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Hinweis zur Einordnung: Die überlieferte Geschichte über Piersicuță ließ sich bei der Recherche nicht unabhängig bestätigen. Die folgende Erzählung ist ausdrücklich Fiktion. Sie greift den Namen und das Motiv einer alten ausgesetzten roten Katze auf; Figuren, Schauplätze, Dialoge und Handlung sind neu erfunden. Die verlinkten Universitätsquellen belegen ausschließlich die gekennzeichneten sachlichen Hinweise zum Umgang mit Katzen.
1. Das Geräusch des Verschlusses
Der Verschluss sprang auf, bevor Mara die Transportbox ganz abgestellt hatte. Ein kurzes metallisches Klacken, dann stand die kleine Gittertür schief. Sie hielt sie mit der Hand fest. Drinnen saß ein alter roter Kater, zusammengedrängt zwischen einer zerknitterten Zeitung und einem Handtuch, dessen Saum sich auflöste. Er sah weder zu ihrer Hand noch zum offenen Spalt. An der Box hing ein Gepäckanhänger. Darauf stand in sorgfältigen Buchstaben: Piersicuță. Unter dem Namen war die Pappe vom Regen weich geworden.
Ein Mitarbeiter brachte eine sichere Ersatzbox. Mara half nur dienstags im Tierheim aus; meistens faltete sie Decken, manchmal nähte sie gerissene Liegekissen. An diesem Nachmittag hatte sie schon ihre Jacke angezogen, als jemand den Kater brachte. Gefunden worden war er an einer Bushaltestelle, in der Box, ohne eine wartende Person daneben. Mehr wusste niemand. Keine Geschichte erklärte, weshalb ein Tier mit einem aufgeschriebenen Namen plötzlich zwischen nassen Fahrplänen und Zigarettenstummeln stand.
Im Aufnahmeraum ging der Kater wenige Schritte bis zur hinteren Wand. Dort blieb er stehen und drückte die Stirn dagegen. Mara hielt die gefaltete Decke noch vor der Brust. Sie wollte seinen Namen sagen, doch ihre Kollegin Nora war bereits an der Tür. »Ich hole sofort die Tierärztin.« Mara legte die Decke ab und trat zurück, damit der Weg frei blieb. Aus dem Flur kam das Rollen eines Wagens. Hinter einer anderen Tür bellte ein Hund zweimal, dann wurde es still.
Die Tierärztin übernahm den Kater. Mara blieb nur die leere Box mit dem kaputten Verschluss. Sie trug sie in die Werkstatt und legte den Gepäckanhänger auf die Fensterbank, damit er trocknen konnte. Ihre Finger rochen nach feuchter Pappe. Als sie später fragte, ob sie noch etwas tun könne, schob Nora ihr eine Tasse hin. »Heute bleibt er bei uns unter Beobachtung.« Mara nickte. Auf dem Heimweg fiel ihr auf, dass sie den Namen noch immer lautlos übte, während sie an jeder roten Ampel wartete.
2. Ein Platz auf Widerruf
In Maras Wohnung stand seit Sonntag ein leeres Bettgestell. Ihre Tochter Jule hatte die Matratze bereits in ihr neues Zimmer gebracht. Zurückgeblieben waren eine verbogene Haarklammer, drei Bücher und ein heller Streifen an der Wand, wo früher ein Regal gehangen hatte. Mara benutzte das Zimmer inzwischen zum Abstellen fertiger Aufträge. Über der Bettkante lagen zwei Hosen auf Bügeln. Auf dem Boden standen Vorhangrollen, die bis zur nächsten Woche gekürzt sein sollten. »Du hast schnell umgeräumt«, hatte Jule gesagt. Mara hatte so getan, als suche sie eine Schere.
