Der Bär mit der Katze auf dem Schoß

Schlagwörter: #story #tiergeschichte #fiktion #schwarzbaer #katze #familie #abschied

Lena Müller, Köchin und Rezeptentwicklerin bei Epische Rezepte
Vom Epische Rezepte Team Lena Müller
Zuletzt aktualisiert am 15.10.2026
Fiktionale Illustration: Ein Schwarzbär sitzt mit der schwarz-weißen Katze Knopf auf dem Gartensofa; Mara sieht ihn aus dem Haus. Merken
Fiktionale Illustration: Ein Schwarzbär sitzt mit der schwarz-weißen Katze Knopf auf dem Gartensofa; Mara sieht ihn aus dem Haus.

Diese Geschichte ist Fiktion. Für die zugelieferte Anekdote ließ sich bei der Recherche keine belastbare Originalquelle mit überprüfbarem Ort, Datum und Bildherkunft finden. Mara, Jule, Knopf und sämtliche erzählten Ereignisse sind erfunden. Die ungewöhnliche Begegnung bildet den Ausgangspunkt einer eigenständigen Erzählung; sie beschreibt keinen üblichen oder sicheren Umgang zwischen Haustieren und Wildbären.

1. Die Tasse in der Luft

Mara hielt die Tasse so lange über dem Karton, dass ihr der Henkel in den Finger schnitt. Draußen gab das Gartensofa einen Laut von sich, ein kurzes Knacken, wie immer, wenn sich jemand auf die linke Seite setzte. Sie sah durch die Küche zur Terrasse. Auf dem Sofa saß ein Schwarzbär. Seine Hinterbeine lagen vor dem grünen Polster, eine Vorderpfote ruhte neben dem verblichenen senfgelben Kissen. Auf seinem Schoß lag Knopf.

Zuerst erkannte Mara nur die weißen Vorderpfoten ihrer Katze. Dann den schmalen hellen Streifen über der Nase. Knopfs schwarzer Rücken hob sich kaum vom Fell des Bären ab. Die Katze hatte den Kopf seitlich abgelegt, genau wie abends, wenn Mara auf dem Wohnzimmerstuhl saß und eigentlich noch aufstehen wollte. Mara stellte die Tasse auf die Arbeitsplatte. Sie verfehlte die freie Stelle, traf einen Löffel und hielt sofort die Hand darüber, als könnte sie das Klirren wieder einfangen.

Die Terrassentür war geschlossen. Mara sah den querstehenden Griff, prüfte ihn mit den Augen ein zweites Mal und ging einen Schritt zurück. Zwischen ihr und dem Sofa lagen die Tür, ein Streifen Holzdeck und etwas, das sie nicht einschätzen konnte. Der Bär bewegte den Kopf. Knopf blieb liegen. Mara verspürte den dringenden Wunsch, der Katze ihren Namen zu sagen. Sie presste die Lippen zusammen. In diesem Garten hatte ein gerufenes Wort bisher gereicht, um etwas in Ordnung zu bringen: Jule vom Schuppen zurückholen, Paul zum Essen bitten, Knopf von den frisch bepflanzten Kästen verscheuchen.

Jetzt stand sie hinter einem halb gepackten Haus und konnte keine dieser vertrauten Bewegungen benutzen. Auf dem Küchentisch lag der Umschlag für die Schlüsselübergabe. Am Montag würden andere Menschen hier ihre Einkäufe abstellen. Die Tasse in ihrer Hand hatte sie eben noch dem Karton mit der Aufschrift VERSCHENKEN zuordnen wollen. Sie hatte einen feinen Sprung am Rand. Paul hatte daraus getrunken, solange Mara denken konnte.

Oben knarrte eine Diele. Jule war wach. Sie war am Vorabend gekommen, mit einem Rucksack, zwei freien Tagen und der Bereitschaft, schwere Dinge zu tragen. Beim Abendessen hatten sie über den Mietwagen gesprochen, über Schrauben und die Maße des neuen Flurs. Danach war Jule in ihr altes Zimmer gegangen. Mara hatte noch bis Mitternacht Küchenschubladen geleert. Jetzt stand ein Bär auf ihrer Terrasse nicht einmal auf, sondern saß dort, als habe der letzte Morgen in diesem Haus eine ganz andere Verwendung gefunden. Mara suchte ihr Telefon. Es lag unter einer Rolle Packpapier. Als sie es hervorholte, sah sie, dass ihre Hände zitterten.

