwohl sie früher immer durch den Garten gekommen war. Janna öffnete. Ihre Mutter hielt einen kleinen Umschlag in der Hand. Die erste Rate. Janna nahm ihn entgegen und bat sie herein.

Die erste Besucherin brachte eine Hose mit, deren Bund zu weit geworden war. Sie entschuldigte sich dafür, dass sie gleich Arbeit mitbringe. Janna musste lachen. »Genau dafür bin ich da.« Während sie den Auftrag notierte, trat Hedda einen Schritt zurück und ließ die Frau an den Tisch. Später kam Leon mit einer abgerissenen Schlaufe an seinem Rucksack. »Machen Sie auch so was?« Janna betrachtete die Naht. »Ja. Wenn du ihn bis Dienstag hierlassen kannst.« Er legte den Rucksack ab. Sie schrieb seinen Namen auf einen Anhänger und fragte nach einer Telefonnummer. Mehr geschah zwischen ihnen an diesem Morgen nicht. Doch als er ging, grüßte er Hedda und nahm sich an der Tür noch ein Stück von Selmas mitgebrachtem Kuchen. Janna sah ihm nach, bis die Gartentür ins Schloss fiel.

Gegen Mittag wurde es für einige Minuten still. Hedda stand vor ihrem Foto. »Dein Vater hätte die Maschine noch mal geölt, bevor jemand das Bild macht«, sagte sie. »Bestimmt.« Janna trat neben sie. »Und du hättest ihn weggeschickt, weil du arbeiten musst.« Hedda lachte kurz. Dann strich sie den Ärmel ihres Mantels glatt. »Wahrscheinlich.« Sie sah zu dem Stuhl neben dem Zuschneidetisch, setzte sich aber nicht. »Soll ich gehen?« Janna prüfte die Uhr. Die nächste verabredete Kundin kam erst in zwanzig Minuten. »Für einen Kaffee reicht es.« Ihre Mutter zog den Mantel aus. Während Janna in der Küche die Tassen holte, hörte sie, wie Hedda einen umgefallenen Kleiderbügel aufhob und wieder an den Ständer hängte. Eine kleine, gewöhnliche Handlung. Janna blieb einen Moment in der Küchentür stehen, dann ging sie mit dem Tablett hinein.

Am Abend schloss Janna das Garagentor. Das Weiß darüber fing das letzte Licht, die schwarze Fläche darunter war bereits dunkel. Sie prüfte das Schloss und steckte den Schlüssel in ihre eigene Tasche. Es würde Tage geben, an denen sie sich wieder über die verlorenen Stunden ärgerte. Ihre Mutter würde das aushalten müssen, und Janna würde nicht jedes Mal schweigen. Doch an diesem ersten Samstag hatten sie Kaffee getrunken und über eine Naht gesprochen, die Hedda auf dem alten Foto gerade feststeckte. Für heute reichte das. Janna ging ins Haus zurück. Auf dem Zuschneidetisch wartete Leons Rucksack.

Quellenangaben

Dieser Artikel basiert auf vertrauenswürdigen und geprüften Informationen.

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