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Diese Geschichte ist Fiktion. Alle Figuren, Gespräche und Ereignisse sind erfunden; sie schildert keinen belegten Vorfall und kein bestimmtes reales Café.
1. Die Tasse blieb hinter der Tür
Die Tür schlug gegen meine Schuhspitze, während ich versuchte, Emil mit beiden Armen zu halten. Für einen Augenblick klemmte der Saum meines Mantels zwischen Glas und Rahmen. Drinnen hob jemand meine Tasse vom Tisch. Der Kaffee war noch so heiß, dass über dem weißen Porzellan ein dünner Faden Dampf stand.
Emil drückte seine Nase unter meinen Schal. An seinem gelben Pullover hing ein Tropfen, den ich zunächst für Regen hielt. Dann merkte ich, dass ich weinte.
„Es ist gut“, sagte ich zu ihm.
Ich sagte es zu schnell. Emil kannte meine Stimme seit drei Jahren, auch die Stimme, mit der ich Dinge behauptete, die noch nicht stimmten.
Zehn Minuten zuvor hatte ich den Tisch am Fenster gewählt. Von dort konnte ich die Bushaltestelle sehen. Unter dem Tisch lag Emils graue Decke, sorgfältig zwischen meinen Schuhen ausgebreitet. Seine rote Leine hatte ich kurz genug gehalten, dass niemand darüber steigen musste.
Der junge Mann hinter der Theke hatte Wasser angeboten. Ich hatte dankend abgelehnt, weil ich einen kleinen Napf in meiner Tasche trug. Dann hatte ich meinen Kaffee bezahlt, drei Euro zwanzig, und mich auf eine halbe Stunde ohne Geschirrspülen, Briefsortieren oder das Brummen meines Kühlschranks gefreut.
Der Besitzer kam, als ich gerade den ersten Zuckerbeutel zurück in die Schale legte.
„Mit Hund können Sie hier nicht einfach sitzen und nur einen Kaffee bestellen.“
Ich zeigte auf die Tafel neben der Tür. Unter den Öffnungszeiten war eine Kreidepfote gemalt.
„Ihr Mitarbeiter sagte, Hunde seien willkommen.“
„Wenn es passt“, sagte er. Sein Blick blieb an Emil hängen, der den Kopf in Richtung meiner Stimme gedreht hatte. „Und so passt es eben nicht. Die Leute wollen beim Essen nicht auf solche Augen schauen.“
Ich zog die Finger von der Untertasse zurück.
„Er ist blind.“
„Das sehe ich. Nehmen Sie ihn bitte mit raus.“
An einem anderen Tisch hörte ein Löffel auf zu klirren. Der junge Mitarbeiter stand mit einem Milchkännchen in der Hand da. Niemand sagte etwas.
Ich hätte nach meinem Geld fragen können. Nach seinem Namen. Danach, warum er mich erst bezahlen ließ. Stattdessen faltete ich die Decke zusammen. Eine Ecke geriet unter meinen Schuh, und ich zerrte daran, als hätte dieser kleine Widerstand etwas mit meiner Würde zu tun.
Nun stand ich draußen. Vierundsiebzig Jahre alt, mit nassen Wangen und einem Hund, dessen warmer Brustkorb sich gegen meinen Unterarm bewegte. Durch das Glas sah ich den Besitzer meinen Stuhl zurechtrücken.
2. Eine Bank, breit genug für zwei
Ich ging nicht zur Haltestelle. Dort saßen drei Menschen unter dem schmalen Dach, und ich wollte nicht erklären müssen, warum ich ein Taschentuch vor den Mund hielt. Stattdessen setzte ich mich auf die Bank am kleinen Platz hinter dem Café. Das Holz war feucht. Ich legte meine Einkaufstasche unter mich und behielt Emil auf dem Schoß.
Er streckte die Nase vor. Ein Fahrrad rollte über das Pflaster, irgendwo riss jemand Klebeband von einer Rolle. Emil hob ein Ohr und ließ es wieder sinken.
„Wir fahren gleich nach Hause“, sagte ich.