Mara telefoniert in der Küche, während draußen der Schwarzbär mit Knopf auf dem Schoß sitzt. Fiktionale Illustration.
Mara telefoniert in der Küche, während draußen der Schwarzbär mit Knopf auf dem Schoß sitzt. Fiktionale Illustration.

2. Was sich sagen ließ

Die Nummer der örtlichen Wildtierstelle stand auf einer Karte neben dem Sicherungskasten. Paul hatte sie vor Jahren dort befestigt. Mara nahm die Karte ab, riss dabei eine Ecke ein und wählte. Während sie wartete, blieb ihr Blick am Rand des Küchenfensters. Von dort konnte sie das Sofa sehen, ohne unmittelbar an der Terrassentür zu stehen. Der Bär hatte eine rundliche Schnauze. Das schwarze Fell lag an einer Schulter in einer anderen Richtung. Mara bemerkte solche Einzelheiten mit einer Schärfe, die ihr beinahe ungehörig vorkam.

Als jemand antwortete, nannte sie zuerst die Adresse. Dann sagte sie: „Ein Bär ist auf meiner Terrasse.“ Eine Pause. „Meine Katze ist bei ihm.“ Sie musste den nächsten Satz neu anfangen. „Sie liegt auf seinem Schoß.“ Die Mitarbeiterin fragte nach dem Standort der Menschen, den Türen und dem Garten. Mara antwortete möglichst genau. Sie sagte nicht, der Bär sei friedlich. Sie wusste nur, dass er im Augenblick saß.

Die Mitarbeiterin nahm die Meldung auf und kündigte Unterstützung an. Mara sollte im Haus bleiben und auf weitere Rückmeldung warten. Das Telefonat gab der Situation keinen guten Ausgang. Es gab ihr aber eine Reihenfolge. Adresse nennen. Fragen beantworten. Erreichbar bleiben. Mara legte das Telefon neben die Tasse und rief leise ins Treppenhaus: „Jule, komm bitte runter.“ Ihre Tochter erschien mit zerzausten Haaren und dem blauen Sweatshirt, das sie schon am Vorabend getragen hatte. „Was ist?“ Mara zeigte nicht auf die Tür. Sie sagte es ihr.

Jule blieb auf der untersten Stufe stehen. „Auf seinem Schoß?“ „Ja.“ „Knopf?“ Mara nickte. Jule kam in die Küche, sah aus dem seitlichen Fenster und zog hörbar Luft ein. Dann wandte sie sich sofort zu ihrer Mutter. „Hast du jemanden angerufen?“ Mara deutete auf das Telefon. Ihre Tochter schob einen gepackten Karton vom Boden weg und stellte einen Stuhl an die innere Wand.

Mara setzte sich nicht. Sie dachte an den Vorabend, an die lange offene Terrassentür, während sie die Blumenkübel hereingeholt hatte. Später hatte sie Knopf nicht mehr gesehen und angenommen, die Katze liege oben zwischen Jules Sachen. Jule war von demselben Gedanken ausgegangen, nur mit einem anderen Zimmer. Niemand hatte nachgeprüft. „Ich habe gedacht, sie wäre bei dir“, sagte Mara. „Ich dachte, bei dir.“ Beide schwiegen. Draußen hob Knopf eine weiße Pfote und legte sie wieder ab. Es war eine winzige Bewegung, die Mara bis in die Knie spürte.

3. Zwei Stühle an der Wand

Jule brachte einen zweiten Stuhl. Sie stellte ihn neben den ersten, mit einem kleinen Abstand dazwischen, den Mara bemerkte, ohne etwas darüber zu sagen. Auf dem Tisch lag ein dicker schwarzer Filzstift. Jule nahm ihn und schrieb die Uhrzeit der Meldung auf die Rückseite einer Umzugsliste. Darunter die Nummer, von der ein Rückruf kommen konnte. Ihr Schriftbild war schmaler geworden. Früher hatte sie Buchstaben gemalt, jeder einzelne mit Platz um sich herum.