Die Schneiderei lag im vorderen Teil derselben Erdgeschosswohnung. Wenn Mara an der großen Maschine saß, konnte sie durch den offenen Durchgang bis zur Küche sehen. Früher hatte Jule dort Schulbrote geschmiert. Jetzt hörte Mara häufiger den Kühlschrank anspringen. Das war zunächst angenehm gewesen. Niemand stellte Taschen auf Stoffballen, niemand fragte mitten in einer kniffligen Naht nach einem Ladekabel. Erst am dritten Abend kochte sie aus Gewohnheit zu viel Reis und stand mit dem Topf zwischen Herd und Spüle, ohne zu wissen, wohin damit.
Als Mara am folgenden Dienstag ins Tierheim kam, hatte Piersicuță einen geschützten Platz mit einer offenen Schlafhöhle bekommen. Er fraß wieder selbstständig kleine Portionen; die Mitarbeitenden führten weiterhin ihre Aufzeichnungen und hielten Rücksprache mit der Tierärztin. Mara setzte sich mit etwas Abstand auf einen Hocker. Der Kater lag so weit hinten, dass nur sein weißes Kinn und eine Vorderpfote zu sehen waren. Nach einer Weile zog er die Pfote ein. Mara bemerkte, wie sehr sie sich eine freundlichere Antwort gewünscht hatte.
»Ich könnte ihn für eine Weile nehmen«, sagte sie später im Büro. Nora fragte nach dem Tagesablauf, den Räumen und Maras Erfahrung. Sie sprachen über Termine, Kosten, Rückmeldungen und darüber, wen Mara anrufen würde, wenn sie unsicher war. Mara hörte sich sagen: »Ich bin ja ohnehin immer zu Hause.« Nora blickte durch die offene Tür zur Wand mit dem Dienstplan. »Zu Hause sein und Zeit haben sind zwei verschiedene Dinge.« Erst als Mara den Pflegebogen vor sich liegen hatte, bemerkte sie den Faden, der noch immer an ihrem Ärmel hing.
3. Die falsche Schublade
Am Samstag kam Jule, um den Rest ihrer Sachen abzuholen. Mara hatte das hintere Zimmer freigeräumt. Ein niedriges Katzenklo stand in der einen Ecke, Wasser und Futter an anderen Stellen, daneben eine Liegehöhle. Die gesicherte Transportbox sollte ebenfalls offen stehen bleiben. Die Tierärztin hatte dem Umzug nach den letzten Kontrollen zugestimmt, und Nora hatte mit Mara die ersten Tage besprochen. Alles sah ordentlicher aus, als Mara sich fühlte. Sie rückte die Wasserschale noch einmal um wenige Zentimeter.
Jule öffnete die unterste Schublade der Kommode und hielt inne. Darin lagen jetzt Handtücher. »Wo sind meine Zeichnungen?« Mara zeigte auf einen Karton neben der Tür. »Da. Ich habe nichts weggeworfen.« Jule kniete sich davor. Sie zog ein Blatt heraus, auf dem ein schiefes Haus mit einem viel zu großen Garten zu sehen war. »Du hättest fragen können.« Mara strich über den Kommodengriff. »Du wolltest doch alles mitnehmen.« Jule antwortete nicht sofort. Aus dem Vorderraum kam das leise Ticken der Wanduhr.
Als Nora Piersicuță brachte, war der Karton noch offen. Jule stand auf und trug ihn hinaus. Mara blieb bei der Box sitzen, nachdem die Tür des Zimmers geschlossen und das Gitter geöffnet war. Der Kater bewegte sich lange nicht. Sein Fell war orange gestreift, die Brust weiß, das linke Ohr am Rand eingekerbt. Schließlich streckte er den Hals vor, roch an der Luft und zog sich wieder zurück. Mara hielt die Hände auf den Knien. Draußen im Hof schlug jemand einen Teppich aus. Bei jedem dumpfen Schlag wurde ihr bewusst, wie viele Geräusche sie hier gewöhnlich überhörte.