Zu Hause standen seine Näpfe an ihrem Platz. Der Weg vom Körbchen zur Küche war frei. Wenn ich an ihm vorbeiging, sprach ich ihn an. Diese kleinen Gewohnheiten waren uns selbstverständlich geworden. Hier draußen dagegen wusste ich plötzlich nicht einmal, wohin mit meinen Händen.
„Klara?“
Suse stand vor der Bank, meine Nachbarin aus dem zweiten Stock. Aus ihrem Stoffbeutel ragte Lauch.
„Ist etwas mit Emil?“
Ich schüttelte den Kopf.
Sie sah auf mein Taschentuch. „Mit dir?“
„Ein dummer Nachmittag.“
Suse stellte ihren Beutel ab. „Darf ich mich dazusetzen?“
Ich rückte zur Seite, obwohl noch reichlich Platz war. Sie setzte sich, ohne nach Emil zu greifen. Er kannte ihre Schritte aus dem Treppenhaus und schnupperte an ihrem Ärmel.
Lange sagte ich nichts. Dann erzählte ich vom Kaffee. Beim Satz über seine Augen wurde meine Stimme dünn. Ich ärgerte mich darüber und fing den Satz noch einmal an.
Suse wartete, bis ich fertig war.
„Möchtest du, dass ich reingehe?“
„Nein.“ Das kam sofort.
Sie nickte. „Gut.“
Dieses kleine Wort half mir mehr, als ein zorniger Auftritt geholfen hätte. Sie blieb neben mir sitzen, ohne aus meinem Nachmittag ihren Auftrag zu machen.
„Früher hätte ich etwas gesagt“, murmelte ich.
„Vielleicht sagst du morgen etwas.“
Ich betrachtete meine Hände. An der rechten Fingerkuppe lag noch eine feine raue Stelle vom Nähen. Vierunddreißig Jahre lang hatte ich in meiner Änderungsschneiderei erklärt, warum ein Reißverschluss ersetzt werden musste, warum ein Saum Zeit brauchte und warum eine Arbeit bezahlt wurde. Ich hatte durchaus widersprechen können.
Seit ich den Laden aufgegeben hatte, merkte ich immer häufiger erst zu Hause, was ich gern gesagt hätte.
„Mira würde sofort dort anrufen“, sagte ich.
„Dann musst du deiner Tochter ja nicht sofort davon erzählen.“
Ich lachte kurz. Emil hob den Kopf. Suse lächelte ihn an, obwohl er es nicht sehen konnte.
Als wir aufstanden, fragte sie, ob sie meine Tasche tragen dürfe. Diesmal sagte ich ja. Emil hielt ich selbst. Auf dem Weg zur Haltestelle berichtete Suse von einer viel zu großen Kohlrabi, die sie gekauft hatte. Ich war ihr dankbar für jedes belanglose Wort.
3. Was ich beinahe verschwiegen hätte
Am Abend klingelte meine Tochter an. Ich sah ihren Namen auf dem Telefon und überlegte, es liegen zu lassen. Dann nahm ich ab.
„Wie war dein Ausflug?“
Ich hatte ihr morgens ein Foto von Emil im gelben Pullover geschickt. Darunter: Heute gehen wir unter Leute.
„Wir waren nicht lange unterwegs.“
„War es zu kalt?“
„Nein.“
Ich hörte, wie sie etwas abstellte. „Mama?“
Also erzählte ich es noch einmal. Diesmal ging es schneller. Dafür kam die Scham erst danach, als hätte sie auf eine Lücke gewartet.
Mira wollte den Namen des Cafés wissen.
„Ich möchte erst selbst überlegen“, sagte ich.
„Aber so kann der doch nicht mit dir umgehen.“
„Das weiß ich.“
Es wurde still zwischen uns. Ich strich mit dem Daumen über die Kante des Küchentischs, an der früher meine Stoffschere eine Kerbe hinterlassen hatte.
„Entschuldige“, sagte Mira schließlich. „Ich bin gerade schon losgerannt, ohne dich mitzunehmen.“
„Du sitzt doch noch in deiner Küche.“
Sie lachte leise. Dann fragte sie: „Was brauchst du?“
Ich wusste es nicht. Meine drei Euro zwanzig zurück? Einen Satz, der die anderen Gäste nachträglich zum Aufsehen brachte? Die Gewissheit, dass ich beim nächsten Mal rechtzeitig sprechen würde?