„Willst du Wasser?“ fragte sie. Mara schüttelte den Kopf. Jule füllte trotzdem zwei Gläser und stellte eines neben den Stuhl. Dann warteten sie. Das Haus machte seine gewöhnlichen Geräusche. Der Kühlschrank schaltete sich ein. Ein Rohr knackte. Von oben fiel irgendwo etwas Leichtes zu Boden, vermutlich eine Jacke, die Jule über den Bettpfosten geworfen hatte. Nur der Blick nach draußen passte zu keinem davon.

„Die Transportbox ist schon im Auto“, sagte Jule irgendwann. Mara drehte den Kopf. „Welche?“ „Die von Knopf. Ich habe sie gestern eingeladen.“ „Warum?“ Jule sah sie an. „Weil sie doch mit zu mir kommt.“ Mara hatte davon gesprochen, dass Knopf während des Umzugs vielleicht ein paar Tage bei Jule bleiben könnte. Sie erinnerte sich an das Telefonat: Der Handwerker hatte an der Haustür geklingelt, Mara hatte den Satz abgebrochen, Jule hatte noch etwas gefragt. Danach war kein weiteres Gespräch darüber geführt worden.

„Für eine Weile“, sagte Mara. Jule strich mit dem Daumen über die Kante der Liste. „Du hast gesagt, in der neuen Wohnung sei alles zu eng und du wüsstest noch nicht, wo ihre Sachen hinpassen.“ „Das heißt doch nicht, dass ich sie weggebe.“ „Das habe ich auch nicht gesagt.“ Die Wörter lagen plötzlich dicht zwischen ihnen. Mara schaute wieder zum Fenster. Knopf hatte die Augen offen. Ihr Kopf blieb auf dem Fell liegen.

„Wir müssen das jetzt nicht besprechen“, sagte Mara. Jule schob ihren Stuhl ein kleines Stück zurück. „Stimmt.“ Es war der Ton vom Vorabend, als Mara gefragt hatte, ob Jule wirklich beide Tage bleiben müsse. Derselbe Ton wie bei den Telefonaten, in denen ihre Tochter ein Angebot machte und Mara bereits die Mühe dahinter hörte. Sie wollte erklären, dass sie niemandem den Sonntag nehmen wollte. Doch Jule war längst aufgestanden und räumte die Scherben einer alten Untertasse in einen Papierbeutel. Die Untertasse war beim Packen zerbrochen, Stunden bevor draußen etwas geschehen war. Mara beobachtete, wie vorsichtig ihre Tochter selbst die kleinen Stücke aufhob. „Du kannst dich auch setzen“, sagte sie. Jule antwortete: „Ich weiß.“

Mara und Jule warten zwischen Umzugskartons; durch die geschlossene Tür sind Bär und Katze auf dem Sofa sichtbar.
Mara und Jule warten zwischen Umzugskartons; durch die geschlossene Tür sind Bär und Katze auf dem Sofa sichtbar.

4. Der Karton mit den falschen Wörtern

Das Telefon vibrierte auf dem Tisch. Mara nahm so hastig ab, dass sie zunächst auf die falsche Stelle drückte. Jule deutete stumm auf den Bildschirm. Die Mitarbeiterin meldete sich wieder. Fachkräfte seien unterwegs; Mara beschrieb, was sie vom Fenster aus erkennen konnte. Der Bär saß noch immer auf dem Sofa. Die Katze war bei ihm. Auf die Frage, ob Futter draußen stehe, sagte Mara nein. Dann fügte sie hinzu: „Soweit ich weiß.“ Sie wollte keine Gewissheit behaupten, die sie nicht hatte.

