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Eine Schweigeminute im Europäischen Parlament: Am 27. Januar 2026 haben die Abgeordneten Tatiana Bucci zugehört. Ihre Geschichte beginnt mit einer Kindheit, die nationalsozialistische Verfolgung gewaltsam unterbrach. Dieser Text erzählt reale, institutionell dokumentierte Ereignisse. Rückblickende Erinnerungen werden als solche kenntlich gemacht; private Gespräche, Gedanken und sinnliche Einzelheiten werden nicht erfunden. Die vorgesehenen Illustrationen sind redaktionelle Veranschaulichungen, keine historischen Aufnahmen.
1. Eine Frau spricht, ein Parlament hört zu
Nach Tatiana Buccis Ansprache schweigen die Abgeordneten eine Minute. Zuvor hat sie von ihrer Familie erzählt, von ihrer Schwester Andra und von einem Jungen namens Sergio. Nun hält die Gedenkveranstaltung inne. Für eine historische Erzählung ist dies ein ungewöhnlicher Anfang: keine nächtliche Verhaftung, kein anfahrender Zug, sondern Menschen, die einer Überlebenden zugehört haben. Die Veranstaltung und ihren Ablauf dokumentiert der Bericht des Europäischen Parlaments vom 27. Januar 2026. Welche Empfindungen einzelne Zuhörer dabei hatten, lässt sich daraus nicht ablesen.
Andra ist an diesem Tag nicht dabei. Parlamentspräsidentin Roberta Metsola richtet ausdrücklich Grüße an sie. Schon diese kleine Unterbrechung des Protokolls macht etwas sichtbar: Auch wenn eine Schwester allein spricht, gehören zu der Geschichte zwei eigenständige Menschen. Die öffentliche Ansprache der Präsidentin hält die Abwesenheit Andras fest, ohne dafür einen Grund zu nennen. Deshalb braucht auch diese Erzählung keinen hinzuzuerfinden. Belegt ist die Verbindung, die in der Begrüßung hergestellt wird: Tatiana ist als Zeugin anwesend, Andra wird als ihre Schwester mitgedacht. Ansprache der Parlamentspräsidentin.
Zwischen einem kleinen Mädchen in einem Lager und einer älteren Frau vor einem Parlament liegt mehr als ein Abstand in Jahren. Dazwischen liegt die Möglichkeit, überhaupt erwachsen zu werden: eigene Entscheidungen zu treffen, Beziehungen einzugehen, einen Alltag zu haben, den niemand für eine Gedenkrede aufschreiben muss. Gerade diese gewöhnliche Lebenszeit ist der Maßstab, an dem sich die Verfolgung von Kindern begreifen lässt. Sie nahm ihnen nicht nur einen sicheren Ort. Sie bedrohte sämtliche noch offenen Möglichkeiten ihres Lebens, bevor sie selbst darüber entscheiden konnten.
Doch vom späteren Rednerpult aus darf der Ausgang nicht rückwärts selbstverständlich werden. Im Frühjahr 1944 gab es für Andra und Tatiana kein Versprechen auf diese Zukunft. Wer ihre Geschichte kennt, weiß bereits, dass beide überlebten. Die Kinder konnten es nicht wissen. Um ihnen näherzukommen, muss die Erzählung dieses Wissen für einen Moment zurücknehmen. Sie muss bei einer Familie beginnen, deren Zusammengehörigkeit gewaltsam zerrissen wurde, und bei zwei Mädchen, für die das nächste Wiedersehen mit ihrer Mutter keineswegs gesichert war.
2. Fiume: Eine Herkunft vor dem Lager
Die Schwestern stammten aus Fiume, dem heutigen Rijeka in Kroatien. Tatiana war sechs, Andra vier Jahre alt, als sie 1944 deportiert wurden. Der Ortsname verweist auf eine Welt, die ihrer Gefangenschaft vorausging: eine Herkunft, eine Familie, ein Leben außerhalb der nationalsozialistischen Lagerordnung. Die biografischen Angaben des Europäischen Parlaments nennen außerdem ihre Mutter Mira und ihren Vater Giovanni. Diese wenigen Namen reichen aus, um den Blick zu verschieben. Vor der Geschichte zweier Überlebender steht die Geschichte zweier Kinder mit Eltern. Biografische Angaben des Europäischen Parlaments.