„Vielleicht musst du mir nur zuhören.“
Das tat sie. Ich erzählte ihr sogar, dass ich beinahe gesagt hätte, Emil sei sonst ein sehr hübscher Hund. Als müsste ich ihn mit einem früheren Zustand entschuldigen.
„Das habe ich zum Glück nicht gesagt“, fügte ich hinzu.
Nach dem Telefonat räumte ich die Tassen in den Schrank. Zwei stellte ich wieder heraus. Ich wusste nicht genau, warum. Dann lud ich Suse für den nächsten Morgen zum Kaffee ein.
Emil lag auf seiner Decke neben der Küchenheizung. Als ich mich setzte, stand er auf und kam über den schmalen Läufer zu mir. Seine Nase berührte mein Hosenbein. Ich legte ihm die Hand an die Schulter, und er lehnte sich dagegen.
Ich erinnerte mich an unseren ersten gemeinsamen Abend. Damals hatte ich jedes Möbelstück mit den Augen abgemessen und war hinter ihm hergelaufen, bereit, ihn vor allem zu bewahren. Er hatte schließlich angehalten und sich gesetzt. Erst als ich auch sitzen blieb, war er weitergegangen.
Später hatte ich gelernt, wann ich ihm helfen musste und wann ich ihm Zeit lassen konnte. Beim Wassernapf schmatzte er. Die linke Ecke seines Körbchens grub er jeden Abend um. Wenn ich zu lange telefonierte, seufzte er hörbar.
Nun schnupperte er an meinem Ärmel, fand dort nichts Interessantes und ging zurück zur Heizung.
Ich holte einen Schreibblock aus der Schublade. Oben schrieb ich das Datum hin. Darunter: Ich war heute bei Ihnen zu Gast.
Dann blieb der Stift lange auf dem Papier stehen.
4. Der Mann mit dem roten Heft
Am nächsten Vormittag saß Suse am Küchentisch und las meinen ersten Entwurf. Emil schlief neben uns. Zwischen Zuckerdose und Brotkorb lagen drei zerknüllte Blätter.
„Hier entschuldigst du dich“, sagte sie.
„Wo?“
Sie tippte auf einen Satz. Ich hatte geschrieben, ich verstünde natürlich, dass ein älterer Hund nicht jedem angenehm sei.
Ich zog das Blatt zu mir und strich die Zeile durch. Das Papier riss ein wenig.
In diesem Moment klingelte es. Unten stand ein Mann mit einem roten Heft in der Hand. Ich erkannte den braunen Cordmantel. Er hatte im Café neben dem Bücherregal gesessen.
„Mein Name ist Georg“, sagte er durch die Sprechanlage. „Ihre Nachbarin hat mich gerade vor dem Haus getroffen. Sie meinte, ich könne fragen, ob Sie mit mir sprechen möchten.“
Ich sah Suse an. Sie hob beide Hände. „Ich habe ihm nur gesagt, dass ich dich kenne.“
Ich ließ ihn herauf. Georg blieb im Türrahmen stehen, bis ich ihn hereinbat. Er war etwa Anfang sechzig und hielt das Heft so fest, dass sich der weiche Einband bog.
„Ich habe gestern alles gehört“, sagte er.
„Das haben einige.“
Er nickte. „Ja.“
Ich wartete auf eine Erklärung. Er setzte sich nicht.
„Ich dachte zuerst, der Besitzer würde gleich merken, wie er klingt. Dann waren Sie schon an der Tür. Ich habe trotzdem nichts gesagt.“
Meine erste Regung war, ihm die Peinlichkeit abzunehmen. Ich hätte beinahe gesagt, das sei doch verständlich. Stattdessen fragte ich: „Warum kommen Sie heute?“
Er hielt mir das Heft hin. „Ich habe aufgeschrieben, woran ich mich erinnere. Sie können es lesen. Wenn Sie nichts damit anfangen möchten, nehme ich es wieder mit.“
Seine Schrift war klein und ordentlich. Datum, ungefähre Uhrzeit, der Tisch am Fenster. Auch der Satz über Emils Augen stand dort.