Nachdem das Gespräch beendet war, setzte sie sich endlich. Ihre Knie fühlten sich an, als hätte sie lange auf einer Leiter gestanden. Jule schob ihr das Wasserglas hin. Mara trank. Das Wasser schmeckte nach der Leitung und dem Glasrand, nach etwas, das weder schlimm noch gut war und deshalb für einen Augenblick half.

Neben Jules Stuhl stand der Karton mit den Bettdecken. Mara hatte PAUL daraufgeschrieben. Darunter, später und kleiner: SPENDEN. Jule folgte ihrem Blick. „Die grüne wollte ich eigentlich haben.“ „Dann nimm sie.“ „Du hast gesagt, sie wären schon versprochen.“ „Sind sie nicht.“ Jule beugte sich über den Karton, öffnete eine Lasche und fuhr mit der Hand über den Stoff. Die Decke war an einer Ecke dünn geworden. Paul hatte sie beim Lesen immer unter seinen Fuß geklemmt. Seit seinem Tod vor anderthalb Jahren hatte Mara sie gewaschen, gefaltet und in einem Schrank liegen lassen, den sie nicht mehr öffnete.

„Du musst mir nicht alles abnehmen“, sagte Mara. Jule ließ die Lasche los. „Ich möchte eine Decke.“ Mara hörte ihren eigenen Satz nach. Wie groß er gewesen war gegenüber dieser kleinen Bitte. Jule zog die Decke heraus und legte sie auf ihren Schoß, ohne sich darin einzuwickeln. Dann sagte sie: „Manchmal weiß ich nicht, ob ich hier noch etwas wollen darf.“

Mara sah auf den schwarzen Filzstift. Sie hatte an den letzten Abenden alles beschriftet. Küche. Bücher. Winter. Weg. Mit jedem Wort war etwas leichter zu tragen geworden. Nur Jule hatte sie keine Frage gestellt. „Ich dachte, es wäre einfacher, wenn ich die Entscheidungen schon getroffen habe“, sagte sie. „Für wen?“ Mara öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Draußen schob der Bär eine Pfote über das Polster. Das Sofa knarrte. Beide Frauen richteten sich auf. Knopf blieb an derselben Stelle, aber ihr Kopf war jetzt erhoben. Jule hielt die Decke fest. Mara bemerkte zum ersten Mal an diesem Morgen, dass auch ihre Tochter Angst hatte. Bis dahin hatte sie deren ruhige Hände für etwas gehalten, das Jule einfach besaß.

5. Die Bewegung

Knopf stand auf. Es begann mit dem Rücken, der sich aus dem schwarzen Fell löste. Dann erschienen die weißen Vorderpfoten nebeneinander. Mara ging bis zu ihrem Platz am Seitenfenster und blieb dort. Jule folgte ihr nicht ganz; sie konnte über Maras Schulter sehen. Die Katze setzte eine Pfote auf den oberen Rand des Bärenbeins. Ihr Schwanz hing zunächst gerade herunter. Der Bär wandte den Kopf. Mara spürte, wie sich ihre Finger um den Fensterrahmen schließen wollten, und nahm die Hand weg.

Knopf streckte sich nicht, wie Mara es von ihr kannte. Sie verharrte, schmal und aufmerksam, und drehte ein Ohr. Zwischen dem Sofa und dem Terrassengeländer lagen vielleicht drei Katzenlängen. Mara sah jede davon, als müsste sie sie nachher auswendig aufsagen. Jule flüsterte: „Bitte.“ Sie sagte es so leise, dass Mara nicht wusste, wem es galt.

Für einen Augenblick dachte Mara an die Tür. Nicht als überlegten Entschluss. Eher als Muskelbewegung, die sich ankündigte: hingehen, Griff anfassen, die Katze holen. Sie blieb stehen. Jule legte ihre Hand auf Maras Unterarm. Kein Festhalten, nur eine Berührung. „Ich bin hier“, sagte sie. Mara nickte, ohne den Blick von draußen zu nehmen. Knopf setzte die zweite Vorderpfote nach. Dann stand sie auf der hölzernen Armlehne. Ihr Hinterkörper war noch nah am Bären. Dieser hob die Schnauze und roch in die Luft. Mara wusste nicht, was er wahrnahm. Sie wusste nicht einmal, ob er auf die Katze reagierte.