Vier und sechs: Die Altersangaben lassen sich schnell überlesen. Für diese Geschichte sind sie entscheidend. Von einem vierjährigen Kind kann niemand verlangen, eine Deportation politisch einzuordnen, Zuständigkeiten zu unterscheiden oder eine unbekannte Gefahr zuverlässig zu erkennen. Auch eine Sechsjährige bleibt ein kleines Kind. Wenn Tatiana später über ihre damalige Wahrnehmung sprach, berichtete eine Erwachsene über Erfahrungen, für die dem Mädchen noch die Begriffe fehlten. Zwischen dem damaligen Erleben und seiner späteren Erklärung liegt deshalb eine zweite, oft unsichtbare Arbeit: das nachträgliche Verstehen.
Die überlieferten Lebensstationen führen von Fiume über die Risiera di San Sabba bei Triest nach Auschwitz. Eine solche Folge wirkt auf einer Landkarte übersichtlich. Für die Betroffenen bedeutete sie erzwungene Bewegung, ohne selbst über Ziel oder Rückkehr bestimmen zu können. Auch das Wort Familie verändert dabei seine Bedeutung. Es bezeichnet zunächst die Menschen, zu denen ein Kind gehört. Unter Verfolgung wird daraus zugleich die bange Frage, wer noch zusammenbleiben kann. Die Reise der Bucci-Schwestern war keine gemeinsame Unternehmung ihrer Angehörigen. Sie wurde ihnen aufgezwungen.
Über die letzten vertrauten Stunden vor der Verhaftung lässt sich aus den hier ausgewerteten Quellen keine lückenlose Szene schreiben. Welches Spiel liegen blieb, welches Kleidungsstück fehlte, wer ein Kind zuletzt zu beruhigen versuchte: Solche Einzelheiten wären erzählerisch wirksam, aber ohne Beleg erfunden. Die Leerstelle gehört zur Geschichte. Sie erinnert daran, dass Verfolgte ein privates Leben hatten, auch wenn ein kurzer biografischer Bericht davon kaum etwas bewahrt. Andra und Tatiana müssen keine erfundene Lieblingspuppe besitzen, damit der Verlust ihrer sicheren Kindheit Gewicht bekommt.
3. Auschwitz: Die Mutter ist nicht mehr selbstverständlich erreichbar
Am 4. April 1944 erreichten die Schwestern Auschwitz. Das Datum und ihr Alter werden sowohl in der späteren parlamentarischen Biografie als auch in einer älteren Mitteilung des italienischen Außenministeriums übereinstimmend angegeben. Für den weiteren Verlauf ist die Trennung von ihrer Mutter wesentlich. Die parlamentarische Biografie dokumentiert, dass Mira später zur Zwangsarbeit nach Deutschland gebracht wurde, während die Mädchen in Auschwitz blieben. Damit verliefen ihre Lebenswege unter der Gewalt der Verfolger zeitweise auseinander. Biografische Übersicht zu Tatiana Bucci und ihrer Familie.
Für ein Kind kann die Erreichbarkeit der Mutter eine sehr konkrete Frage sein: Kann ich zu ihr gehen, wenn ich sie brauche? In der Geschichte der Schwestern wird gerade diese Möglichkeit zum Gegenstand fremder Macht. Erwachsene bestimmen, wer sich wo aufhalten darf. Später werden andere Erwachsene das Versprechen eines Wiedersehens benutzen, um Kinder fortzubringen. Man muss keinen erfundenen Abschied zwischen Mira und ihren Töchtern einsetzen, um die Tragweite dieser Trennung zu erkennen. Sie wird an dem sichtbar, was ein Lager mit einer alltäglichen familiären Verbindung tun konnte.
Spätere Berichte bringen das Überleben der Schwestern bei der Ankunft mit einer möglichen Verwechslung als Zwillinge in Zusammenhang. Dabei ist Zurückhaltung nötig: Ein nachträglicher Erklärungsversuch ist keine vollständige Rekonstruktion der Entscheidung eines Täters. Selbst institutionelle Kurztexte sind hier sprachlich ungenau. In der deutschen Parlamentsmitteilung steht einmal die Bezeichnung Zwillingsschwester, obwohl dieselbe Quelle unterschiedliche Altersangaben nennt. Sicher festhalten lässt sich: Andra und Tatiana waren Schwestern unterschiedlichen Alters. Eine vermeintliche Ähnlichkeit sollte nicht zur sicheren, einzigen Erklärung ihres Überlebens gemacht werden.