Jule kam ohne Karton zurück und setzte sich auf die andere Seite der Tür. »Ich nehme die Zeichnungen heute mit«, sagte sie. »Aber ich möchte nicht, dass du meine Sachen nur von einer Ecke in die andere schiebst, wenn du nicht weißt, wohin damit.« Mara sah zu ihr auf. »Ich dachte, ich mache es dir leichter.« Jule zupfte einen losen Faden von ihrer Tasche. »Mir wäre lieber, du sagst, dass du das Zimmer brauchst.« Mara nickte langsam. Hinter ihnen trat Piersicuță mit einer einzigen Vorderpfote auf den Boden. Beide Frauen blieben sitzen.
4. Dienstag bleibt Dienstag
In den ersten Tagen lernte Mara, wie laut Porzellan auf einem Holzboden klingt. Sie stellte die Futterschale vorsichtiger ab. Sie lernte auch, dass sie von der Tür aus die ganze Schlafhöhle sehen wollte, obwohl Piersicuță darin gerade unsichtbar sein durfte. Also setzte sie sich seitlich an die Wand. Manchmal brachte sie Rechnungen mit und prüfte Zahlen. Wenn sie aufstand, ließ sie den Stuhl an seinem Platz. Der Kater kam meist erst hervor, nachdem sie gegangen war. Sie erkannte es an der leeren Schale und den kleinen Abdrücken im Streu.
Am vierten Abend saß er draußen, als sie eintrat. Er stand nicht auf. Mara blieb an der Tür stehen, bis ihr die Hand am Griff unangenehm wurde. Dann setzte sie sich. Piersicuță sah zum Fenster, hinter dem die Hoflampe einen gelben Kreis auf das Pflaster warf. Ein Blatt klebte an der Scheibe. Mara musste daran denken, dass sie dieses Fenster seit Jahren nur zum Lüften geöffnet hatte. Jetzt hatte jemand offenbar einen Grund, länger davor zu bleiben. Sie rückte die flache Liegestelle ein Stück in seine Nähe, ohne ihn anzufassen.
Am Dienstag rief Nora zur vereinbarten Zeit an. Mara wollte gerade einen Rock abstecken und ließ das Telefon zweimal klingeln. Dann bat sie die Kundin um einen Moment. Sie berichtete, was Piersicuță gefressen hatte, wie er sich bewegte und wann er aus seinem Versteck kam. Nora stellte kurze Fragen. Nach dem Gespräch fragte die Kundin, ob Mara jetzt ein Tierheim betreibe. Sie sagte es lachend. Mara lachte mit, etwas zu schnell. Als die Frau gegangen war, schrieb sie den nächsten Rückruf in ihren Auftragskalender statt auf einen losen Zettel.
Abends kam Jule mit Brot vorbei. Piersicuță lag inzwischen auf der senfgelben Decke neben dem Fenster. Als Jule ihre Tasche abstellte, hob er den Kopf. Sie setzte sich auf den Boden und begann, von ihrer Ausbildung zu erzählen: von einem misslungenen Ausdruck, einer Kollegin mit sechs identischen Kaffeetassen, ihrem ersten eigenen Schreibtisch. Mara lehnte am Türrahmen. Zum ersten Mal seit dem Auszug hörte sie ihrer Tochter zu, ohne nebenbei nach einem Auftrag zu greifen. Nach einer Weile legte der Kater das Kinn auf die Pfoten. Jule sprach leiser weiter.
5. Der offene Auftrag
Der Anruf kam an einem Donnerstag kurz nach acht. Ein Veranstaltungsraum brauchte seine Vorhänge zwei Tage früher zurück. Mara hatte den Auftrag angenommen, als Jules Zimmer noch voller Umzugskartons stand. Sie hatte mit langen, ungestörten Abenden gerechnet. Nun lagen die schweren Stoffbahnen über dem Zuschneidetisch, und auf ihrem Handy standen zwei Rückfragen des Tierheims. Mara sah von einem zum anderen. »Ich versuche es«, sagte sie zum Auftraggeber. Kaum hatte sie aufgelegt, ärgerte sie sich über diesen Satz. Er klang unverbindlich und wurde von anderen doch regelmäßig wie ein Versprechen behandelt.