Knopf sprang. Ein kurzer schwarzer Bogen, zwei helle Pfoten, dann war sie hinter der Sofakante verschwunden. Mara zuckte zurück. Jule sagte ihren Namen. Beide warteten auf ein Geräusch. Es kam keines, das ihnen etwas erklärte. Unter dem Sofa lag Schatten. Die Katze war darin nicht zu sehen.

Der Bär stellte die Vorderpfoten auf die Terrassendielen und erhob sich. Ohne die Haltung auf dem Sofa war er wieder ein Tier, dessen Körper viel Raum einnahm. Das Polster hob sich langsam aus der Vertiefung. Mara griff zum Telefon und meldete die Veränderung. Während sie sprach, ging der Bär zwei Schritte. Dann blieb er stehen. „Ich sehe die Katze nicht mehr“, sagte sie. Ihre Stimme brach am letzten Wort. Jule nahm die Umzugsliste und schrieb die neue Uhrzeit darunter. Danach legte sie den Stift weg. Mara reichte ihr nicht das Telefon; sie hielt es selbst. Aber sie lehnte ihre freie Schulter an Jules. Ihre Tochter wich nicht aus.

Knopf steigt vom Schoß des Schwarzbären auf die Armlehne. Hinter der geschlossenen Tür berührt Jule Maras Unterarm.
Knopf steigt vom Schoß des Schwarzbären auf die Armlehne. Hinter der geschlossenen Tür berührt Jule Maras Unterarm.

6. Unter dem Sofa

Der Bär ging zum Rand der Terrasse. Dort standen noch die leeren Blumenkästen, ineinander gestapelt, und ein Besen, den Mara am Vortag vergessen hatte. Er blieb neben ihnen stehen. Mara konnte nur einen Teil seines Kopfes sehen. Sie dachte an den schmalen Gartenweg, der zwischen zwei Bäumen in das Waldstück hinter den Grundstücken führte. Niemand war draußen auf diesem Weg. Vom Haus aus beobachteten sie, wie der Bär weiterging, eine Stufe hinunter, über die feuchte Erde, bis sein Körper zwischen den Stämmen verschwand.

Mara machte einen halben Schritt zur Terrassentür und hielt an. Jule hatte nichts gesagt. Das Telefon lag noch in Maras Hand. Sie meldete, dass der Bär aus ihrem Blickfeld verschwunden war. Von der Katze konnte sie weiterhin nichts erkennen. Dann warteten sie auf die Fachkräfte, die inzwischen an der Straßenseite eingetroffen waren.

Die nächsten Minuten fühlten sich länger an als die ganze Zeit davor. Der Garten sah wieder nach ihrem Garten aus. Genau das machte es schwer. Ein verlassenes Sofa, der Besen, die leeren Kästen: Dinge, zwischen denen sie sonst ohne Nachdenken hindurchging. Jetzt musste sie sich daran erinnern, dass ihr Blick aus dem Haus nur einen Ausschnitt zeigte. Jule hielt das zweite Telefon bereit, damit die Verbindung zur Mitarbeiterin nicht abbrach. Mara nahm einen Schluck Wasser und verschluckte sich beinahe, weil sie dabei weiter nach draußen sah.

Dann erschien unter dem Sofa etwas Weißes. Nur ein Streifen, dicht über den Dielen. Mara stellte das Glas ab. Knopfs Nase schob sich aus dem Schatten. Die Katze blieb flach am Boden. Ihre Augen waren offen, die Ohren zur Seite gedreht. „Da“, sagte Mara. Jule beugte sich nicht vor. „Ich sehe sie.“ Mehr sagten sie nicht. Sie mussten einander den Moment nicht erklären.

Die Fachkräfte überprüften die Lage draußen und besprachen mit ihnen das weitere Vorgehen. Erst danach wurde Knopf aus ihrem Versteck geholt. Mara blieb im Haus. Sie sah, wie die Katze zunächst zurückwich, dann wieder hervorkam und schließlich in einer Transportbox gesichert wurde. Die eigene Box war inzwischen aus dem Auto gebracht worden. Als sie in der Küche auf dem Boden stand, ging Mara langsam in die Hocke. Durch das Gitter sah sie Knopfs weiße Pfoten. Sie berührte die Box mit beiden Händen.