Auschwitz war ein von nationalsozialistischem Deutschland betriebenes Lager- und Vernichtungssystem im besetzten Polen. Die amerikanische National Archives and Records Administration beschreibt ausdrücklich dessen Funktion der Gefangenschaft und des Massenmords. Dieser Zusammenhang ist für die Familiengeschichte unverzichtbar. Die Trennung der Kinder von ihrer Mutter geschah unter organisierter Verfolgung. Sie war kein zufälliger Verlust des Kontakts, den eine Familie mit mehr Umsicht hätte verhindern können. Die Verantwortung liegt bei den Menschen und Einrichtungen, die diese Gewalt ausübten. National Archives zur Geschichte und Befreiung von Auschwitz.
4. Die Aussicht auf die Mutter wird zur Falle
In Tatianas späterem Bericht gibt es einen Moment, in dem das Wiedersehen mit der Mutter plötzlich in Aussicht gestellt wird. Die Schwestern seien zuvor gewarnt worden, auf eine entsprechende Aufforderung nicht zu reagieren. Sie hätten diese Warnung an ihren Cousin Sergio weitergegeben. Während die Mädchen zurückblieben, ging Sergio mit. So fasst der parlamentarische Bericht Tatianas Erinnerung zusammen. Der Ablauf wird hier als ihr rückblickendes Zeugnis wiedergegeben; ein wortgetreuer Dialog aus der damaligen Situation ist damit nicht belegt. Parlamentsbericht über Tatianas Erinnerung.
Die erschütternde Kraft dieses Moments liegt in der Verwendung einer gewöhnlichen kindlichen Sehnsucht. Zu seiner Mutter zu wollen, verlangt unter normalen Umständen keine Erklärung. Ein Kind muss diesen Wunsch nicht rechtfertigen, und es müsste auch nicht lernen, einem entsprechenden Angebot grundsätzlich zu misstrauen. Im Lager wurde genau daraus eine Gefahr. Was Nähe versprach, führte fort. Der Gegensatz lässt sich beschreiben, ohne den Kindern ausgedachte Gedanken zuzuschreiben: Die Bedeutung des Angebots für einen Erwachsenen, der den Ausgang kennt, unterscheidet sich grundsätzlich von seiner Bedeutung für ein getrenntes Kind.
Der Bericht verlangt dem Leser dabei eine schwierige Disziplin ab. Er lässt sich leicht in eine Geschichte über richtiges und falsches Verhalten verwandeln: Zwei Kinder befolgten eine Warnung, ein anderes tat es nicht. Eine solche Lesart würde die Verantwortung verschieben. Sergio war ein Kind in der Gewalt von Tätern. Er schuldete ihnen gegenüber keine besondere Durchsicht, und sein Wunsch nach seiner Mutter war kein Fehler, der seinen späteren Tod erklärte oder rechtfertigte. Die Täuschung gehört zur Tat der Erwachsenen. Sie darf nicht als Versagen des Jungen erzählt werden.
Auch das Zurückbleiben der Schwestern sollte nicht nachträglich zur souveränen Entscheidung zweier kleiner Heldinnen umgeschrieben werden. Die überlieferte Warnung war eine Hilfe unter Bedingungen, die sie selbst nicht geschaffen hatten und nicht beherrschten. Ihr Überleben verdient Aufmerksamkeit, ohne dass daraus eine Anleitung zum Überleben wird. Keine Regel, kein besonderer Mut und keine einzelne familiäre Bindung konnte in Auschwitz Sicherheit garantieren. In dieser Szene geht es um die Reichweite einer konkreten Warnung und zugleich um ihre Grenze: Sie erreichte drei Kinder, aber sie konnte nicht alle drei bewahren.