Ich las alles zweimal. Dann bot ich ihm einen Stuhl an.
„Ich will keine große Sache im Internet“, sagte ich.
„Das entscheide ich nicht“, antwortete Georg.
Er ließ mir eine unterschriebene Abschrift da und schrieb seine Telefonnummer darunter. Erst als er den Stift weglegte, merkte ich, dass ich nicht mehr versuchte, mich an jede Bewegung im Café zu erinnern. Jemand anderes hatte es ebenfalls gesehen.
Wir formulierten den Brief neu. Suse goss Kaffee nach, Georg sagte nur etwas, wenn ich ihn nach einem Detail fragte.
Ich schrieb, dass ich bezahlt hatte und ohne meinen Kaffee gegangen war. Ich schrieb, was der Besitzer über Emil gesagt hatte. Zum Schluss verlangte ich eine Rückzahlung und eine persönliche Antwort darauf, welche Regel dort tatsächlich für Gäste mit Hunden galt.
Die letzte Zeile lautete: Ich möchte darüber sprechen können, ohne dass Sie über meinen Hund hinwegsehen oder für mich entscheiden, was ich mir leisten kann.
Ich unterschrieb mit meinem ganzen Namen. Dann strich ich den Brief glatt, als läge ein Stück Stoff vor mir, das nun endlich zugeschnitten werden konnte.
5. Drei Tage ohne Antwort
Den Brief warf ich selbst ein. Emil blieb an diesem Vormittag bei Suse. Vor dem Café holte ich den Umschlag zweimal aus meiner Tasche, bevor ich ihn durch den Briefschlitz schob.
Auf dem Heimweg kaufte ich Brot. Die Verkäuferin fragte, ob ich es geschnitten haben wolle. Ich sagte ja und merkte erst draußen, wie erleichternd eine Frage sein konnte, auf die es eine einfache Antwort gab.
Am ersten Tag kam nichts. Am zweiten auch nicht.
Am dritten räumte ich meine Nähschublade auf. Darin lagen noch Preisschilder aus dem Laden, eine Dose mit Druckknöpfen und ein kleines Maßbuch. Auf der letzten beschriebenen Seite stand eine Hose, die ich nie mehr geändert hatte, weil ihre Besitzerin sie nicht abgeholt hatte.
Ich hatte den Laden vor einem Jahr geschlossen. Danach war mein Telefon stiller geworden. An manchen Tagen hatte ich das angenehm gefunden. An anderen hatte ich mich dabei ertappt, die Post besonders spät zu holen, damit am Nachmittag noch etwas bevorstand.
Suse kam mit einem losen Mantelknopf vorbei. Sie legte den Mantel auf den Tisch und fragte, was ich dafür haben wollte.
„Für einen Knopf doch nichts.“
„Dann bringe ich Brötchen mit, während du nähst.“
Wir einigten uns auf zwei, weil vier angeblich immer hart wurden. Während ich den Faden einfädelte, erzählte sie von einem Lesenachmittag im kleinen Nachbarschaftsraum. Eine Besucherin konnte seit Wochen nicht kommen, weil ihr die wenigen Stufen am Eingang zu beschwerlich waren.
„Wir suchen noch eine andere Lösung“, sagte Suse. „Und ich wollte dich ohnehin fragen, ob du einmal mitkommst.“
„Mit Emil?“
Sie sah mich an. „Ich frage vorher nach.“
Ich nickte. Das war eine sachliche Antwort, mit der ich etwas anfangen konnte.
Am Abend rief eine unbekannte Nummer an. Ich ließ sie ausklingeln. Auf der Nachricht nannte ein Mann seinen Namen: Ralf, der Besitzer des Cafés. Er bat um ein Gespräch.
Ich hörte die Nachricht dreimal ab. Dann rief ich zurück.
Er schlug den nächsten Morgen vor, eine halbe Stunde vor der Öffnung.
„Ich bringe Emil mit“, sagte ich.