„Hallo“, sagte sie. Kein Schimpfen, keine Frage. Knopf drückte die Nase kurz gegen das Gitter und zog sie wieder zurück. Mara saß auf den Fersen, bis Jule ihr ein gefaltetes Handtuch unter die Knie schob. Dann kam das Zittern zurück, stärker als am Anfang. Jule setzte sich neben sie auf den Boden. Sie blieben dort, obwohl in der Küche zwei freie Stühle standen.

Der Schwarzbär geht zum Waldrand, während Knopf unter dem Gartensofa kauert und Mara und Jule im Haus warten.
Der Schwarzbär geht zum Waldrand, während Knopf unter dem Gartensofa kauert und Mara und Jule im Haus warten.

7. Ein Plan für drei

Später brachten sie Knopf in das bereits leer geräumte Schlafzimmer und schlossen die Tür. Dort öffneten sie die Box. Die Katze kam nicht sofort heraus. Mara stellte Wasser hin und setzte sich mit etwas Abstand auf den Boden. Jule holte Knopfs vertraute Decke aus dem Wohnzimmer. Erst als beide still waren, trat die Katze über den Rand der Box. Sie ging zur Decke, roch daran und setzte sich. Mara ließ sie in Ruhe. Zum ersten Mal seit dem Morgen musste sie keine Bewegung gleichzeitig beobachten und fürchten.

Die Fachkräfte hatten ihre Angaben aufgenommen und mit ihnen über das Grundstück gesprochen. Mara machte sich eine Liste für die Dinge, die sie noch prüfen und den neuen Besitzern mitteilen wollte. Sie schrieb sorgfältig. Danach legte sie das Blatt auf den Schlüsselumschlag. Der Montag würde kommen. Sie wollte den Verkauf noch immer. Das überraschte sie beinahe, als müsste ein solcher Morgen jede andere Entscheidung aufheben.

Jule stand am Schlafzimmerfenster. „Was machen wir jetzt mit ihr?“ fragte sie. Mara hätte leicht verstehen können, dass es um diesen Nachmittag ging. Sie wusste aber, dass Jule mehr fragte. „Ich möchte sie bei mir haben“, sagte sie. „In der neuen Wohnung.“ „Gut.“ „Die ersten Tage sind schwierig. Solange die Möbel kommen.“ Jule drehte sich um. „Sie kann zwei Wochen zu mir. Oder länger, wenn wir vorher darüber reden.“ Mara nickte. Knopf putzte eine Vorderpfote. Das kleine kratzende Geräusch ihrer Zunge war im fast leeren Zimmer deutlich zu hören.

„Ich habe Angst davor“, sagte Mara. Jule wartete. „Vor der Wohnung. Dass es dort nach nichts riecht, was ich kenne. Dass ich jeden Abend denke, ich hätte etwas vergessen.“ Sie zog einen Faden vom Teppich, wickelte ihn um den Finger und ließ ihn wieder los. „Und ich habe dir immer nur von den Schränken erzählt.“ Jule setzte sich auf die Fensterbank. „Ich habe gedacht, du willst mit mir nicht darüber sprechen.“

„Ich wollte nicht, dass du dich verantwortlich fühlst.“ „Ich fühle mich verantwortlich, wenn ich nichts weiß und mir alles zusammenreimen muss.“ Mara sah auf. Ihre Tochter klang müde. Dieser Satz kam nicht erst von heute. „Kannst du beim ersten Abend bleiben?“ fragte Mara. Jule antwortete nicht sofort. Sie nahm ihr Telefon, öffnete den Kalender und sah nach. „Am Samstag kann ich bleiben. Sonntag muss ich zurück.“ „Samstag ist gut.“ Es war eine kleine, genaue Verabredung. Mara spürte, wie viel leichter sie anzunehmen war als das unbestimmte Angebot, jederzeit anzurufen. Jule schloss den Kalender. Knopf stand auf, ging an beiden vorbei und legte sich unter das Bettgestell. Sie ließen sie dort.