5. Sergio gehört zur Geschichte der Schwestern
Sergio war der Cousin von Andra und Tatiana, nicht ihr Neffe. Tatianas späterer Bericht verbindet sein Fortgehen mit seiner anschließenden Deportation in ein anderes Lager und seiner Ermordung. Damit endet sein eigener Lebensweg, während der seiner Cousinen weiterführt. Die Verwandtschaft ist mehr als eine redaktionelle Einzelheit. Sie bestimmt, wie die drei Kinder zusammengehörten. Wer Sergio zum bloßen Nebencharakter einer Überlebensgeschichte macht, übersieht, dass auch er ein eigenes Leben hatte, dessen Möglichkeiten vernichtet wurden. Parlamentsbericht zur Familiengeschichte.
An dieser Stelle laufen zwei Perspektiven auseinander. Die spätere Erzählerin kann von Sergios Tod berichten. Die Kinder im Lager verfügten nicht über diese spätere Übersicht. Eine sorgfältige Erzählung legt ihnen deshalb kein Wissen über seinen weiteren Weg in den Mund. Sie beschreibt auch keine letzte Vorahnung, keinen bedeutungsschweren Blick und keinen bewusst endgültigen Abschied. Solche Mittel würden den Augenblick nach den Bedürfnissen eines heutigen Publikums ordnen. Die historische Härte besteht gerade darin, dass ein Fortgehen geschehen konnte, ohne dass die Zurückbleibenden seine endgültige Bedeutung kannten.
Für Leser entsteht dadurch ein Warten, dessen Ausgang ihnen bekannt ist. Man möchte eingreifen, die Warnung noch einmal aussprechen, den Jungen zurückhalten. Doch diese Bewegung findet allein beim Lesen statt. Sie ändert nichts am Geschehen. Was sie leisten kann, ist Aufmerksamkeit: Sergio nicht nur dort zu erwähnen, wo sein Schicksal das Überleben der Schwestern dramatischer erscheinen lässt, sondern bei seinem Namen innezuhalten. Eine Familiengeschichte bleibt unvollständig, wenn sie nur den Menschen folgt, die später selbst erzählen konnten. Die Ermordeten hinterlassen keine eigene Fortsetzung.
Andra und Tatiana überlebten; Sergio wurde ermordet. Beide Tatsachen müssen nebeneinander stehen dürfen, ohne dass die eine die andere erzählerisch ausgleicht. Ihre Wiedervereinigung mit den Eltern wird später ein wirklicher, kostbarer Ausgang sein. Für den Cousin gibt es keinen entsprechenden Schluss. Darin liegt eine Grenze des vertrauten Erzählbogens: Nicht jeder eingeführte Mensch erreicht die Auflösung. Gerade deshalb braucht diese Geschichte keinen zusätzlichen Schrecken, keine erfundene Grausamkeit und keine ausführliche Darstellung seines Todes. Sein fehlendes weiteres Leben ist bereits ein unwiderruflicher Verlust.
6. Befreiung: Das Lager endet, der Heimweg bleibt offen
Am 27. Januar 1945 befreiten sowjetische Truppen den Lagerkomplex Auschwitz. Die National Archives dokumentieren dieses Datum und den Zustand, den die Soldaten dort vorfanden. Für die Geschichte der Bucci-Schwestern ist die Befreiung die entscheidende äußere Wende: Die nationalsozialistische Lagerherrschaft endete. Dennoch wäre es falsch, mit diesem Tag unmittelbar die Rückkehr zur Familie zu erzählen. Zwischen dem Ende der Gefangenschaft und dem Wiedersehen mit ihren Eltern lag für Andra und Tatiana ein weiterer, langer Abschnitt ihres jungen Lebens. National Archives über die Befreiung am 27. Januar 1945.
Die parlamentarische Biografie nennt nach der Befreiung die Unterbringung in Lingfield House in Südengland. Sie beschreibt damit eine Nachkriegsstation außerhalb Italiens. Der knappe Überblick liefert allerdings keine vollständige Reisechronik. Deshalb wird daraus hier weder ein unmittelbarer Transport aus Auschwitz nach England noch eine lückenlose Abfolge einzelner Tage gemacht. Sicher ist für den Erzählbogen der Ortswechsel: Die Schwestern befanden sich nun in einer anderen Umgebung, während die Wiedervereinigung mit ihren Eltern noch ausstand. Biografische Übersicht zur Nachkriegszeit.