Eine kleine Pause. „Ja.“
„Und Herrn Georg. Er war an dem Tag da.“
Diesmal dauerte die Pause länger. Dann stimmte er zu.
Nachdem ich aufgelegt hatte, legte ich meine Kleider auf den Stuhl. Den dunkelgrauen Mantel, den pflaumenfarbenen Schal. Ich dachte kurz daran, eine andere Tasche zu nehmen, eine, die weniger abgetragen aussah. Dann stellte ich meine beige Stofftasche daneben.
Am nächsten Morgen wollte ich wissen, ob ich ernst genommen wurde, wenn ich genauso aussah wie beim ersten Mal.
Emil lag quer auf meiner Hausschuhspitze. Ich bat ihn aufzustehen, weil ich zum Wasserkocher wollte. Er brauchte einen Moment, erhob sich dann mit einem langen Strecken und stellte sich wieder mitten in den Weg. Ich musste lachen und wartete, bis er mit seinem morgendlichen Schnuppern fertig war.
6. Diesmal blieb ich sitzen
Georg wartete vor dem Café. Er fragte nicht, ob ich bereit sei. Er hielt mir nur die Tür auf.
Drinnen waren die Stühle noch auf einigen Tischen gestapelt. Der junge Mitarbeiter vom ersten Nachmittag räumte sie herunter. Als er mich sah, stellte er den Stuhl in seiner Hand vorsichtig ab.
Ralf kam aus dem hinteren Raum. Ohne das Geräusch der Kaffeemaschine wirkte das Café größer und kühler.
„Danke, dass Sie gekommen sind.“
Ich nickte und ging zum Fenstertisch. Bevor ich mich setzte, legte ich Emils Decke unter den Tisch. Ich sprach ihn an, stellte ihn behutsam darauf und ließ ihn an meiner Hand schnuppern. Dann nahm ich Platz.
Ralf schob mir einen Umschlag hin.
„Ihr Geld.“
Ich ließ ihn zunächst liegen.
„Ich möchte erst Ihre Antwort hören.“
Er sah zu Georg, dann wieder zu mir. „Das war ein sehr voller Tag. Wir hatten Beschwerden wegen anderer Hunde, und ich war mit der Bestellung im Rückstand.“
Ich spürte, wie meine Hände unter dem Tisch ineinandergriffen.
„Emil hatte nichts davon verursacht.“
„Nein.“
„Und ich auch nicht.“
Ralf senkte den Blick. „Nein.“
Ich wartete. Hinter der Theke klappte eine Schublade zu.
„Ich habe etwas Gemeines gesagt“, sagte er schließlich. „Über Ihren Hund. Und ich habe Sie hinausgeschickt, nachdem Sie bezahlt hatten. Dafür entschuldige ich mich.“
Ich betrachtete die kleine Schramme im Tisch. Beim ersten Besuch hatte meine Untertasse genau dort gestanden.
„Welche Regel gilt denn nun?“
Er erklärte, dass Hunde im Gastraum willkommen seien, solange sie bei ihren Menschen blieben und die Wege frei hielten. Einen Mindestverzehr gebe es nicht.
„Dann hätte ich bleiben können.“
„Ja.“
Der junge Mitarbeiter kam näher. „Ich hätte etwas sagen müssen“, sagte er.
Ich schaute ihn an. „Wenn so etwas noch einmal passiert, wäre das gut.“
Er nickte. Ich fragte ihn nach seinem Namen. Jonas. Diesmal merkte ich ihn mir.
Ralf bot uns Frühstück an. Ich lehnte ab. Nicht scharf, aber bestimmt. Ich wollte nach diesem Gespräch nach Hause gehen und in meiner eigenen Küche sitzen.
„Sie müssen mir heute nichts schenken“, sagte ich. „Schreiben Sie Ihre Regeln so auf, dass auch Ihr Mitarbeiter sich darauf verlassen kann.“
Ralf holte einen Block. Wir sprachen über den Platz für Decken und darüber, dass die Tür frei bleiben musste. Ich erklärte ihm, dass ich Emil in einer fremden Umgebung nicht einfach zwischen Stuhlbeinen herumlaufen ließ.