Sie nähte bis in den Nachmittag. Die große Maschine zog den dicken Stoff mit einem harten, gleichmäßigen Rattern durch. Dazwischen klingelte die Ladentür. Eine Kundin wollte nur schnell etwas abholen, ein Mann brachte eine Jacke, der Paketbote drückte ihr zwei Sendungen für Nachbarn in die Hand. Als Mara endlich in den hinteren Raum ging, stand Piersicuțās Futter fast unberührt da. Er saß wieder tief in seiner Höhle. Sie rief die Tierarztpraxis an, schilderte die Veränderung und vereinbarte nach deren Einschätzung eine Vorstellung noch am selben Tag.
Danach stand sie zwischen Transportbox und Stoffbahnen. Der vereinbarte Termin rückte näher. Die Vorhänge waren erst zur Hälfte fertig. Jule kam gerade zur Tür herein und legte einen Apfel auf den Tisch. »Du hast meine Nachricht nicht gelesen.« Mara zog den Faden aus der Maschine. »Ich kann jetzt nicht auch noch dauernd aufs Telefon sehen.« Jule blieb stehen. Auf dem Display neben der Schere leuchtete ihre unbeantwortete Frage: Soll ich heute mit dem Kater helfen? Mara drückte den Fuß auf das Pedal. Die Maschine ratterte los, schief und viel zu schnell. Sie nahm den Fuß wieder herunter.
»Vielleicht war das eine dumme Idee«, sagte sie. Sie meinte den Pflegeplatz, den Auftrag, den ganzen Tag. Jule sah zur halb offenen Zimmertür. Piersicuță war bis hinter den niedrigen Stuhl gekommen und blieb dort geduckt stehen. »Was genau?«, fragte Jule. Mara setzte sich, obwohl der Stuhl voller Stoff war. Eine schwere Bahn rutschte langsam zu Boden. »Dass ich behauptet habe, ich könnte das alles einfach zusätzlich machen.« Jule hob den Stoff auf und legte ihn auf den Tisch. Dann nahm sie ihre Jacke vom Haken. »Wir müssen zur Praxis. Den Rest besprechen wir danach.«
6. Was für morgen fehlt
Nach dem Praxisbesuch hielt Mara sich an die vereinbarten Kontrollen und Rückmeldungen. Piersicuță blieb zunächst im ruhigen hinteren Zimmer. Jule stellte eine Tasse Tee auf den Küchentisch und setzte sich ihr gegenüber. Mara hatte den Auftragskalender mitgebracht. Zwischen den Seiten steckte ein Kassenzettel, auf dessen Rückseite sie Futtermengen notiert hatte. »So geht das nicht weiter«, sagte sie und zog ihn heraus. Jule wartete. Mara blätterte bis zum nächsten Tag. Die Seite war vom Morgen bis zum Abend beschrieben. Selbst die Mittagspause hatte sie mit einer Anprobe gefüllt.
Früher hatte Mara jede freie Stunde als verfügbare Arbeitszeit betrachtet. Nachts konnte man säumen, sonntags Knöpfe annähen, beim Essen Nachrichten beantworten. Als Jule klein gewesen war, hatte eine Nachbarin manchmal die Ladentür übernommen. Mara erinnerte sich daran mit einem unangenehmen Stich. Sie hatte sich ihre Selbstständigkeit inzwischen so erzählt, als hätte sie alles allein geschafft. »Ich habe gerade Angst, dass ihr beide denkt, ich kriege nichts hin«, sagte sie. Jule drehte die Tasse am Henkel. »Ich würde gern wissen, wobei du mich wirklich brauchst. Dann kann ich sagen, was geht.«
Am nächsten Morgen rief Mara den Auftraggeber an. Sie nannte einen realistischen Termin und bot an, die fertigen Vorhangpaare zuerst zu liefern. Der Mann schwieg so lange, dass sie die Naht im Rand ihres Kalenders betrachtete. Schließlich sagte er, er müsse den Aufbau anders planen. Mara hielt aus, dass er unzufrieden war. Sie legten die Teillieferung fest. Danach strich sie zwei kurzfristige Anfragen ab, die sie noch gar nicht zugesagt hatte. Der freie Platz auf der Seite wirkte verschwenderisch. Sie ließ ihn trotzdem frei.