Eine Unterkunft für Kinder beantwortet eine andere Frage als eine Familie. Sie kann einen Ort bereitstellen; sie beantwortet für sich genommen noch nicht die Frage nach Mutter und Vater. In der Rückschau werden diese beiden Ebenen leicht zusammengeschoben, weil ein kurzer Lebenslauf nur wenige Sätze für die Nachkriegszeit übrig hat. Für die Mädchen verging währenddessen wirkliche Lebenszeit. Ein weiteres Jahr im Kindesalter ist kein schmaler Übergang zwischen zwei historischen Daten. Es gehört selbst zur Kindheit, die eine Erzählung über Verfolgung und Überleben ernst nehmen muss.
Über den ersten gewöhnlichen Morgen außerhalb des Lagers, über Spiele und neue Bekanntschaften sollte nur geschrieben werden, was eine entsprechende Quelle trägt. Ein solches Bild lässt sich nicht aus dem Wort Kinderheim allein ableiten. Dennoch verändert sich an dieser Stelle die zentrale Frage der Geschichte. Während der Gefangenschaft stand das Weiterleben unter unmittelbarer Gewalt auf dem Spiel. Danach wird aus dem offenen Überleben ein offener Heimweg. Die Kinder sind befreit, aber ihre Zugehörigkeit muss wieder praktisch werden: durch erreichbare Eltern, durch ein Wiedersehen, durch einen Ort, an dem sie zusammenleben können.
7. Dezember 1946: Wiederfinden zwischen anderen Suchenden
Im Dezember 1946 wurden Andra und Tatiana in Italien mit ihren Eltern wiedervereint. Die biografische Übersicht nennt auch die getrennten Kriegswege der Eltern: Mira war zur Zwangsarbeit nach Deutschland gebracht worden, Giovanni befand sich als Kriegsgefangener in Südafrika. Die Wiedervereinigung führte somit Menschen zusammen, die sich an verschiedenen Orten außerhalb eines gemeinsamen Familienalltags befunden hatten. Das Datum bezeichnet einen tatsächlichen Ausgang, keinen bloßen Wunsch. Was die Beteiligten dabei im Einzelnen sagten oder taten, ist mit dieser knappen Angabe allerdings nicht überliefert. Parlamentarische Biografie zur Wiedervereinigung.
Man könnte nun eine Umarmung ausmalen, eine vertraute Stimme im Gedränge hörbar machen oder die Mädchen durch einen Bahnhof laufen lassen. Doch die Wirkung einer solchen Szene wäre mit erfundenen Einzelheiten erkauft. Für die Bedeutung des Wiedersehens sind sie nicht nötig. Die Eltern und ihre Töchter konnten wieder zusammenkommen. Nach erzwungener Trennung ist bereits diese Möglichkeit konkret: Der andere Mensch ist erreichbar, das Suchen hat für diese Familie einen Ausgang gefunden. Daraus beginnt eine neue gemeinsame Gegenwart, deren Alltag sich nicht mit einem einzigen festlichen Augenblick erledigt.
Zu ihrer Rückkehr nach Rom erzählte Tatiana später eine andere, besonders eindringliche Begebenheit. Den Schwestern wurden Bilder vermisster Kinder gezeigt, in der Hoffnung, sie könnten jemanden erkennen. Die parlamentarische Zusammenfassung ihrer Ansprache hält diese Erinnerung fest. Inmitten der eigenen Rückkehr begegneten ihnen damit die Fragen anderer Familien. Ein Foto wurde zur Bitte um Auskunft: Vielleicht hatten diese Mädchen jemanden gesehen. Welche Worte einzelne Eltern wählten und was die Schwestern jeweils antworteten, lässt sich aus dem Bericht nicht rekonstruieren. Tatianas Bericht über die Fotos in Rom.
Diese Bilder verändern den Blick auf das Wiederfinden. Für Andra und Tatiana führte die Rückkehr zu den Eltern; neben ihnen blieb die Suche anderer Menschen offen. Zwei kleine Überlebende wurden zu möglichen Trägerinnen einer Nachricht, die Erwachsene dringend brauchten. Daraus erwuchs jedoch keine Verpflichtung, eine Antwort liefern zu können. Ein Kind kann nicht verantwortlich sein für alles, was es gesehen, nicht verstanden oder nicht behalten hat. Die Szene verdient gerade deshalb besondere Behutsamkeit: Die Hoffnung der Suchenden war real, und die begrenzte Auskunft der Kinder war ebenso real. Beides gehört zur Nachgeschichte der Verfolgung.