8. Was mitkam

Am Nachmittag begannen sie wieder zu packen. Jule nahm die grüne Decke mit in ihr Zimmer und verstaute sie oben im Rucksack. Mara sortierte die Tassen neu. Die mit dem feinen Sprung stellte sie beiseite. Sie würde sie nicht mehr zum Trinken benutzen, aber vielleicht passten auf der neuen Fensterbank die Holzlöffel hinein. Auf dem Karton mit den übrigen Decken strich sie Pauls Namen nicht durch. Sie klebte ein neues Etikett daneben und schrieb, was tatsächlich darin lag.

Sie gingen Zimmer für Zimmer durch, diesmal gemeinsam. Jule fragte nach einem gerahmten Druck im Flur. Mara sagte, dass sie ihn gern selbst behalten wollte. Es gab keinen Streit darüber. Bei einer Schachtel mit alten Eintrittskarten wussten beide zunächst nicht weiter. Sie stellten sie auf den Stapel, den sie am nächsten Tag ansehen wollten. Zum ersten Mal bekam auch das Unentschiedene einen Platz.

Das Gartensofa blieb auf der Terrasse. Die Käufer hatten es übernehmen wollen. Mara informierte sie über die Begegnung und die Rückmeldung der Wildtierstelle. Sie beschönigte nichts und erfand keinen Grund, warum der Bär gekommen war. Als sie am Abend vom Küchenfenster aus auf das Polster sah, erkannte sie die Stelle, an der das grüne Gewebe schon vor Jahren ausgeblichen war. Paul hatte dort gelesen, Jule hatte darauf ihre Schulsachen ausgebreitet, Mara hatte im Sommer Bohnen geputzt. Der Bär hatte keinen dieser Plätze übernommen. Er war für eine Weile dort gewesen, und sie wusste nicht, weshalb.

Jule kam mit zwei Scheiben Brot in die Küche. „Mehr finde ich ohne Kartons aufzumachen nicht“, sagte sie. Mara nahm eine. Sie aßen im Stehen, bis Jule mit dem Fuß einen Stuhl heranzog. Dann setzten sie sich. Zwischen ihnen lag die Liste mit den Uhrzeiten. Jule drehte sie um und schrieb auf die leere Seite: SAMSTAG, ERSTER ABEND. Darunter: Lampe. Bettwäsche. Knopfs Decke.

„Und du“, sagte Mara. Jule hob den Blick. „Ich stehe im Kalender.“ Mara musste lachen, kurz und überrascht. Später kam Knopf aus dem Schlafzimmer, nachdem sie die übrigen Räume und Türen gesichert hatten. Die Katze ging unter dem Tisch hindurch, blieb an Jules Schuh hängen und sprang schließlich auf Maras Knie. Mara rückte ihren Stuhl etwas zurück. Knopf drehte sich zweimal und ließ sich nieder. Eine weiße Pfote lag auf Maras dunkler Hose.

Das Gewicht war vertraut. Mara legte die Hand neben die Katze und wartete, bis Knopf den Kopf darunter schob. Jule sammelte die Brotkrümel mit dem Finger auf. Draußen wurde das Gartensofa undeutlich. „Bleibst du noch kurz sitzen?“ fragte Mara. „Ja“, sagte Jule. Sie nahm ihr Telefon vom Tisch und steckte es in die Tasche. Im Haus standen noch immer zu viele Kartons. Für diesen Abend hatten sie genug davon geschlossen.

Abschließend

Mara nahm aus diesem Haus nicht alles mit. Einige Dinge gab sie weiter, andere packte sie ein, über manche wollte sie erst morgen entscheiden. Aber auf der neuen Liste stand jetzt auch ein gemeinsamer Abend. Sie hatte darum gebeten, und Jule hatte zugesagt.

Quellenangaben

Dieser Artikel basiert auf vertrauenswürdigen und geprüften Informationen.

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