Für Dienstag und Freitag bot Jule feste Besuche an. Falls Mara anderweitig ausfiel, konnte ihre Nachbarin Frau Beck nach Absprache einspringen; Nora blieb die Ansprechpartnerin für Fragen zum Pflegeplatz. Telefonnummern und Absprachen kamen in eine Mappe. Mara rechnete die laufenden Ausgaben durch und legte einen Betrag für zusätzliche Tierarztkosten zurück. Es war weniger Geld übrig, als sie gehofft hatte. Am Abend nähte sie die letzte Vorhangbahn langsam zu Ende. Als sie die Maschine ausschaltete, hörte sie aus dem hinteren Zimmer ein leises Scharren. Piersicuță stand am Kratzbrett. Mara blieb im Durchgang stehen und sah ihm zu, bis er fertig war.
7. Die Unterschrift
Vier Wochen nach seiner Ankunft lag Piersicuță zum ersten Mal im Durchgang zur Küche. Mara musste seitlich an ihm vorbei. Sie stellte ihren Fuß vorsichtig auf die freie Diele und trug das Teeglas mit beiden Händen. Der Kater öffnete ein Auge. Sein Schwanz blieb quer über der Schwelle liegen. Mara hatte an diesem Morgen eigentlich eine Entscheidung mit großen Gefühlen erwartet. Der vereinbarte Pflegestellenzeitraum endete bald. Stattdessen stand sie im Schlafanzug vor einem alten Tier und überlegte, ob sie mit dem Wäschekorb besser durch den anderen Raum ging.
Später fragte sie Jule, ob sie zur Besprechung ins Tierheim mitkommen wolle. »Hast du dich entschieden?« Mara nickte. »Ja. Ich möchte nur die offenen Punkte ordentlich klären.« Jule zog ihre Jacke an. Vor der Abfahrt legte Mara die vertraute senfgelbe Decke in die sichere graue Transportbox. Piersicuță ging nach einigem Warten hinein. Mara schloss das Gitter und prüfte den Verschluss zweimal. Die alte kaputte Box hatte sie längst entsorgt. Den trockenen Gepäckanhänger bewahrte sie in der Mappe auf.
Im Tierheimbüro stand dieselbe Tasse wie beim ersten Gespräch auf Noras Tisch, diesmal gefüllt mit Bleistiften. Sie gingen die Unterlagen durch, besprachen die bisherigen Beobachtungen und die weitere tierärztliche Begleitung. Mara stellte Fragen, die sie beim ersten Mal aus Scham fast übersprungen hatte: Was wäre bei einem längeren eigenen Ausfall? Wen sollte sie frühzeitig informieren? Welche Unterlagen fehlten noch? Nora beantwortete sie, zog ein Blatt aus der Mappe und ließ Mara Zeit zum Lesen. Unter dem Tisch schob Piersicuță eine Pfote bis an das Gitter seiner Box.
Als Mara den Stift ansetzte, fragte Jule: »Soll ich die Freitage auch nach meinem nächsten Ausbildungsblock behalten?« Mara sah kurz auf. »Wenn das für dich passt.« »Bis Dezember passt es. Danach sprechen wir neu.« Mara schrieb ihren Namen zu Ende. Draußen wurde eine Schubkarre über den Hof geschoben. Nora nahm das unterschriebene Blatt und gab ihr eine Kopie. Piersicuță zog die Pfote wieder ein. Nichts an diesem Nachmittag hätte auf einem Foto gezeigt, wie viel sich verändert hatte. Auf der Heimfahrt lag die Mappe auf Jules Knien. Sie hielt sie fest, damit die Blätter in der Kurve nicht herausrutschten.