Georg sagte während des Gesprächs kaum etwas. Als wir aufstanden, zog er nur seinen Stuhl wieder heran.
Ich steckte den Umschlag ein. Ralf fragte, ob ich seine Entschuldigung annehmen könne.
„Ich habe sie gehört“, sagte ich. „Mehr kann ich Ihnen heute noch nicht sagen.“
Draußen wartete Georg, während ich Emil auf den Arm nahm. Mein Herz schlug schnell. Ich war froh, dass das Gespräch vorbei war, und zugleich froh, dass ich es geführt hatte.
„Möchten Sie ein Stück allein gehen?“, fragte Georg.
„Ja, danke.“
Er verabschiedete sich. Ich blieb noch einen Augenblick stehen und lockerte den Schal, den ich den ganzen Morgen zu fest gebunden hatte.
7. Ein Platz unter dem Lesetisch
Zwei Wochen später nahm mich Suse zum Lesenachmittag mit. Sie hatte vorher mit der Organisatorin gesprochen. Emil durfte kommen; wir sollten den Tisch neben dem niedrigen Bücherregal nehmen, abseits des Durchgangs.
Ich kam zehn Minuten zu früh. In meiner Tasche lagen seine Decke, der Napf und ein Buch, das ich seit Monaten zurückgeben wollte. Suse trug eine Dose Kekse.
Der Raum roch nach Papier und frisch gewischtem Boden. Jemand hatte sechs verschiedene Tassen auf ein Tablett gestellt. Die Organisatorin zeigte mir den Tisch, dann ließ sie uns in Ruhe ankommen.
Ich breitete die Decke aus. Emil schnupperte an der Tischkante und setzte sich dicht neben meinen Schuh. Die rote Leine lag in meiner Hand.
Als die anderen eintrafen, hob er bei jeder neuen Stimme kurz den Kopf. Ich nannte ihm leise die Namen, obwohl sie ihm nichts sagen konnten. Vielleicht tat ich es auch für mich.
Eine Frau mit einem hellblauen Ordner fragte, ob sie ihn streicheln dürfe.
„Im Moment lieber nicht“, sagte ich. „Er schaut sich gerade auf seine Weise um.“
Sie zog ihre Hand zurück und setzte sich. Kein beleidigtes Gesicht, keine Erklärung von mir. Wir sprachen über das Buch in ihrem Ordner.
Später las ein Mann eine Seite vor und verlor dabei zweimal die Zeile. Suse bot ihm ihre Lesebrille an, obwohl er längst eine trug. Alle lachten, auch er. Emil legte den Kopf auf die Pfoten.
Als meine Reihe kam, schlug ich mein Buch auf. Meine Stimme klang zunächst so leise, dass die Frau mit dem Ordner ihren Stuhl etwas näher rückte.
„Noch einmal von vorn?“, fragte ich.
„Gern.“
Ich begann erneut. Nach wenigen Sätzen musste ich nicht mehr darüber nachdenken, wie laut ich sprach. Unter dem Tisch berührte Emils Rücken meinen Schuh.
Beim Aufräumen zog die Frau mit dem Ordner eine Strickjacke aus ihrer Tasche. Eine Naht an der Schulter war aufgegangen.
„Suse hat erzählt, dass Sie Schneiderin sind. Darf ich Sie etwas fragen?“
Ich nahm die Jacke und drehte die Naht nach außen. Der Stoff war dünn geworden, aber an der Stelle ließ sich noch etwas machen.
„Bringen Sie beim nächsten Mal passendes Garn mit“, sagte ich. „Dann zeige ich es Ihnen.“
Erst auf dem Heimweg bemerkte ich, dass ich vom nächsten Mal gesprochen hatte.
Vor unserem Haus setzte ich Emil auf den trockenen Gehweg. An der Leine ließ ich ihn die wenigen Schritte bis zur Tür gehen. Er untersuchte ausgiebig einen Blumentopf, den Suse für völlig uninteressant hielt.
Ich wartete.
Später schrieb Mira, wie der Nachmittag gewesen sei. Ich schickte ihr ein Foto vom leeren Lesetisch und unserer zusammengerollten Decke.