8. Was weitergegeben wird
Viele Jahrzehnte später werden aus den Kindern Frauen, die öffentlich Zeugnis ablegen. Ihre Geschichte erreicht Menschen, die weder ihre Familie noch das Lager gekannt haben. Der Auftritt Tatianas im Europäischen Parlament ist eine dokumentierte Station dieses öffentlichen Erinnerns. In der Ansprache der Präsidentin erscheinen die Schwestern zugleich als Kinder von damals und als Menschen, deren Zeugnis heute gehört werden soll. Dieser Wechsel der Perspektive verlangt Aufmerksamkeit: Die ältere Frau darf nicht auf das verfolgte Mädchen reduziert werden, und das Mädchen darf hinter der feierlichen Veranstaltung nicht verschwinden. Ansprache zum Holocaust-Gedenktag 2026.
Wer einer Überlebenden zuhört, erhält keine Erlaubnis, ihre Geschichte beliebig auszuschmücken. Das gilt auch für gut gemeinte Zusätze. Ein erfundener Satz der Mutter könnte beim Lesen Trost spenden und dennoch ihre tatsächliche Stimme überdecken. Ein ausgedachter Gedanke Tatianas könnte verständlich klingen und dennoch etwas behaupten, das sie nie gesagt hat. Genauigkeit ist deshalb eine Form der Nähe. Sie lässt eine Zeugin selbst bestimmen, was von ihrem Erleben überliefert wird, und hält zugleich offen, welche Fragen ein kurzer Bericht unbeantwortet lässt.
Das Zuhören endet außerdem nicht bei der Würdigung außergewöhnlicher Widerstandskraft. Die Geschichte stellt konkrete Beziehungen vor Augen: Eltern und Töchter, zwei Schwestern, ihre Verbindung zu Sergio. Sie zeigt, wie Gewalt diese Beziehungen trennte und wie ungleich die Lebenswege weitergingen. Daraus folgt keine Pflicht der Überlebenden, durch ihr späteres Leben einen Sinn für das Erlittene bereitzustellen. Die Aufgabe der Nachgeborenen liegt anderswo: Namen richtig wiederzugeben, Täterverantwortung nicht zu verwischen und zwischen einem belegten Ereignis, einer Erinnerung und einer eigenen Deutung unterscheiden zu können.
Am Ende dieser Erzählung steht deshalb das Wiedersehen als wirkliche Wendung, nicht als Abschluss allen Verlusts. Andra und Tatiana konnten mit ihren Eltern weiterleben. Sergio konnte es nicht. Jahrzehnte später wurde ihre Familiengeschichte öffentlich gehört. Die kurze Stille nach Tatianas Ansprache bietet dafür ein angemessenes Schlussbild: Für einen Moment tritt die Forderung nach dem nächsten Satz zurück. Was bleibt, sind Menschen, denen etwas geschehen ist, und die Verantwortung, ihre Geschichte so weiterzugeben, dass ihre Namen, ihre Unterschiede und die Grenzen unseres Wissens erhalten bleiben.
Abschließend
Die Geschichte von Andra und Tatiana Bucci führt von einer gewaltsam unterbrochenen Kindheit über Auschwitz und die Nachkriegsunterbringung bis zur Wiedervereinigung mit den Eltern. Ihr späteres Zeugnis bewahrt zugleich die Erinnerung an ihren Cousin Sergio. Überleben und Verlust stehen darin nebeneinander.
Quellenangaben
Dieser Artikel basiert auf vertrauenswürdigen und geprüften Informationen.
- https://www.europarl.europa.eu/pdfs/news/expert/2026/1/press_release/20260126IPR32623/20260126IPR32623_de.pdf
- https://www.europarl.europa.eu/pdfs/news/expert/2026/1/press_release/20260122IPR32583/20260122IPR32583_es.pdf
- https://the-president.europarl.europa.eu/home/ep-newsroom/pagecontent/actualites/parliament-marks-international-holocaust-remembrance-day-with-survivor-tatiana-bucci.html
- https://www.archives.gov/press/press-releases/2020/nr20-28