8. Das Fenster zur Hofseite
Im November musste Mara den senfgelben Stoff von einer fertigen Hose abbürsten. Piersicuțās Haare hatten sich daran festgesetzt, obwohl er nie auf dem Zuschneidetisch saß. Sie fand sie an ihren Ärmeln, am Rand der Einkaufstasche und einmal an einem schwarzen Mantel, den sie sofort sorgfältig reinigte. Der Kater hatte inzwischen einen festen Platz auf dem niedrigen Stuhl am Eichenholztisch im hinteren Zimmer. Von dort konnte er die Küche und das Hoffenster sehen. Wenn Mara von Hand nähte, blieb er manchmal liegen. Wenn sie näher rückte, ging er gelegentlich. Sie hatte aufgehört, jedes Bleiben als Antwort auf sich selbst zu verstehen.
Die Vorhänge waren längst ausgeliefert. Der Auftraggeber hatte die Rechnung bezahlt und beim nächsten Anruf direkt nach ihrer verfügbaren Zeit gefragt. Mara hatte ihm einen Termin genannt, ohne vorher ein entschuldigendes Lachen einzuschieben. Nicht jeder Tag gelang. Einmal vergaß sie die Wäsche in der Maschine. Einmal musste Jule einen Freitag absagen, und Frau Beck übernahm. Die Absprachen wurden geändert, Telefonnummern ergänzt. Piersicuță blieb ein alter Kater mit eigenen Gewohnheiten. Mara lernte sie, ohne daraus eine sichere Kenntnis seiner Vergangenheit zu machen.
An einem Sonntag holte Jule das letzte Buch aus ihrem früheren Zimmer. Der helle Streifen an der Wand war noch sichtbar. »Du könntest da etwas hinhängen«, sagte sie. Mara sah auf die leere Stelle. »Ich weiß noch nicht was.« Jule nickte und stellte das Buch in ihre Tasche. Dann setzte sie sich auf den Küchenboden, weil Piersicuță neben dem Tisch lag. Er streckte sich, stand auf und ging an ihr vorbei zum Wasser. Jule grinste. »Gut, dass ich mich extra bequem hingesetzt habe.« Mara lachte, und diesmal blieb kein zweiter, hastiger Laut dahinter hängen.
Nach Jules Abschied nahm Mara eine Jacke mit losem Futter und setzte sich an den Tisch am Hoffenster. Piersicuță lag auf dem Stuhl neben ihr, die Vorderpfoten über den Rand der Decke geschoben. Sie zog den Faden durch die Nadel. Draußen stellte jemand ein Fahrrad unter das Vordach, Regen tropfte von einem Schutzblech. Als Mara nach der Schere griff, berührten ihre Finger kurz das warme Fell an seiner Schulter. Der Kater hob den Kopf, sah sie an und legte ihn wieder ab. Sie setzte die nächste kleine Naht.
Später würde sie in ihrem Kalender nachsehen, was für Montag vorbereitet werden musste. Wasser wechseln, Rückmeldung geben, eine Hose abstecken, Brot einkaufen. Die Aufgaben standen zwischen den Aufträgen, in derselben Handschrift. Als das Licht schwächer wurde, schaltete Mara die Tischlampe ein. Ihr heller Kreis reichte bis an den Rand der senfgelben Decke.
Abschließend
Ein Platz für Piersicuță entsteht durch viele kleine Entscheidungen: einen ehrlichen Termin, eine abgesprochene Vertretung, einen freien Stuhl. Mara kann seine Vergangenheit nicht verändern. Sie kann dafür sorgen, dass für den nächsten Tag jemand zuständig ist.