Sie antwortete: Sieht nach einem guten Platz aus.
Ich schrieb zurück: War es auch.
Dann setzte ich mich an den Küchentisch und suchte eine stumpfe Nadel heraus, mit der sich die Strickjacke beim nächsten Treffen gut ausbessern ließ.
8. Ein kleiner Kaffee
Im November führte mich mein Weg wieder am Café vorbei. Die Scheibe war beschlagen. Auf der Tafel neben der Tür standen Öffnungszeiten und darunter einige kurze Regeln für Gäste mit Hunden. Ich blieb stehen und las sie.
Niemand hatte mich aufgefordert zurückzukommen. Ralf hatte nach unserem Gespräch auch nicht angerufen. Ich war froh darüber. So konnte ich an diesem Vormittag selbst entscheiden, ob ich hineinging.
Emil lag in meinem Arm. Sein gelber Pullover hatte am Bündchen eine Stelle, die ich am Vorabend ausgebessert hatte. Ich strich sie mit dem Daumen glatt.
Dann öffnete ich die Tür.
Jonas stand hinter der Theke. Er erkannte uns und lächelte kurz, ohne den ganzen Raum darauf aufmerksam zu machen.
„Guten Morgen. Was darf es sein?“
„Ein kleiner Kaffee.“
„Gern.“
Ich bezahlte und setzte mich ans Fenster.
Diesmal stellte ich meine Tasche auf den freien Stuhl und holte die Decke heraus, ohne mich zu beeilen. Emil ließ sich neben meinen Schuhen nieder. Vom Nachbartisch schob jemand eine Tasche aus dem Durchgang.
Ralf kam mit einer Kiste aus dem hinteren Raum. Als er mich bemerkte, blieb er kurz stehen.
„Guten Morgen“, sagte er.
Ich erwiderte den Gruß. Er trug die Kiste weiter.
Ich war noch immer aufmerksam. Jede Bewegung an unserem Tisch nahm ich wahr. Als Jonas die Tasse brachte, zog sich mein Bauch für einen Moment zusammen. Dann stellte er die Untertasse ab und fragte, ob ich Zucker brauche.
„Nein, danke.“
Ich nahm einen Schluck. Draußen hielt der Bus, und eine Frau rannte mit offenem Mantel zur hinteren Tür. Ich sah ihr nach, bis sie eingestiegen war.
Als mein Kaffee zur Hälfte leer war, holte ich das Buch aus der Tasche. Ich las zwei Seiten. Dann noch eine.
Eine Woche später saß ich wieder im Nachbarschaftsraum, diesmal früher als Suse. Die Frau mit dem hellblauen Ordner hatte das passende Garn gefunden. Wir rückten unsere Stühle nebeneinander, und ich zeigte ihr, wie sie die offenen Maschen aufnehmen konnte.
„So langsam?“, fragte sie.
„Für den Anfang ist langsam gut.“
Emil lag auf seiner Decke unter dem Tisch. Als im Flur etwas polterte, hob er den Kopf. Ich sagte seinen Namen. Er hörte einen Augenblick zu und legte sich wieder hin.
Die Frau setzte den nächsten Stich. Er wurde etwas zu groß. Sie wollte den Faden schon herausziehen, aber ich bat sie, erst noch einen zu versuchen. Diesmal gelang es besser.
Als Suse mit der Keksdose kam, saßen wir noch immer über der kleinen Naht. Ich stellte ihr einen Stuhl hin, zog meine Tasche aus dem Weg und schenkte Kaffee ein.
Unter dem Tisch streckte Emil die Hinterbeine aus. Ich rückte meinen Fuß ein wenig zur Seite, damit er Platz hatte, und beugte mich wieder über die Strickjacke.
Abschließend
Ich denke manchmal noch an die Tasse, die hinter der Glastür stehen blieb. Auch daran, wie lange ich am Küchentisch für den ersten Satz meines Briefes brauchte. Inzwischen liegt der Brief zusammen mit der Antwort in einer Schublade. Emils Decke hängt griffbereit neben meinem Mantel. Wenn wir ausgehen, nehme ich sie mit.